Notstand in Englands Spitälern Sparpolitik in der Sozialpflege rächt sich schmerzlich

Hunderttausende auf der Insel sind ohne Heimpflege. Die Bedürftigen überfüllen die Spitäler. Die Regierung wiegelt ab.

Zum Jahresbeginn veröffentlichte das britische Rote Kreuz eine alarmierende Diagnose: Das britische Gesundheitswesen befinde sich in einer humanitären Krise. Der Chef der Organisation, Mike Adamson, verteidigte die Behauptung.

«  Hunderttausende vor allem Ältere erhalten keine Heimpflege mehr, weil die Regierung dieses Budget um Milliarden gekürzt hat. »

Mike Adamson
Leiter Britisches Rotes Kreuz

Die so genannte Sozialpflege ist in England die Aufgabe der Kommunen. Deren Budgets sind seit 2010 von der Zentralregierung um 37 Prozent gekürzt worden. Deshalb müssen ältere Patienten oft viel länger im Spital bleiben als nötig, weil sie zuhause niemand versorgt.

Premier May: Aussage verantwortungslos und übertrieben

NHS-Chef Simon Stevens Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: NHS-Chef Simon Stevens Imago/Archiv

Simon Stevens, Chef des gigantischen Gesundheitsdienstes NHS bestätigte letzte Woche vor einem Unterhausausschuss, dass sich derartige Verzögerungen in den letzten drei Jahren verdoppelt hätten. Das erhöhe den Druck.

Doch Premierministerin Theresa May beschied dem Oppositionsführer im Unterhaus, das Rote Kreuz habe unrecht: Alle wüssten, wie eine humanitäre Krise aussehe. Diesen Begriff auf den NHS anzuwenden, sei verantwortungslos und übertrieben. Die Regierung wiederholte stattdessen unermüdlich, das Gesundheitsbudget sei höher als versprochen.

NHS-Chef Stevens erhöhte seine Popularität in Downing Street nicht, als er widersprach: Sein Gesundheitsdienst habe weniger erhalten als verlangt. Das Gegenteil zu behaupten, sei riskant. Und als ein Spitzenbeamter des Gesundheitsministeriums den Abgeordneten weismachen wollte, die britische Regierung gebe gleich viel für Gesundheit aus wie vergleichbare Staaten, intervenierte Stevens: Er widerspreche ungern, aber die britischen Gesundheitsausgaben pro Kopf seien 30 Prozent tiefer als in Deutschland.

«  Die Briten geben pro Kopf 30 Prozent weniger für Gesundheit aus als die Deutschen. »

Simon Stevens
Chef des National Health Service NHS

Paradoxerweise verschleierten die Regierungsbeschlüsse, den Gesundheitsdienst von Sparmassnahmen zu verschonen, seit 2010 das Problem: Der NHS wurde zum Auffangbecken für Problemfälle, die anderswo durch Budgetkürzungen geschaffen wurden. Namentlich bei der Heimpflege, aber auch durch die Schliessung von kommunalen Pflegeheimen. Senioren landen rascher als früher in den überlasteten Notfallabteilungen und blockieren dann unnötigerweise Spitalbetten.

Demografie verschärft das Problem

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Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

NHS-Chef Stevens hatte wie immer die Zahlen griffbereit: Täglich erhöhe sich die britische Lebenserwartung um fünf Stunden. Nicht nur die Spitäler, sondern auch die Hausärzte spürten den Druck.

Diese hatten schon unter den Blair-Regierungen mehr Lohn und geringere Präsenzzeiten ausgehandelt. Die Zahlen sprechen erneut für sich: Es sei doch logisch, so Stevens, dass sich bei jährlich 300 Millionen Arztterminen und 23 Millionen Notfall-Aufnahmen der Druck in den Spitälern erhöhe, wenn Arzttermine schwerer erhältlich seien.

Wie lange kann May noch warten?

Die Zahlen allein sind gefühllos, aber die Nachrichten sind voll von greisen Patientinnen, die stundenlang auf einem Schragen auf ihre Behandlung warten; von kranken Kindern, die notdürftig auf zwei zusammengeschobenen Stühlen ausharren müssen.

Politisch ist das alles explosiv, denn der allein aus Steuern finanzierte Gesundheitsdienst mit seinen anderthalb Millionen Beschäftigten ist ein britisches Totem, ein Identitätsmerkmal. Wehe der Regierung, die den NHS nicht zur obersten Priorität erklärt.