Schlacht um Mossul «Trump ist bereit, im Kampf gegen IS höhere Risiken einzugehen»

Der Vormarsch der Anti-IS-Koalition ist bei der Befreiung von Mossul ins Stocken geraten. Terrorismusexperte Guido Steinberg erklärt, wie es dazu kommen konnte und wie sich die Dynamik im Kampf gegen den IS im Irak unter einem Präsident Trump verändern könnte.

Irakische Soldaten kämpfen sich durch die Strassen Mossuls Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der IS leistet in Mossul erbitterten Widerstand. Deshalb müssen die irakischen Streitkräfte einen Häuserkampf führen. Keystone

SRF News: Die vollständige Befreiung Mossuls gestaltet sich schwierig. Hat der neue US-Präsident Donald Trump mit seiner Kritik Recht, die militärische Strategie im Irak sei falsch?

Guido Steinberg: Die Strategie der scheidenden Obama-Administration erscheint mir schon die richtige zu sein. Die Luftangriffe haben den IS im Irak stark geschwächt und ich halte es auch für richtig, bis auf wenige Spezialkräfte keine Bodentruppen nach Mossul zu entsenden – denn die Präsenz amerikanischer Bodentruppen würde der Terrormiliz die Rekrutierung erleichtern.

Inga Rogg über die Lage im besetzten West-Mossul

3:32 min, aus SRF 4 News aktuell vom 01.02.2017

Donald Trump scheint das anders zu sehen. Er hat Verteidigungsminister James Mattis und seine Generäle angewiesen, bis Ende Febraur einen neuen Plan zum Kampf gegen den IS vorzulegen. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese neue Strategie US-Bodentruppen im Irak beinhaltet?

Es hat sich schon im Jemen gezeigt, dass die Trump-Administration bereit ist, im Kampf gegen al-Qaida und den IS höhere Risiken einzugehen und dass sie auch mehr Opfer in Kauf nehmen will als ihre Vorgängerin. Es bleibt nur zu hoffen, dass die USA im Kampf gegen die Terrormiliz Vernunft walten lassen – und dazu gehört, mit lokalen Verbündeten wie der irakischen Regierung und den irakischen Kurden zusammenzuarbeiten und keine grösseren Truppenkontingente zu entsenden.

«  Die Präsenz amerikanischer Bodentruppen würde dem IS die Rekrutierung erleichtern.  »
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Zur Person

Zur Person

Guido Steinberg ist Islamwissenschaftler und Terrorexperte und arbeitet am Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit SWP in Berlin.

Wie sehr hat der von Donald Trump verhängte Einreisestopp gegen sieben muslimische Staaten – darunter gegen Bürger aus dem Irak – dieser Allianz geschadet?

Die irakische Regierung ist zu sehr auf amerikanische Unterstützung angewiesen, als dass sie auf das – vorerst ohnehin gestoppte – Einreiseverbot für ihre Staatsbürger reagieren könnte. Das eigentliche Problem liegt aber darin, dass diejenigen Teile der Regierung, die wie der irakische Ministerpräsident Abadi auf eine gewisse Distanz zu Iran setzen, durch solche Massnahmen geschwächt werden. Teheran ist in den letzten Jahren im Irak viel wichtiger geworden als die USA. Und das Einreiseverbot begünstigt diese Entwicklung.

Von Donald Trump sind in der Tat agressivere Töne in Richtung Iran zu hören. Was bedeutet das im Kampf gegen den IS?

Es kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass die faktische Koalition aus irakischer Regierung, iranisch kontrollierten Milizen und amerikanischer Luftwaffe im Irak zerbricht. Das würde den Kampf gegen den IS stark beeinträchtigen. Ob dies eintrifft, ist allerdings noch nicht abzusehen.

Die Blackbox Mossul

3:58 min, aus 10vor10 vom 25.10.2016

Es gibt Berichte, wonach Iran einen Landkorridor durch den Irak und Syrien bis ans Mittelmeer für sich selbst sichern will. Welche langfristigen Ziele verfolgt der Iran damit?

Von einem solchen Korridor ist in den letzten Monaten häufig zu lesen und es ist durchaus möglich, dass einige iranische, irakische und libanesische Strategen über eine solchen Korridor nachdenken. Im Libanon, in Syrien und im Irak kontrollieren die iranischen Revolutionsgarden zahlreiche Milizen, die sie als Instrumente nutzen können. Gegen ein solches Konzept spricht hingegen die Schwäche des syrischen Regimes, das aufgrund von Personalmangel ein sehr schwacher Verbündeter ist. Ein anhaltender syrischer Bürgerkrieg ist deshalb wahrscheinlicher als eine territoriale Neuordnung zugunsten Irans.

Welche Rückzugebiete hat der IS noch, wenn Mossul fällt?

Die Organisation hat vorgesorgt, indem sie Verbündete in Nordafrika, im Jemen, Nigeria, dem Kaukasus und Südasien gewonnen hat – auch seine Ideologie wird fortbestehen und seine Anhänger werden jede Gelegenheit nutzen, wieder Territorium zu besetzen.

So schwach wie viele Staaten in der arabischen Welt sind, könnte dies an einigen Orten auch gelingen. Zum Rückzugsgebiet der Terrormiliz gehört ohne Zweifel auch Syrien. Wenn der IS Mossul verliert, bleibt nur noch der Rückzug nach Syrien, und das würde das Ende des IS in seiner bisherigen Gestalt bedeuten – denn in Syrien ist der IS weitaus weniger tief verankert als im Irak.

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1:58 min, aus Tagesschau vom 1.1.2017

Damit würde wohl die Wahrscheinlichkeit, dass das Assad-Regime die Kontrolle des Landes – allen voran im Westen – zurückgewinnen kann, sinken.

In der Tat wird es Assad nicht gelingen, die Kontrolle über ganz Syrien zurückzugewinnen. Sein Regime ist zwar mit russischer und iranischer Hilfe deutlich erstarkt, aber es fehlt ihm an Soldaten. Der IS und andere Aufständische werden in den nächsten Jahren versuchen, mit Anschlägen zu verhindern, dass Assad seine Position weiter konsolidieren kann. Deshalb ist ein langer Abnutzungskrieg das wahrscheinlichste Szenario für Syrien.

Das Gespräch führte Vasilije Mustur

James Mattis besucht den Irak

Der neue US-Verteidigungsminister James Mattis ist zu seinem ersten Besuch im Irak seit seinem Amtsantritt eingetroffen. Mattis landete am Morgen in Bagdad, wie das irakische Staatsfernsehen Al-Iraqiya meldete. Der Besuch im Irak erfolgt einen Tag, nachdem der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi den Beginn des Angriffs auf den Westteil der IS-Hochburg Mossul verkündet hatte. Die USA sind im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ein wichtiger Verbündeter der irakischen Regierung. Eine von Washington angeführte internationale Koalition fliegt Luftangriffe gegen die Miliz. Die US-Armee bildet zudem irakische Soldaten aus.