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International Tiefer Preis gefährdet US-Ölboom

Der tiefe Ölpreis hat negative Auswirkungen auf die US-Ölindustrie – auch in Kern County, dem drittgrössten Fördergebiet der USA. Viele Angestellte verlieren ihren Job. Die Behörden haben den finanziellen Notstand ausgerufen. Eine Momentaufnahme aus Kalifornien.

Ölpumpen stehen auf dem sandigen Boden, dicht an dicht, soweit das Auge reicht. Die Luft riecht säuerlich. Das ist das Belridge-Ölfeld im Herzen Kaliforniens. Die Pumpen gleichen einem Heer riesiger Stahlpferde, deren Köpfe sich träge auf und ab bewegen. Manche aber stehen still.

An gewissen Orten lohnt es sich nicht mehr, das Öl zu fördern. Die Firmen lassen es im Boden und warten darauf, dass der Preis wieder steigt. An einer Kreuzung mitten im Ölfeld steht ein Grillrestaurant. Die Besitzerin Linda – sie nennt nur ihren Vornamen – schliesst gerade ab. «Wir verkaufen bereits weniger Mahlzeiten», sagt sie, «denn viele Leute haben die Stelle verloren, die Kunden machen sich rar.»

Etwa sechzig Kilometer östlich, in Bakersfield, dem Hauptort von Kern County, ist die Bedeutung der Erdölindustrie unübersehbar: Raffinerien säumen die Stadt im Central Valley, Ölpumpen stehen der Strasse entlang. Eine halbe Million Menschen leben hier.

Im Pour House Bar and Grill sitzt ein Mann, der in der Ölindustrie arbeitet. Er will nur draussen reden, wo ihn niemand hört, und anonym bleiben «Es gibt keine oder fast keine Arbeit mehr,» sagt er. Der Mann beschäftigt 40 Angestellte. Sie führen die Flüssigkeit mit den Chemikalien zu den Öl-Förderstellen, wo sie fürs Fracking benötigt wird. Er macht sich Sorgen. Grosse Konzerne wie Chevron und Exxon haben Reserven, sagt er – kleine unabhängige Unternehmer wie er nicht.

Finanzieller Notstand zwingt zum Handeln

Kalifornien ist nach Texas und North Dakota das drittgrösste Ölfördergebiet der USA. Hier wie anderswo in den USA hat die Fracking-Technologie die Industrie in den letzten Jahren wiederbelebt, weil damit Öl aus dem Schiefergestein herausgepresst werden kann. Das ist aber teurer als die herkömmliche Erdölförderung. Nun gefährdet der tiefe Erdölpreis diesen Boom. In den letzten fünf Monaten hat sich der Preis von über hundert Dollar pro Fass auf fünfzig halbiert.

Das zieht auch den Staat in Mitleidenschaft: Die Regierung von Kern County hat neulich den finanziellen Notstand ausgerufen. Ihre Einnahmen bestehen zu einem gewichtigen Teil aus Grundstücksteuern, und sie sinken mit dem Wert der Ölfelder. Nun zapft die Regierung einen Notfonds an, damit Polizei und Feuerwehr weiter arbeiten können.

Massenentlassungen wie seit Jahren nicht mehr

Weldon Sons hat schon viele Krisen gesehen. Über vier Jahrzehnte lang arbeitete er in der Erdölindustrie. Nun führt er den Petroleum Club in Bakersfield, einen Verein der Ölindustrie. In seinem Büro hängt ein gerahmtes Bild: Sonnenuntergang, davor zwei Ölpumpen. Er sagt: «Über die Jahre habe ich viele Hochs und Tiefs gesehen. Aber noch nie ist es so schnell runter wie jetzt.»

Als erste treffe es die kleinen Ölbohrfirmen, erklärt er. Momentan bohre fast niemand in Kern County nach Öl. Die Nächsten in der Reihe der Betroffenen sind jeweils die Dienstleistungskonzerne wie Schlumberger und Halliburton. Sie haben in Bakersfield bereits Kündigungen ausgesprochen.

Das wirkt sich auch auf Terra Gaines‘ Geschäft aus. Sie hat eine lokale Stellenvermittlungsfirma, Gaines Recruiting and Consulting Group. «Es gibt Massenentlassungen, wie wir sie seit Jahren nicht gesehen haben». Sie merke es immer schnell, wenn eine Krise komme, sagt die Stellenvermittlerin. «Das Geschäft kann eine Zeit lang wunderbar laufen. Und dann, über Nacht, hört das Telefon plötzlich auf zu läuten, weil es keine freien Stellen mehr gibt.»

«Die Krise hat erst begonnen»

Eine Frau im Stadtzentrum steigt gerade in ihr Auto. Sie arbeitet für eine Ingenieursfirma, will ihren Namen aber nicht nennen. «Wir beobachten alle den Ölpreis», sagt sie. «Meine Firma hat bereits sechs Angestellte entlassen und, so wie es aussieht, werden es mehr sein.»

Das Erdölkartell Opec hat letzten November überraschend entschieden, die Fördermenge beizubehalten. Danach fiel der Preis weiter in die Tiefe. Damit wollten die Saudis die teurere Schieferölproduktion, das Fracking, eliminieren, vermutet man hier und anderswo in den USA.

Die Frau meint nüchtern: «Alles, was ich gelesen habe, weist darauf hin, dass sie die Schieferöl-Förderer in den Bankrott treiben wollen. Und das gelingt ihnen. Viele Projekte werden jetzt aufgegeben.» Es sei alles politisch beeinflusst, meint sie schulterzuckend. Wie viele Menschen hier in Bakersfield fühlt sie sich als Opfer geopolitischer Strategiespiele. Sie gehen alle davon aus, dass die Öl-Krise erst begonnen hat.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Heiri Kugler, UdonThani
    Auf die "Flüssigkeit mit Chemikalien", welche fürs Fracking benötigt wird, geht srf hier wohlweislich nicht näher ein. Indem die Saudi's die Fracking-Umweltsünder in den Bankrott treiben, erweisen sie der Umwelt zumindest vorübergehend einen Dienst.
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    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      @H. Kugler: Sie bringen es auf den Punkt! Doch in den Bankrott getriebene Staaten werden noch gefährlicher! Kurz vor der letzten Bankrott gestanden, haben sie den Konflikt gegen Russland angezettelt. Russland = Gas,- & Öl-Lieferant in Europa. Statt wie damals angekündigt, die Armee-Bestände drastisch zu reduzieren, rüstet man jetzt wieder tüchtig auf. Nur so konnte damals die drohende Pleite abgewendet werden.
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