Ukrainischer ESC-Sieg bringt russische Politiker in Rage

Mit einer grandiosen Show, die zudem beim Publikum sehr gut ankam, wollte Russland den Eurovision Song Contest (ESC) gewinnen. Doch der Sieg ging an ein Lied aus der Ukraine, das unverhohlen auf Putins Krim-Politik anspielt. Bereits ist in Russland von Boykott im nächsten Jahr die Rede.

Die ukrainische Sängerin Jamala (Susana Dschamaladinowa) an einer Medienkonferenz zu ihrem Lied «1944». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die ukrainische Sängerin Jamala (Susana Dschamaladinowa) provoziert mit ihrem Siegertitel «1944» Russland. Keystone

In Russland ist der Eurovision Song Contest (ESC) äusserst beliebt. Nicht zuletzt seit das Land 2008 den Song-Wettbewerb gewonnen hatte. Zudem galt der russische Beitrag in diesem Jahr als Favorit.

Um so grösser ist die Enttäuschung, dass der Sieg an die ukrainische Sängerin Jamala ging. Und erst recht Empörung löst aus, dass diese mit einem Lied über Stalins Deportation der Krimtataren siegte. Es spielt klar auf Putins Politik um die Halbinsel Krim an. Russland sieht sich um den Sieg betrogen.

Den Text des Siegerliedes hatte Moskau bereits vor dem Final als «politisch» kritisiert. Damit sei es vom Wettbwerb auszuschliessen. Er handelt von der Zwangsumsiedlung der krimtatarischen Minderheit nach Zentralasien unter dem sowjetischen Diktator Josef Stalin 1944.

Aufruf zum Boykott

Nun fallen die Reaktionen um so heftiger aus: Der russische Abgeordnete Franz Klinzewitsch sprach von einer politischen Abstimmung: «Es waren nicht die ukrainische Sängerin Jamala und ihr Lied ‹1944›, die den ESC 2016 gewonnen haben. Es war ein Sieg der Politik über die Kunst». Er empfiehlt Russland, den Gesangswettbewerb nächstes Jahr zu boykottieren.

Auch für die nationalkonservative lettische Zeitung «Neatkariga Rita Avize» ist es eine Horrorvorstellung, dass «Russlands Vertreter im nächsten Jahr nach Kiew fahren muss».

Den Sieg gestohlen

Der Abgeordnete Konstantin Kossatschow verstieg sich gar zur Behauptung, Jamals Erfolg könne den Friedensprozess zur Lösung des Konflikts in der Ostukraine noch weiter bedrohen.

Und die Boulevardzeitung «Komsomolskaja Prawda» titelte: «Wie die europäische Jury Lazarev den Sieg stahl». Denn vor dem Final am Samstagabend hatte der Russe Sergej Lazarev bei den Buchmachern klar in Führung gelegen. In der Publikumsabstimmung führte er ebenfalls. Doch die Expertenjurys der Teilnehmerländer bewerteten ihn weit schlechter, auch die ukrainische Fachjury ignorierte ihn.

Poroschenko macht Siegerin zur Volkskünstlerin

Zusätzlich Salz in die Wunden der russischen Voksseele streute der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, indem er die Sängerin Jamala mit dem Titel «Volkskünstlerin der Ukraine» ehrte. Gleichzeitig wird die 32-Jährige Ehrenbotschafterin beim Kinderhilfswerk Unicef.

«Man kann sagen, dass du einen grossen Beitrag dafür geleistet hast, dass die Frage der Krim erneut auf den ersten Zeitungsseiten auftauchte», sagte Poroschenko. Die Schwarzmeerhalbinsel Krim war 2014 vom Nachbarn Russland besetzt und annektiert worden.

«Wir haben in letzter Zeit so gelitten, dass ich den ukrainischen Menschen irgendeine Freude bereiten wollte», entgegnete die Sängerin, die mit bürgerlichem Namen Susana Dschamaladinowa heisst.