Japans Premier auf Hawaii Treffen in Pearl Harbor: «Nicht viel mehr als Symbolpolitik»

Auf den Besuch Barack Obamas in Hiroshima folgt der Gegenbesuch Shinzo Abes in Pearl Harbor. Der ist eigentlich gar keine Premiere, weiss USA-Korrespondent Beat Soltermann.

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Shinzo Abe in Hawaii

2:33 min, aus Tagesschau vom 27.12.2016

Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe ist in Pearl Harbor auf Hawaii eingetroffen. Der Zweck der Reise: Ein Gedenkanlass für die Opfer des japanischen Angriffs auf die US-Pazifikflotte im Dezember 1941. Barack Obama seinerseits besuchte vor sieben Monaten das japanische Hiroshima und gedachte als erster amtierender US-Präsident der Opfer der Atombombe im August 1945.

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Beat Soltermann

Beat Soltermann

Seit 2011 berichtet Beat Soltermann für SRF aus Washington D.C. Zuvor arbeitete er in der SRF-Wirtschaftsredaktion und empfing die Gäste der «Samstagsrundschau».

SRF News: Auf den Besuch Obamas folgt der Gegenbesuch – sind das mehr als symbolische Akte?

Beat Soltermann: Es ist nicht viel mehr als Symbolpolitik. Aus dem Kriegsschiff USS Arizona, das vor 75 Jahren von den Japanern attackiert und im Meer bei Pearl Harbor versenkt wurde, fliesst zwar bis heute immer noch etwas Öl an die Meeresoberfläche, das sieht man, wenn man die Gedenkstätte besucht. Doch das Verhältnis zwischen Japan und den USA hat sich natürlich fundamental verändert. Es ist seit langem ein gutes und ein sehr freundschaftliches. Mit dem gemeinsamen Besuch der Pearl-Harbor-Gedenkstätte soll ein symbolischer Schlussstrich unter die dunkle Vergangenheit der beiden Länder gezogen werden.

Japans Ministerpräsident liess verlauten, er werde sich nicht entschuldigen. Auch Obama unterliess eine formelle Entschuldigung. Warum?

Offenbar ist eine Entschuldigung gar nicht so wichtig – für beiden Seiten. Das mag vielleicht etwas erstaunen. Ein US-Veteran, der Pearl Harbor überlebt hat, sagte gemäss US-Medien, es gebe nichts zu entschuldigen. Die amerikanischen und die japanischen Soldaten hätten nur ihre Aufträge ausgeführt. Das sei halt so im Krieg. Andere Stimmen sagen, beide Seiten hätten Unrecht begangen. Die Japaner mit dem Angriff auf den Hafen, die USA mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Wiederum andere wollen die Sache einfach ad acta legen. Viel wichtiger als eine Entschuldigung scheint zu sein, wie die Rede von Shinzo Abe von den Medien rezipiert wird. Im Mai, beim Besuch Obamas in Hiroshima, fielen die Reaktionen positiv aus. Das erhoffen sich die Japaner nun auch vom Gegenbesuch.

«  Offenbar haben schon drei frühere Premierminister Hawaii und die Gegend um Pearl Harbor besucht. »

Wieso findet diese gegenseitige Ehrerbietung gerade jetzt statt?

Das Ende der Amtszeit Obamas ist sicher ein Grund. Und wenn man den Kreis schliessen will, dann muss man das jetzt tun. Obama ist auch gerade in den Ferien auf Hawaii, das trifft sich also bestens. Abe will sich für den Besuch Obamas in Hiroshima revanchieren. Die Japaner mussten aber die Affiche etwas anpassen. Offenbar haben schon drei frühere Premierminister Hawaii und die Gegend um Pearl Harbor bei ihren Zwischenlandungen besucht und die Toten geehrt. Es ist also streng genommen keine Premiere. Aber es ist sicher der erste hochoffizielle Besuch zusammen mit dem US-Präsidenten an dieser Gedenkstätte. Für Abe ist der Besuch vielleicht auch ein letzter Punkt in dieser Sache: Die Versöhnung ist damit abgeschlossen. Man darf gespannt sein, wann er auf die Koreaner und die Chinesen zugeht: Dort hat Japan grössere Kriegsgräuel begangen als auf Hawaii.

Obama machte gerne grosse Versöhnungsgesten. Wie wirksam war diese Friedensdiplomatie?

Gesten sind schön. Und Obama hat wirklich oft und gerne Gesten gemacht. Aber Taten sind auch wichtig. Zum Beispiel auf Kuba: Dort hat man seit dem Beginn der Öffnungspolitik beim zentralen Thema Menschenrechte noch nicht viel Fortschritte gemacht. Oder in Myanmar: Auch dort ist nicht alles, wie es sich Obama erhofft hatte. Aber vielleicht braucht es noch etwas mehr Zeit und mehr Geduld. Eine Geste schadet sicher nicht und kann vielleicht auch erst längerfristig ihre Wirkung zeigen.

«  In Korea und China haben die Japaner grössere Kriegsgräuel begangen als auf Hawaii. »

Abe war das erste Staatsoberhaupt, das Donald Trump in seinem Trump Tower besuchte. Bahnt sich da eine Freundschaft an?

Das ist sicher, was sich Abe erhofft. Er will die bestehende Freundschaft hinüberretten, sie auch in der künftigen Trump-Regierung verankern. Trump hatte im Wahlkampf einige negative Äusserungen über Japan gemacht. Er hat zum Beispiel die Verteidigungsverpflichtung der USA gegenüber Japan in Frage gestellt. Er will das Freihandelsabkommen TTP, das Obama mit elf Pazifikstaaten, darunter auch Japan, ausgehandelt hat, nicht unterschreiben. All das hat die Japaner beunruhigt. Die Tatsache, dass Trump ausgerechnet Abe als ersten ausländischen Staatsgast empfangen hat, kann auch darauf hindeuten, das Trump inzwischen realisiert hat, wie wichtig Japan wirtschaftlich, aber vor allem auch strategisch ist für die USA.

Das Gespräch führte Isabelle Jacobi.

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