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International Türkei: «Erdogan vernichtet sein eigenes Erbe»

Nach gewaltsamen Protesten gegen die Regierung hat sich die Lage in der Türkei in der Nacht zunächst beruhigt. Doch die Ruhe könnte täuschen. Denn der durch Korruptionsvorwürfe geschwächte Premier zeigt sich dünnhäutig. Nicht nur die Wirtschaft zeigt sich irritiert.

Legende: Video Erdogan vernichtet sein eigenes Erbe abspielen. Laufzeit 00:45 Minuten.
Aus News-Clip vom 28.12.2013.

In Istanbul und Ankara hat sich die Lage in der Nacht zum Samstag nach einem gewaltsamen Polizeieinsatz gegen Demonstranten beruhigt. Polizisten blieben jedoch auf ihren Posten.

Verletzte und Festnahmen

Die Demonstranten hatten sich um den zentralen Taksim-Platz versammelt und riefen Parolen wie «Regierung tritt zurück» und «Korruption ist überall». Sie forderten auch den Rücktritt von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Dieser war wegen Korruptionsvorwürfen in Misskredit geraten.

«Je konkreter die Vorwürfe werden und je näher sie an seine Familie kommen, desto aggressiver reagiert Erdogan», sagt SRF-Korrespondent Werner van Gent. Die Gelassenheit und die Selbstsicherheit, die er früher ausgestrahlt habe, habe er verloren.

Dafür spricht unter anderem die Härte der Polizei. Sie setzte Wasserwerfer, Gummigeschosse und Tränengas gegen die Regierungsgegner ein. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gab es mehr als 30 Festnahmen.

Man werde den Eindruck nicht los, dass Erdogan sich grosse Sorgen mache, so van Gent. «Und ich glaube, aufgrund der Vorwürfe hat er auch allen Grund sich Sorgen zu machen.»

Pro-Erdogan-Demo

Während die Polizei Erdogan-Gegner an Protesten direkt auf dem symbolträchtigen Taksim-Platz zu hindern versuchte, kamen an dem rund 20 Kilometer entfernt gelegenen Flughafen von Istanbul Tausende Anhänger des Regierungschefs zusammen.

Sie schwenkten Fahnen seiner Partei AKP und der Türkei, als Erdogan von einer Reise aus einer als AKP-Hochburg geltenden Provinz zurückkehrte. Dort hatte er seine Anhänger aufgefordert, bei den 2014 anstehenden Kommunalwahlen mit ihrer Stimme für Erdogan ein Zeichen zu setzen – gegen die nach seinen Worten aus dem Ausland gesteuerte Verschwörung gegen ihn.

Kurz vor Bekanntwerden des Korruptionsskandals hatte der einstige Fussball-Star Hakan Sükür die Partei verlassen. Die absolute Mehrheit der AKP im Parlament gefährden die Austritte nicht.

Erdogan galt als Synonym für Stabilität

Wesentlich ernster hingegen muss Erdogan die Entwicklung der Wirtschaft nehmen. Sie reagiere sehr nervös, so SRF-Korrespondent van Gent. «Die Währung hat 20 Prozent verloren und die Börse war zeitweise im freien Fall.»

Das Verrückte sei, dass Erdogan in den letzten zehn Jahren quasi als Synonym für Wachstum und wirtschaftliche Stabilität gehandelt wurde. Doch nun bekomme man den Eindruck, dass Erdogan dabei sei, das eigene Erbe zu vernichten, resümiert van Gent.

Legende: Video Proteste in der Türkei abspielen. Laufzeit 00:51 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 28.12.2013.

Kritik am Vorgehen Erdogans kommt mittlerweile auch aus der EU. Der für die Beitrittsverhandlungen mit Ankara
zuständigen tschechische EU-Kommissar Stefan Füle forderte eine rasche Aufklärung aller Vorwürfe gegen den Premier.

Regierungschef ist angeschlagen

Die türkische Regierung wird nach den Massenprotesten im Sommer seit einigen Tagen von einem Korruptionsskandal erschüttert. Von einer ersten Verhaftungswelle vor anderthalb Wochen waren dutzende Geschäftsleute und Politiker aus Erdogans Entourage betroffen. Drei Minister traten zurück.

