Über 5000 Frauen klagen gegen Brustimplantate-Hersteller PIP

Billig-Silikon statt hochwertiges Nusil-Gel, damit hatte Jean-Claude Mas tüchtig Kasse gemacht. Nach der Pleite droht dem Firmengründer von Poly Implant Prothèse (PIP) noch Gefängnis. In einer Mammutveranstaltung mit 5127 Klägerinnen wird ihm nun der Prozess gemacht.

Video «Prozess gegen Implantate-Hersteller» abspielen

Prozess gegen Implantate-Hersteller

1:50 min, aus Tagesschau vom 17.4.2013

Die Brustvergrösserung ist der häufigste Eingriff in der plastischen Chirurgie. Was für viele Frauen ein besseres Körpergefühl bringen sollte, wurde zum Albtraum. Zahlreiche Implantate rissen oder verursachten Entzündungen.

In Marseille hat nun der Strafprozess gegen PIP-Firmengründer Jean-Claude Mas begonnen. Der 73jährige muss sich wegen des Vorwurfs der schweren Täuschung und des Betrugs vor Gericht verantworten.

Neben Mas müssen sich vier frühere Angestellte seiner südfranzösischen Firma Poly Implant Prothèse (PIP) verantworten. Ihnen drohen insgesamt bis zu sechs Jahre Haft.

Bislang haben sich 5127 Klägerinnen bei der Justiz in Marseille gemeldet, 95 Prozent sind Französinnen. Aber auch Frauen aus der Schweiz sowie aus Deutschland, Österreich, Belgien, Spanien, Grossbritannien und Argentinien klagen gegen Mas.

Billig-Gel mit Industrie-Silikon gemischt

Mas hat bereits zugegeben, seit 1995 drei Viertel seiner Brust-Prothesen illegal mit einem Billig-Gel gefüllt zu haben, das er mit einem eigentlich für Industrieprodukte bestimmten Silikon des deutschen Chemiegrosshändlers Brenntag zusammenmixte. Dabei soll es sich um ein Gel gehandelt haben, wie es auch für Matratzen und Computer verwendet wird.

Das Billig-Gel kostete Mas zehnmal weniger als das eigentlich vorgesehene Nusil-Gel – die Firma sparte dadurch laut Staatsanwaltschaft jährlich mehr als eine Million Euro.

Gesundheitsbehörden mehrerer Länder hatten ab Ende 2011 die betroffenen Frauen aufgerufen, sich die Silikonkissen vorsichtshalber entfernen zu lassen. Ob diese Implantate auch Krebs auslösen, ist noch unklar.
 
Die Schweizer Heilmittelkontrollstelle Swissmedic verzichtete hingegen darauf, einen Aufruf zu einer vorsorglichen Entfernung der Brustimplantate zu erlassen. Den betroffenen Frauen werden eine halbjährliche Kontrolle empfohlen sowie ein sofortiger Arztbesuch, falls Probleme auftauchen.

Swissmedic: «Kein akuter Handlungsbedarf»

In der Schweiz wurden insgesamt 335 Frauen Billigprothesen von PIP implantiert, wie Swissmedic auf Anfrage von SRF News Online bestätigt. 175 Frauen liessen sich die Prothesen entfernen. Bei rund 30 Prozent wiesen die Silikonkissen Risse auf.

Die Heilmittelkontrollstelle empfiehlt betroffenen Frauen regelmässige medizinische Kontrollen. Auf Grund der aktualisierten Datenlage erachtet Swissmedic eine generelle Empfehlung zur operativen Entfernung aller PIP-Implantate weiterhin als unverhältnismässig.

Foirmengründer Jean-Claude Mas. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jean-Claude Mas hatte die Gesundheitsbehörden systematisch hinters Licht geführt. Reuters

Mas offenbar pleite

Unklar ist, von wem die Opfer entschädigt werden könnten. Der Firmengründer ist nach eigenen Angaben pleite, auch wenn manche Frauen vermuten, er habe sein Vermögen ins Ausland geschafft.
 
Viele Frauen sind der Ansicht, dass auch die französische Arzneimittelbehörde ANSM oder Schönheitschirurgen auf der Anklagebank sitzen müssten. Sie hätten schon lange vor dem Verbot der PIP-Implantate im März 2010 von deren Gefährlichkeit wissen müssen. Und auch die EU mit ihrem Kontrollsystem steht am Pranger. Eine Anwältin forderte, dass die EU «einen Entschädigungsfonds für Opfer von Medizinprodukten schaffen» müsse.