So funktioniert die Steueroase British Virgin Islands

Am G-20-Gipfel wollen die grössten Industrienationen Steueroasen trockenlegen. Die meisten Briefkastenfirmen der Welt liegen in der Karibik auf den British Virgin Islands. Die «10vor10»-Reportage zeigt, wie das Geschäft funktioniert.

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Zu Besuch auf den Virgin Islands (10vor10, 05.09.2013)

8:07 min, vom 5.9.2013
Sandstrand auf British Virgin Islands. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: British Virgin Islands, mehr als nur ein Ferienparadies. Keystone

Der Zugang zu den Schatzinseln gestaltet sich nicht eben paradiesisch: Für Filmaufnahmen auf den British Virgin Islands (BVI) brauche es eine Einreise- und eine temporäre Arbeitsbewilligung, einzuholen durch eine lokal ansässige Firma. Der Preis: 475 Dollar. Alles läuft unter dem Titel «Fee». Gebühren sind das Zauberwort und Lebenselixier der Inseln, die weder Einkommens-, Gewinn- noch Vermögens- oder Mehrwertsteuern erheben.

Rund 60 Prozent der Inseleinnahmen stammen von Gebühren, die Steueroptimierer aus aller Welt bezahlen, um Briefkastenfirmen zu errichten und über Strohmänner betreiben zu lassen. Die Insel hängt am Tropf eines moralisch fragwürdigen Geschäfts, das der Weltwirtschaft gemäss Studien insgesamt 200 bis 300 Milliarden Dollar entzieht.

Briefkasten-Anbieter: Tipps, wie Vermögen versteckt werden kann

Auf der sanft hügeligen Inselgruppe nicht weit vom Armenhaus Haiti entfernt, ist das Errichten und Betreiben von Scheinfirmen legal. Vor der Kamera will dennoch niemand zum Geschäftsmodell Stellung nehmen. Umso zuvorkommender ist man am Telefon, wenn ich mich als Kundin ausgebe.

Eine Scheinfirma, deren einziger Zweck es ist, mein Vermögen vor den Schweizer Steuerbehörden zu verstecken? Kein Problem! Sie hätten viele Kunden, die die Briefkästen nur dafür gründen, sagt der freundliche Berater. Laut Schweizer Gesetz ist das Steuerhinterziehung und wird mit Busse bestraft. Der Berater winkt ab. Es gehe doch lediglich darum, Möglichkeiten zu nutzen, um Steuern zu sparen. Und damit die Hinterziehung nicht auffliege, werde der Name des Firmenbesitzers geheim gehalten. Handelsregister sind ein Fremdwort auf den BVI.

Potenter Finanzplatz mit der Fassade eines Drittweltlandes

Mit dem Anwalt und Spezialisten für Finanzbetrug Martin Kenney fahre ich durch die Strassen von Roadtown, der Bahnhofstrasse der Schatzinseln. Die Häuser bunt, aber ärmlich, nur hie und da haben Firmenschilder das Wort «Trust» im Titel. Dahinter verbergen sich rund eine halbe Million Scheinfirmen, 25mal mehr als die Insel Bewohner zählt.

Einige dieser Konstrukte würden für Betrug und Geldwäscherei missbraucht, sagt Kenney. Wie viele? Das wisse niemand. Gemäss seiner Erfahrung sei es aber ein kleiner Prozentsatz. Der grosse Rest bewegt sich im Graubereich der legalen Steueroptimierung von Firmen wie Apple oder Starbucks, die ihre Steuern nicht dort zahlen, wo der Gewinn anfällt, sondern dort, wo es am günstigsten ist. 



Der Gouverneur: Stolz aufs Steuerparadies

Am herrschaftlichen Sitz des Insel-Gouverneurs begrüsst mich Boyd McCleary, ein fröhlicher Diplomat eingesetzt von der britischen Königin. Der Einfluss Englands auf sein Überseegebiet reicht weit über das Fahren auf der linken Strassenseite hinaus. Es gäbe allen Grund, stolz aufs Insel-Steuerparadies zu sein, sagt der Gouverneur. Immerhin hätten sich die Bewohner vor 30 Jahren so aus ihrer kargen Existenz als Bauern und Fischer befreien können. 



«Es geht nicht um Moral», entgegnet er auf meinen Einwand, dass seine Inseln davon leben, der Weltwirtschaft Steuersubstrat zu entziehen. Jedem Land sei frei gestellt, wie es seine Steuern gestalte. Viele andere würden das gleiche machen.

Dass die Cash Cows seiner Insel für Betrug und Geldwäscherei missbraucht werden können, erstaunt den Gouverneur nicht weiter: «Bei 500'000 Firmen ist zu erwarten, dass einige schlechte Äpfel im Korb sind.» Der Ruf der Insel sieht der elegante Brite aber deswegen nicht in Gefahr, das Geschäft laufe auch nach den Enthüllungen von Offshore-Leaks weiterhin gut.

Trotz G-20 Gipfel deutet nicht viel auf Austrocknen der Steueroase

Die Datenfülle von Offshore-Leaks hat die Hintermänner Dutzender Briefkastenfirmen auf den British Virgin Islands enthüllt. Darunter auch die Familien ehemaliger Diktatoren wie Suharto von Indonesien und Marcos auf den Philippinen.

Dem Gouverneur scheint das nicht bekannt zu sein. Lieber verweist er auf den britischen Premier David Cameron, der die zu seinem Land gehörenden Steuerparadiese angewiesen hat, öffentlich einsehbare Handelsregister für die Scheinfirmen zu schaffen. Für Betrugsermittler Martin Kenney ist das Augenwischerei: «In diesen Registern wird man nur Namen von neuen Scheinfirmen oder Strohmännern finden.»

Der Premier: «Möge Gott diese wunderbaren Inseln beschützen»

Ich frage mich derweil, wie offensiv eine Insel mit einem Geschäft aufräumen will, das ihr Überleben sichert. Was kommt danach, happige Steuern für die Einwohner oder Subventionen von der englischen Krone? Das glaube er nicht, sagt der Gouverneur und lächelt milde. In einer nach Offshore-Leaks produzierten Videoansprache beruhigt der Premierminister sein Volk: Die Inseln hätten schon viele Herausforderungen gemeistert, bei dieser werde es nicht anders sein. «Möge Gott diese wunderbaren Inseln beschützen.»