Überraschendes Urteil in Mafia-Prozess in Palermo

Im Fall Provenzano hat es in Italien in den 90er-Jahren keine geheimen Absprachen zwischen der Mafia und dem Staat gegeben: Zu diesem Schluss kommt ein Gericht in Palermo.

Der Mafiaboss mit Brille und ergrautem Haar wird von Polizisten mit Gesichtsmasken und Sonnenbrillen vorgeführt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Provenzano nach seiner Verhaftung 2006. Reuters Archiv

Ein Gericht in der sizilianischen Stadt Palermo hat eine Anklage der Staatsanwaltschaft, wonach es in den 90er-Jahren geheime Absprachen zwischen Staat und Mafia gegeben habe, vollständig zurückgewiesen. Viele Kronzeugen seien «wenig vertrauenswürdig», urteilten die Richter in erster Instanz.

Im Prozess ging es darum herauszufinden, ob der Mafiaboss Bernardo Provenzano in den 90er-Jahren so lange flüchtig bleiben konnte, weil er nicht nur von den eigenen Leuten, sondern auch vom Staat geschützt wurde. Provenzano wurde schliesslich im April 2006 in der Nähe seines sizilianischen Heimatortes Corleone verhaftet.

Urteil könnte weitreichende Auswirkungen haben

Auch wenn der Prozess nur einer von vielen ist, die derzeit in Italien laufen und die mögliche Kollaboration des Staates mit der Mafia zu beleuchten versuchen: die vollständige Ablehnung der Anklage kommt ziemlich überraschend.

Der Entscheid versetzt all jenen einen Dämpfer, die gehofft hatten, dass nach 20 Jahren endlich etwas Licht in jene dunklen Jahre kommt. Denn das Urteil könnte auch Auswirkungen haben auf den grossen Maifa-Prozess, der seit Mai in Italien im Gange ist.

Der grosse Mafia-Prozess könnte scheitern

Laut der Anklage soll der Staat mit der Mafia im Nachgang der Attentate auf die Richter Borsellino und Falcone eine Art Stillhalte-Abkommen getroffen haben: Die Behörden hätten zugesagt, etwas weniger hart gegen die Mafia vorzugehen, dafür stelle die Mafia ihren Bombenterror auf dem Festland ein.

Einige Zeugen aus dem Provenzano-Prozess sollen auch in dem grossen Prozess aussagen. Wenn ihre Geständnisse dort ebenfalls als unglaubwürdig zurückgewiesen werden, könnte dieser grosse Prozess scheitern.

«Eine gewisse Tragik für Italien»

3:47 min, aus SRF 4 News aktuell vom 15.10.2013

Werden die Details aufgedeckt?

Trotzdem wäre aber der Verdacht, dass es eine Zusammenarbeit zwischen Staat und Mafia gegeben hat, nicht aus der Welt geschafft.

Viele Staatsanwälte und Richter haben aus diversen kleineren Prozessen die Gewissheit, dass es in den 90er-Jahren tatsächlich Verhandlungen und Übereinkünfte zwischen Staat und Mafia gegeben hat. Was nun aber weiterhin im Dunkeln bleiben könnte, wären die Details: Wer in welcher Form involviert war und wann was geschehen ist.

Für Italien hat das eine gewisse Tragik: Nie würde so rechtmässig abgeklärt, wie die Wahrheit war. So kommen die alten Geschichten nie zur Ruhe und halten das Land weiter im Griff.