Auf Seiten Argentiniens ist die Enttäuschung ob des verlorenen WM-Finals riesig. Bei der Medienkonferenz nach dem Spiel brach Trainer Lionel Scaloni gar in Tränen aus. Bei den Menschen in Buenos Aires habe sie aber auch grosse Dankbarkeit festgestellt, sagt SRF-Korrespondentin Karen Naundorf.
SRF News: Wie haben die Menschen in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires reagiert?
Karen Naundorf: Es mag überraschend tönen – aber nach dem Spiel gab es eine grosse Feier am Obelisk mitten in Buenos Aires. Die Fans, mit denen ich dort sprach, zeigten alle grosse Dankbarkeit gegenüber ihrer Nationalelf, gegenüber Messi und auch gegenüber Trainer Scaloni.
Immer wieder hörte ich, dass das Spiel gegen England der wichtigere Match gewesen sei.
Man merkte zwar, dass die Niederlage schmerzte – aber der Dank war grösser. Man war sich auch einig, dass Spanien den Final verdient gewonnen hatte. Immer wieder hörte ich zudem, dass das Spiel gegen England der wichtigere Match gewesen sei – und das habe man ja gewonnen. In der Tat war der Halbfinal politisch hoch aufgeladen im Zusammenhang mit dem argentinischen Anspruch auf die Falklandinseln, die in Argentinien Malvinas heissen.
Wie haben Sie das Finalspiel in Buenos Aires erlebt?
Schon vor dem Anpfiff war es laut in der Stadt, alles war hellblau-weiss und hochemotional, voller Nervosität. Beim Obelisk gab es keine grosse Leinwand – vielmehr sah man überall Fans in den Strassen, die sich an Fernsehbildschirmen an Kiosken oder Bars das Spiel ansahen. Viele sah man auf ihre Handys schauen, manchmal stand eine Menschentraube um ein Handy herum, um das Spiel gemeinsam zu schauen. Manche haben sich das Spiel auch am Radio angehört. Es ertönten permanent Anfeuerungsrufe, Trommeln, Tänze. Und als das Spiel am Ende abgepfiffen wurde, gab es Feuerwerk und eben grossen Dank an Spieler und Trainer.
Vor dem Final am Sonntag stellten manche Fans Messi-Figuren oder Kerzen oder kleine Stickeralben fast wie kleine Altäre vor ihren Fernseher.
Für Superstar Lionel Messi dürfte es die letzte WM gewesen sein. Wie reagierten die Menschen in Argentinien auf diese Tatsache?
Sie reagierten stark emotional. Für viele war die Nationalmannschaft in den letzten Jahren fast gleichbedeutend mit Messi. Und das nicht nur wegen seiner Tore, sondern weil er für die ganze argentinische Sehnsucht stand, endlich wieder zu gewinnen, endlich wieder den WM-Pokal in den Händen zu halten. Vor dem Final am Sonntag stellten manche Fans Messi-Figuren oder Kerzen oder kleine Stickeralben fast wie kleine Altäre vor ihren Fernseher. Messi ist hier definitiv ein Nationalheld, und dafür musste er lange kämpfen.
Was hätte der zweite WM-Titel in Folge für Argentinien bedeutet, wenn er denn gekommen wäre?
Der Titel hätte historisch schon sehr viel bedeutet: Argentinien hätte den vierten Stern geholt und hätte den Titel nach 2022 verteidigen können. Das hat seit Brasilien 1958 und 1962 niemand mehr geschafft. Aber für die Menschen hier wäre es sehr viel mehr gewesen als einfach ein Rekord: Argentinien ist politisch gespalten, wirtschaftlich erschöpft, und viele kämpfen mit hohen Preisen, mit Unsicherheit im Job. Und dieses Gefühl des Miteinanders und der Verbundenheit, das die Nationalelf vermittelte, ist im Alltag der Argentinierinnen und Argentinier selten geworden. Deshalb war dieses Wirgefühl während der letzten Wochen so wertvoll für das Land. Und auch wenn der historische Titel ausbleibt – die Dankbarkeit bleibt.
Das Gespräch führte Raphaël Günther.