Staatsstreich in der Türkei – eine Verschwörung?

Nach dem Aufstand in Ankara und Istanbul brodelt die Gerüchteküche. Erdogan-Kritiker erwägen, ob der Aufstand gegen die Regierung inszeniert worden sei. Erdogan dient der Putsch tatsächlich als Steilvorlage: Jetzt kann er noch härter gegen angebliche Staatsfeinde vorgehen.

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Bildlegende: Kein Zweifel, der Putsch spielt ihm in die Hände. Aber Erdogan wirkte auch nervös. Reuters

War der Putsch nicht verdächtig dilettantisch?

Er wurde zwar schnell niedergeschlagen, kostete aber einen hohen Blutzoll. Der prominente türkische Autor und Journalist Ahmet Sik stellt eine pikante These auf: Die Regierung habe vorzeitig vom Plan Wind bekommen, so dass sich die Umstürzler – noch bevor ihre Vorbereitungen abgeschlossen waren – zum Handeln gezwungen sahen. Dafür spricht, dass Sicherheitsvorkehrungen durch regierungstreue Polizeikräfte noch vor dem Aufstand sichtbar erhöht worden waren. Es ist auch nicht der erste gescheiterte Putsch in der Türkei – einen solchen gab es bereits 1963.

Hätte Erdogan den Aufstand inszenieren können?

Angesichts von Erdogans Einfluss wäre das vermutlich nicht undenkbar, aber doch eher unwahrscheinlich. Unter den mutmasslichen Rädelsführern sollen fünf Generäle und 28 Oberste sein, die mit Erdogan unter einer Decke hätten stecken müssen. Erdogan hat indes öffentlich angekündigt, dass sie «einen sehr hohen Preis» bezahlen, vermutlich werden sie viele Jahre im Gefängnis sitzen müssen. Welchen Vorteil die Offiziere von einer solchen Verschwörung hätten, erschliesst sich nicht.

Was hätte Erdogan von einem vorgetäuschten Putsch?

Die Aussicht auf mehr Macht. Der Putschversuch dürfte Erdogan als Argument für sein wichtigstes und umstrittenstes Ziel dienen: die Einführung eines Präsidialsystems, das nach seinen Worten für mehr Stabilität in der Türkei sorgen soll. Allerdings: Erdogan ist bereits jetzt unangefochten der mächtigste Politiker der Türkei. Die Chancen, dass er sein Präsidialsystem bekommt, standen schon vor dem Putschversuch nicht schlecht. Eine Inszenierung erscheint insofern als ein sehr hohes Risiko – für einen womöglich relativ kleinen Preis.

Ist Erdogan nicht bekannt für seine Risikofreude?

Doch. Aber ein vorgetäuschter Putsch wäre wohl auch für seine Verhältnisse extrem hoch gepokert. Ein westlicher Sicherheitsexperte, der an eine Inszenierung nicht glauben mag, drückt das so aus: «Das wäre, als würdest Du Dein Haus anzünden und dabei hoffen, dass es nicht abbrennt. Aber am Ende brennt es vielleicht doch ab.»

Wirkte Erdogan beim Putschversuch, als ob er alles unter Kontrolle hätte?

Nein. Er und auch Ministerpräsident Binali Yildirim wirkten nervös. Mitarbeiter aus Erdogans Umfeld schienen verunsichert.

War es um Erdogan nicht verdächtig still in den Tagen vor dem Aufstand?

Das stimmt. Regierungskreise liefern dafür aber eine plausible Erklärung: Erdogan habe den Bayram-Urlaub nachgeholt, den er während des Festes zum Ende des Fastenmonats Ramadan nicht mit seiner Familie verbringen konnte – weil er beim Nato-Gipfel in Warschau war.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Putschversuch Türkei

    Aus Tagesschau vom 16.7.2016

    Bei dem gescheiterten Putsch in Ankara und Istanbul sind 265 Menschen ums Leben gekommen. Mittlerweile hat die gewählte Regierung die Lage wieder unter Kontrolle. Präsident Erdogan geht aus der Putschnacht gestärkt hervor. Mit Einschätzungen von ARD-Korrespondent Michael Schramm in Istanbul und Griechenland-Korrespondent Werner van Gent.