Das Labrang-Kloster am Rand des Himalajas, in der Provinz Gansu, gehört zu den wichtigsten spirituellen Zentren der Region. Die tibetische Kultur entstand vor über 1400 Jahren und bis heute stehen die buddhistischen Klöster im Zentrum der Gesellschaft.
Für Touristinnen und Touristen aus ganz China ist das Kloster heute eine Destination auf einer Abenteuerreise in die entlegenen Gebiete. Viele ziehen sich tibetische Kostüme an und machen Fotos für die sozialen Medien.
-
Bild 1 von 3. Das Labrang-Kloster in der chinesischen Provinz Gansu. Bildquelle: SRF/Lukas Messmer.
-
Bild 2 von 3. Bildquelle: SRF/Lukas Messmer.
-
Bild 3 von 3. Das Kloster ist eine beliebte Sehenswürdigkeit. Bildquelle: SRF/Lukas Messmer.
Zhao Jiuhong ist aus Chongqing angereist. «Wir bestehen aus 56 Gruppen und sind alle eine Familie», sagt sie. «Jede ethnische Gruppe hat ihre eigenen Überzeugungen und Glaubensvorstellungen, und diese respektieren wir.»
Die Mehrheit der Han-Chinesen, zu der heute über 90 Prozent der Menschen in China gehören, unterscheidet sich kulturell, spirituell und sprachlich deutlich von der Minderheit der Tibeter. In China leben heute noch ungefähr 8 Millionen Tibeterinnen und Tibeter.
Ab dem 1. Juli gilt das neue Gesetz zur «Förderung der ethnischen Einheit und des Fortschritts». Es wurde im März am Volkskongress beschlossen. Damit legalisiert die Kommunistische Partei nun offiziell die Art und Weise, wie der Staat mit den Minderheiten in China umgeht.
Assimilierung statt Autonomie für Minderheiten
Als Assimilierungspolitik wird diese angeprangert. Sie ist nicht neu, sondern wird von China schon seit Jahren verfolgt. Nun wird sie offiziell in einem nationalen Gesetz festgeschrieben.
Kritiker sagen: Das Land setze auf Assimilierung, obwohl es ursprünglich Autonomie versprochen habe. Das Gesetz wolle eine einheitliche, nationale, chinesische Identität schaffen. Die Diversität im Vielvölkerstaat soll reduziert werden.
Der tibetische Soziologe Gyal Lo hat sich auf das Schulsystem in Tibet spezialisiert. Er hat dazu 40 Jahre lang in China geforscht. Heute lebt er in Kanada, wo er frei sprechen kann. «China setzt das Schulsystem als Waffe ein, um die Kolonisierung Tibets zu vollenden», sagt er.
Seine Forschung zeigt: In den tibetischen Gebieten wachsen bis zu 80 Prozent der Kinder in Internaten auf, in denen sie ab fünf Jahren in Mandarin unterrichtet werden. Tibetisch ist als Zweitsprache ein eigenes Schulfach.
Die Kinder wachsen oft weit weg von zu Hause auf und übernehmen in den Schulen die chinesische Mehrheitskultur. Laut Gyal Lo können heute fast 80 Prozent der Kinder unter 10 Jahren sich nicht mehr mit ihren Grosseltern auf Tibetisch unterhalten.
Kritiker sagen, China zerstöre damit die tibetische Identität der Schulkinder. Die Partei sagt, sie biete damit 15 Jahre kostenlose Schulbildung für Kinder ab fünf Jahren an.
China legitimiert sein Vorgehen auch mit wirtschaftlicher Entwicklung. Der Staat baut derzeit in den entlegenen Regionen Chinas überall Infrastruktur: Brücken, Strassen, Tunnel, Kraftwerke.
Das neue Gesetz enthält derweil auch eine Klausel, nach der China Personen und Gruppen gar ausserhalb der Grenzen der Volksrepublik China rechtlich zur Verantwortung ziehen kann, wenn diese «die ethnische Einheit und den Fortschritt untergraben oder zu ethnischem Separatismus anstiften.»