«So ein US-Präsident wäre für Moskau ein Geschenk»

«Wir wissen alle, dass Putin über bessere Führungsqualitäten verfügt als Obama», sagte Präsidentschaftskandidat Donald Trump. Doch wie kommen solche Worte in Russland an? SRF-Korrespondent David Nauer hat sich in Moskau umgehört.

Junge Frau trägt ein Sweatshirt mit der Aufschrift «Trump Putin '16». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Trump und Putin – Fans des einen würden sich freuen, wenn der andere gewählt würde. Keystone

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David Nauer

David Nauer

David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Sind Donald Trumps «Liebesgrüsse aus den USA» in Russland zur Kenntnis genommen worden?

David Nauer: Ja das sind sie. Die Kreml-nahe Elite würde, wenn sie könnte, wohl Trump wählen. Man hält den republikanischen Präsidentschaftskandidaten in Moskau für einen Pragmatiker, mit dem man sich dann schon einigen kann. Hillary Clinton dagegen ist extrem unbeliebt, um nicht zu sagen: verhasst. Sie gilt in Moskau als knallharte Ideologin, als richtige Feindin Russlands. Offiziell hält sich der Kreml aber zurück mit Kommentaren. Bei Präsident Wladimir Putin und seiner Verwaltung wird immer wieder betont, man werde mit jedem US-Präsidenten zusammenarbeiten. Wer dies dann sein werde, sei Sache des amerikanischen Volkes.

Clinton halten viele für eine Katastrophe, Trump für einen Pragmatiker. Wäre er das für Russland kleinere Übel?

Das glaube ich nicht. Die Hoffnungen gehen relativ weit. Führende Politiker aus dem Parlament sprechen sogar davon, mit Trump sei ein Neustart der russisch-amerikanischen Beziehungen möglich. Wenn man hier in Moskau so zuhört, dann scheint es, dass den Russen vor allem zwei Dinge an Trump gefallen: Erstens will er die Rolle der USA in der Welt zurückfahren. Und zweitens ist er kein Ideologe. Trump geht es nicht darum, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf der Welt zu verbreiten. Er will einfach Geschäfte machen. Und so ein US-Präsident wäre für Moskau quasi ein Geschenk. Auch deswegen, weil Clinton für ein ganz anderes Amerika steht; eines, das nach Überzeugung Moskaus überall auf der Welt bunte Revolutionen angezettelt hat und versucht hat, unter dem Deckmantel der Demokratisierung den Machtbereich auszuweiten. Deshalb hofft man auf Trump.

«  Trump will die Rolle der USA in der Welt zurückfahren. »

Von russischen Sympathien für Trump

4:29 min, aus Echo der Zeit vom 29.07.2016

Trump war bisher vor allem ein Ankündiger. Erkennt man das in Russland auch?

Ja, das sieht man hier ganz klar. Es gibt auch diverse skeptische Stimmen in Moskau. Aussenpolitik-Experte Fjodor Lukjanow, einer der besten Kenner der geopolitischen Lage, hat gesagt, es sei sehr schwer, vorauszusagen, wie die russisch-amerikanischen Beziehungen unter Trump aussehen würden. Er sagt, Trump sei sehr schwer einzuschätzen, er habe keinen klaren Kurs. Hinzu komme, dass der US-Präsident nicht irgendein Imperator sei, der die Aussenpolitik nach Gutdünken ändern könne. Lukjanow sagte: «Mit Trump wissen wir nicht, wie unsere Beziehungen werden. Mit Clinton werden sie nicht gut.»

«  Man darf die russische Sympathie für Trump nicht isoliert sehen. »

Sieht Putin in Trump möglicherweise einen weiteren, populistischen Verbündeten?

Das ist ein wichtiger Punkt. Man darf diese russische Sympathie für Trump nicht isoliert sehen. Russland unterstützt ja auch in anderen Ländern rechte und rechtspopulistische Kräfte; zum Beispiel Marine Le Pen in Frankreich oder die deutsche AfD. Russland hat langfristig ein Interesse an einem geschwächten Westen, der nicht mehr als geschlossener Block auftritt.

Natürlich würde das in Moskau niemand so direkt zugeben. Aber im Kern geht es wohl darum, eine neue Weltordnung zu schaffen, in der die liberale Demokratie nicht mehr das einzig akzeptierte, das ideale Gesellschaftsmodell ist, sondern eine Welt, in der verschiedene Systeme nebeneinander existieren und die grossen Staaten die Welt in Einfluss-Sphären aufteilen. In Moskau vermutet man wahrscheinlich, dass man diesem Ziel mit Trump sehr viel näher kommt als mit Clinton.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

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