Umstrittenes Stahlwerk vorübergehend geschlossen

Im süditalienischen Taranto haben die Besitzer Europas grösstes Stahlwerk vorübergehend geschlossen. Die Ilva in Apulien steht für Arbeit und Tod: Sie ist eine Giftschleuder, gibt aber gleichzeitig auch 11'000 Menschen Arbeit.

Dass das Stahlwerk im apulischen Taranto eine Giftschleuder und verantwortlich ist für Hunderte von Krebstoten, darüber wird in allen italienischen Medien seit dem Sommer berichtet.

In einem Dokumentarfilm berichtet ein Mann: «Meine Familie ist von Krebs regelrecht dahingerafft worden. Mein Vater, meine Mutter, eine Schwester, eine Tante, alle tot wegen Krebs. Der Letzte, den es getroffen hat, ist mein dreieinhalb Monate alter Sohn. Sie haben bei ihm einen Hirntumor gefunden.»

Mehrere Hundert Krebstote – mindestens

Epidemologen haben vor zwei Jahren in einer umfangreichen Untersuchung

festgehalten, dass 400 Krebstote eindeutig auf das Konto des Werks Ilva gehen. Die Dunkelziffer liegt aber viel höher.

Das Stahlwerk stösst jeden Tag Tonnen von dunkelrotem giftigem Rauch aus. Die rote Asche legt sich auf alles: Strassen, Autos, Dächer, das Meer. Fischen ist bei Taranto verboten. Im etwas höher gelegenen Quartier Tamburi sind die Spielplätze wegen Bodenvergiftung gesperrt.

«Sollen wir stehlen gehen?»

Der Staat baute in den 1960er Jahren das Stahlwerk in Taranto. Es gehörte zu einem umfangreic

hen Plan, Arbeit in den verarmten Süden des Landes zu bringen. Die Ilva beschäftigt noch heute 11'000 Menschen. Das ist viel in einer Gegend, in der Armut und Arbeitslosigkeit grassieren.

Während die Opfer nichts anderes wollen als die Schliessung des Werkes, haben andere Angst um ihren Job. Ein Mann von der Strasse beschreibt die Gefühlslage der meisten Tarantiner: «Unsere Situation ist schwierig. Natürlich muss das Werk saniert werden. Aber wir brauchen doch die Arbeit. Hier gibt es sonst nichts. Sollen wir stehlen gehen?»

Werk nach Verhaftungen geschlossen

Seit der Staat das Werk Mitte der 1990er Jahre an eine Familie verkauft hat, gab es immer wieder Vorstösse zur Sanierung. Doch bislang verliefen sämtliche Bemühungen im Sand. Die Ilva gehört deshalb zu den schmutzigsten Stahlwerken Westeuropas.

Bild des Stahlwerks Ilva in Taranto im Morgengrauen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Stahlwerk Ilva in Taranto gilt als Dreckschleuder - ist aber auch grösster Arbeitgeber der Region. Reuters

Vor wenigen Monaten platzte einer Untersuchungsrichterin der Kragen. Sie drohte den Besitzern, das Werk wegen Verursachung einer Umweltkatastrohe zu schliessen. Nun verhaftete die Guardia di Finanza sieben führende Angestellte des Werkes und Beamte. Sie wirft ihnen Amtsmissbrauch, Verursachung einer Umweltkatastrophe und anderes vor.

Als Reaktion darauf hat die Besitzerfamilie das Werk kurzerhand schliessen lassen. Für Kommentatoren ist klar: Die Besitzer wollen damit beweisen, wie wichtig ihre Fabrik für die Region ist und damit den Staat zwingen, mehr Geld für die Sanierung des Werkes beizusteuern.

Stark erhöhte Sterberate

Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte das staatliche Gesundheitsinstitut in Rom eine neue Studie zu den gesundheitlichen Folgen der Ilva. Demnach ist die Sterberate in der apulischen Hafenstadt Taranto bei Männern um durchschnittlich 14 Prozent und bei Frauen um 8 Prozent höher als im Rest der Region.

Die männlichen Bewohner erkranken zu 30 Prozent häufiger an Tumoren als Einwohner im Rest der Provinz, bei Frauen liegt dieser Prozentsatz bei 20 Prozent. Dies geht der Studie des römischen Gesundheitsinstituts über die Auswirkungen der Feinstaubemissionen des Stahlwerks in den Jahren 2003-2009 hervor.

Viermal so grosses Krebsrisiko wie andernorts

Bei den Frauen in Taranto sei die Krebsrate je nach Tumorenart zwischen 24 und 100 Prozent höher als im nationalen Durchschnitt. Bei Männern liege die Möglichkeit, in Taranto an Krebs zu sterben, um bis zu 419 Prozent höher als im Rest Italiens.

Bei Kindern sei die Todesrate im ersten Lebensjahr höher als in den anderen italienischen Regionen. Die meisten Todesfälle, die auf die Emissionen des Stahlwerks zurückzuführen seien, wurden in Stadtvierteln unweit der Fabrik gemeldet. Die Emissionen würden mehrere Metalle enthalten, die für die Gesundheit äusserst schädlich seien.