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International Syrische Kurden im Nordirak: Fremde unter ihresgleichen

Der Krieg in Syrien geht weiter. Nun schon im vierten Jahr. Gekämpft wird auch ganz im Nordosten, wo mehrheitlich Kurden leben. Zehntausende sind über die Grenze in den benachbarten Nordirak geflohen. Das Gebiet ist ebenfalls kurdisch. Dennoch bleibt es für die Flüchtlinge eine fremde Welt.

Ein Kind schaut hinter einer blauen Zeltplane hervor.
Legende: Blick in eine ungewisse Zukunft: Kind in einem Flüchtlingslager im Nordirak. Reuters/Archiv

Die Schule ist aus für Abbas. Der Elfjährige sitzt mit seiner Schultasche am Zaun vor dem Verwaltungscontainer des Flüchtlingslagers Kawergosk, das seit bald einem Jahr sein Zuhause ist. Der Unterrichtsstoff ist derselbe wie in Syrien. Immerhin das ist gleich geblieben.

Massenflucht im letzten Sommer

Der Sechstklässler war mit seiner Familie zu Fuss über die Tigrisbrücke nach Nordirak gekommen. Das Dorf von Abbas befand sich plötzlich auf einer Frontlinie: Kämpfe zwischen Dschihadisten und kurdischen Milizen hatten im letzten Sommer das syrische Kurdengebiet erfasst. Es kam zur Massenflucht.

Seit Monaten lebt der Junge nun mit vier Geschwistern und den Eltern zusammen in einem von mehreren tausend blau-weissen Flüchtlingszelten. «Es ist eng», sagt Abbas. Zwischen den Zeltreihen ist die Erde festgetreten, im Sommer staubig, im Winter matschig. Seitlich begrenzt werden die Pfade durch eine offene Rinne, damit das Regenwasser nicht direkt in die Zelte läuft.

Lager soll Provisorium bleiben

Am Eingang legen Arbeiter die Fundamente für eine Sanitäranlage. Sie betonieren den Boden, die Seiten werden gemauert. Aber nur ein Stück weit. Damit das Flüchtlingslager ein Provisorium bleibt und sich die Leute aus der Fremde nicht etwa dauerhaft hier ansiedeln und aus dem Lager langsam eine neue Kleinstadt wird.

Noch holt Samat das Wasser vom offenen Hahn zwischen den Zelten. Auf dem Arm ihre jüngste Tochter. Die Latrine daneben muss reichen für zehn Familien. Die Bedingungen seien schwierig, sagt Samat. Dennoch schätzt sie sich glücklich, hier in Sicherheit zu sein. Und überhaupt noch am Leben. «Ich bin in Syrien in einen Bombenanschlag geraten und nur durch ein Wunder dem Tod entronnen», sagt die Kurdin.

Männer erhalten Arbeitsbewilligungen

Das Lager liegt eine halbe Stunde von Erbil, der aufstrebenden Hauptstadt des nordirakischen Kurdengebiets. Der Ölboom hat wirtschaftliche Perspektiven gebracht, die kurdische Selbstverwaltung relative Stabilität.

Die Flüchtlinge können das Lager verlassen. Die kurdische Regionalregierung erteilt den Männern auch Arbeitsbewilligungen, manche finden Gelegenheitsjobs in der Stadt. Doch es gebe auch Vorbehalte bei der lokalen Bevölkerung, sagen die Flüchtlinge: Angst vor der Konkurrenz aus Syrien auf dem Arbeitsmarkt. Oder schlicht Verständigungsschwierigkeiten.

Politik ist gespalten in zwei Lager

Es mag den Traum vom gemeinsamen Kurdistan geben, das die Grenzen überschreitet hier im Vierländereck Syrien, Irak, Türkei und Iran, wo überall Kurden leben – ohne eigenen Staat. Aber es gibt keine gemeinsame Sprache. Die kurdischen Dialekte in Syrien und Irak unterscheiden sich stark. Und im Spital von Erbil hätten ihr die Ärzte beschieden, sie sprächen kein Arabisch, klagt eine Flüchtlingsfrau.

Und auch die kurdische Politik ist gespalten in zwei grosse, konkurrierende Lager. Über die Grenzen hinweg. In Syrien dominiert eine kurdische Partei, die hier in der Gegend von Erbil scharf kritisiert wird. Auf manchen Zelten weht die Parteifahne des hiesigen Regierungschefs. Auf andern die neutralere Fahne Kurdistans. Die Flüchtlingsfrauen loben den Kampfgeist der kurdischen Parteimilizen zuhause in Syrien. Gleichzeitig beeilen sie sich, auch die nordirakischen Gastgeber zu preisen, die diese Milizen kritisieren.

Abbas träumt vom Frieden

Die innerkurdischen Spannungen sind auch im Flüchtlingslager Kawergosk spürbar. Den elfjährigen Abbas scheinen sie nicht zu kümmern. Er sehnt nur den Tag herbei, an dem endlich das Töten in der syrischen Heimat aufhört und er nachhause kann. Noch gibt es dafür keine Anzeichen.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von B. Kerzenmacher, Frauenfeld
    Die Terroristen haben in den letzten Tagen einige empfindliche Niederlagen hinnehmen müssen und es sieht so aus, dass Assad langsam die Oberhand gewinnt. Das gefällt den Geldgebern aus islamischen Ländern nicht, daher wird jetzt versucht eine Auseinandersetzung mit Israel oder der Türkei zu provozieren, um so eine weitere Front zu eröffnen.
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  • Kommentar von Gökhan Polat, Stuttgart
    Danke für den interessanten Bericht. Es ist schön zu sehen wenn auch über die kurdischen Flüchtlinge berrichtet wird. So fühlt man sich nicht ganz von der Welt verlassen.
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