Der Konflikt hat sich auch zu einer Machtprobe zwischen der Regierung und dem Justizapparat ausgeweitet. Die Autorität des seit 2002 amtierenden Erdogan ist vier Monate vor den Kommunalwahlen angeschlagen.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Beppie Hermann, Bundey
    Erdogan,der Reformer,hat eine islamistische Agenda, u. er hat es auch nie geleugnet, ein Fundamentalist zu sein. Das hat er in seinem Land,aber auch auf seinen Reisen unmissverständlich+öffentlich demonstriert, sein Ziel bekanntgegeben: wir werden vollenden, was Sultan Süleyman begonnen. Laizistisch u.gleichzeitig Moslem zu sein, sei nicht möglich. Und die Türkei habe in diesem EU-Christenverein nichts zu suchen. Die Quittung kommt noch.Die deutsche.Pro-Türkei-Turbo-Grüne hat sie schon erhalten.
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    1. Antwort von Amira Salem, Zürich
      @Hemmann, "die Türkei hat nichts im EU- Christenverein nichts zu suchen" schreiben Sie, aber dieser Verein ist immer mehr und mehr an fremde Arbeitskräfte angewiesen , von top Direktoren bis zum Aushilfe Personal, deshalb kann Europa sich nicht von den Rest der Welt isolieren
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    2. Antwort von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
      @A. Salem: Doch Europa wird u. kann sich von diversen Ländern in Bezug auf Einwanderung abgrenzen u. bis zu einem gewissen Grad isolieren. Mind. solange, wie die Arbeitslosenzahlen der eigenen Bevölkerung steigen u. zu wenig getan wird um den berufl. Einstieg ins Erwerbsleben zu fördern.
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    3. Antwort von Beppie Hermann, Bundey
      @Salem,lesen Sie meinen Beitrag richtig!"die Türkei hat im EU-Christenverein nichts zu suchen",diese Aussage stammt von Erdogan.Deshalb "habe"+"sei",ok?Erlebte es übrigens jahrelang,wie selbst auf dem Land Billigimportarbeiter Chern vorgezogen wurden.Und weil sie eben billig schuften,irgendwann selber samt Familiennachzug in der Sozialfalle landen.Genauso wie die Verdrängten.Und es ist nicht einzusehen,wieso wir von unsern 100'000en AL+Ausgest.,gesunde+fähige nicht zu Arbeit heranziehen sollten.
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  • Kommentar von Hasan İsik, İSTANBUL
    Holenstein sie lügen 1.erdogan's frau ist arabische abstammung und erdoğan ist georgischer abstammung alles quatsch was sie da angeben 2. erdoğan macht weiter 3.mehrheit des volkes unterstützt ihm 4.ist bis jetzt ist alles angegeben von angeber wie sie 5.ihr wünscht sicher nicht getes für die TÜRKEİ bitte versucht es bei anderen türen es gibt keine brot sie und ihren gleich gesınnten
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    1. Antwort von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
      @H. Isik: Fakt ist, dass die intern. finanz. Märkte reagieren u. Gelder aus der TK abziehen, da die Aussichten in den USA durch die Ankündigung einer gewissen Verknappung der Geldmenge durch das FED nun besser sind. EUR wird in den nächsten Monaten eher teurer u. somit auch die Importe aus der TK, da deren Wirtschaft an den EUR gebunden sind. Es wird für Ihr Land nicht einfach, da sich ihr Land auch politisch mehr u. mehr isoliert, wie schon mehrfach in der Geschichte der TK passiert.
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  • Kommentar von B. Kerzenmacher, Frauenfeld
    2) Unterstützung der ägyptischen Muslimbrüder hat er sich die Regierungen im Irak, in Saudi Arabien, in Ägypten, im Iran und in Russland zu Feinden gemacht, von Israel ganz zu schweigen. Die Türkei war noch nie so isoliert wie derzeit. Mit dem letzten Verbündeten, der USA, hat es sich Erdogan mit seinen Reaktionen gegen den amerikanischen Botschafter auch noch verdorben. Den Schaden hat die türkische Wirtschaft, die unter diesem cholerischen Ministerpräsidenten zu leiden hat.
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