Wahlen in Grossbritannien Übermacht der grossen Parteien – so wählen die Briten

Heute wählen die Briten ein neues Parlament. Die wichtigsten Fragen zu Wahlsystem und dem Donnerstags-Termin.

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Grossbritannien vor den Wahlen

3:16 min, aus Tagesschau vom 3.6.2017

Was wählen die Briten? Die britische Bevölkerung wählt ein neues Parlament, das «House of Commons» oder Unterhaus. Es gilt alle 650 Sitze neu zu besetzen. Das Unterhaus ist die einzige britische Parlamentskammer, deren Zusammensetzung die Bevölkerung bestimmt. Sie beschliesst alle Gesetze des Vereinigten Königreichs. Dagegen kann das Oberhaus Gesetzesentscheide lediglich hinauszögern.

Sitzverteilung im britischen Unterhaus vor den Wahlen: Wegen des Majorz-Systems teilen sich die beiden grössten britischen Parteien einen Grossteil der Sitze im Parlament.

Wer steht zur Wahl? Die Parlamentswahlen sind in Grossbritannien vorwiegend ein Kampf zwischen den beiden grössten Parteien. Auf der einen Seite sind dies die Konservativen Tories und auf der anderen Seite die Labour-Partei, die Sozialdemokraten. Aktuell besetzen diese beiden Parteien zusammen über 85 Prozent der Sitze im Parlament. Die kleineren Parteien spielen bei den Wahlen keine grosse Rolle.

Nach welchem Wahlsystem wird gewählt? Das Parlament wird nach einem reinen Mehrheitssystem in Einerwahlkreisen gewählt. Wer in einem Wahlkreis mehr Stimmen holt als alle seine Mitbewerber, erhält einen Sitz im Parlament. Die Stimmen der unterlegenen Kandidaten verfallen, gehen also nicht an die Partei. Dadurch haben kleinere Parteien nur geringe Chancen auf einen Sitz.

Weshalb schon wieder Wahlen? Ordentliche Neuwahlen hätten erst 2020 angestanden. Aktuell haben die Tories von Premierministerin Theresa May nur eine hauchdünne Mehrheit im Parlament. Dies ist ungünstig für die Brexit-Verhandlungen mit der EU. Von den Neuwahlen erhofft sich May eine grössere Mehrheit, um mit innenpolitischer Rückendeckung in die Verhandlungen zu steigen.

Welcher Wahlausgang hätte einen Regierungswechsel zur Folge? Der Regierungschef wird in Grossbritannien von der Queen ernannt. Diese muss gemäss einer ungeschriebenen Übereinkunft den Präsidenten der stärksten Partei mit der Regierungsbildung beauftragen. Theresa May wird deshalb nur im Amt verbleiben können, wenn die Konservativen stärkste Kraft im Unterhaus bleiben.

Wer ist Theresa Mays Herausforderer? Der Mann, der der Premierministerin gefährlich werden könnte, heisst Jeremy Corbyn. Der Chef der Labour-Partei politisiert am linken Rand der Sozialdemokraten. Gerade weil er sich in gewissen Themen oft auch gegen die eigene Partei wendet, gilt er bei den Wählern als ehrlicher Politiker. Junge Briten sehen ihn als Hoffnungsträger. Viele jubeln ihm zu, ähnlich wie dies junge Amerikaner bei Bernie Sanders taten.

Weshalb wählen die Briten an einem Donnerstag? Im Vereinigten Königreich ist es Tradition, an einem Donnerstag zu wählen. Seit 2011 ist dieser Wochentag für die landesweiten Parlamentswahlen gesetzlich festgelegt. Über die Entstehung der Tradition der Donnerstags-Wahlen gibt es nur Theorien. Eine davon besagt, dass an einem Sonntag der Pfarrer zu viel Einfluss auf die Wähler nehmen könnte.

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Was die Wähler 24 Stunden vor der Wahl umtreibt

1:51 min, aus Tagesschau vom 7.6.2017

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Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Der Wahltag in Grossbritannien

    Aus Echo der Zeit vom 8.6.2017

    Jetzt harren sie der Dinge, die britischen Politiker und das Volk, das sie vielleicht wählt oder auch nicht. Joe Schelbert war am Wahltag in Derby unterwegs, einer mittelenglischen Industriestadt. Eine Reportage.

    Joe Schelbert

  • Labour auf Linkskurs: Showdown in Grossbritannien

    Aus Rundschau vom 7.6.2017

    Den britischen Sozialdemokraten drohte der Absturz, kurz vor den Unterhauswahlen gehen sie noch einmal in die Offensive. Parteichef Jeremy Corbyn macht Premierministerin May mitverantwortlich für die Terroranschläge. Sie habe zu viel Polizei abgebaut. Doch sein konsequenter Linkskurs hat viele Stammwähler abgeschreckt. Der „Rundschau“-Hintergrund über den britischen Wahlkampf.