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International Und ewig lockt der Osten: Tschechien wirbt um Schweizer Firmen

Unüberhörbar stöhnen viele heimische Unternehmen unter dem starken Franken. Ein Weg aus der Krise: Die Produktion nach Osteuropa verlagern, nach Tschechien etwa. Das Land zieht gezielt ausländische Investoren an – will aber mehr sein als eine günstige Werkbank.

Die Karlsbrücke in Prag, aufgenommen während der Nacht.
Legende: Die Kaiserstadt zieht nicht nur Touristen an. Von Prag aus wird auch der Zuzug finanzkräftiger Investoren orchestriert. Reuters

Wenn ein ausländisches Unternehmen in Tschechien investieren will, dann hilft ihm CzechInvest, die staatliche Standortförderung. Und zwar mit Rat und Tat – und ganz umsonst. Die Zahl der Anfragen aus der Schweiz hat in diesem Jahr zugenommen, sagt CzechInvest-Chef Karel Kučera. Nicht, dass Schweizer hier jetzt Schlange stünden: «Aber es gibt mehr Interesse, insbesondere von Unternehmen, die schon hier sind und ausbauen möchten.»

Tschechien liegt attraktiv: Mitten in Europa, an Deutschland und Österreich angrenzend – und es hat nach wie vor gute Beziehungen ostwärts bis nach Russland. Zudem sind die Leute gut ausgebildet, und: Arbeit ist hier viel billiger als in der Schweiz. Der durchschnittliche Monatslohn liegt unter 1000 Franken.

Verlockende Produktionsbedingungen

Doch damit nicht genug: Auch der Staat lockt Investoren mit finanziellen Anreizen. «Die EU gibt vor, was erlaubt ist», sagt Kučera. die Regeln sind also in allen EU-Ländern ungefähr dieselben. In Tschechien erhalten neue Unternehmen grob gesagt 25 Prozent ihrer Investitionen wieder zurück in Form von Steuergeschenken über 10 Jahre.

In manchen Fällen übernimmt der Staat auch einen Teil der Lohn- und Ausbildungskosten für Leute auf neu geschaffenen Stellen. Und: Neben Steuergeschenken sind auch Rabatte auf den Preis von Land und gar Barzuschüsse möglich.

Tschechien ist damit weniger grosszügig als der Nachbar Polen: «In Polen erhält man bis zu 40 Prozent der Investitionen zurück», sagt CzechInvest-Chef Kučera. Dann nämlich, wenn man dort in Regionen gehe, die von der EU zu den rückständigsten gezählt würden. Solche Regionen gibt es in Tschechien nicht mehr.

Wir haben dasselbe Problem: Die Bedrohung, die wir für die Schweiz darstellen, stellen für uns Weissrussland oder die Ukraine dar.
Autor: Martin PosipšilTschechisches Wirtschaftsministerium

Martin Posipšil kümmert sich im tschechischen Wirtschaftsministerium um die Beziehungen zu europäischen Ländern. Er kann verstehen, dass Schweizer Arbeitnehmer nervös werden, wenn sie hören, was für Bedingungen Tschechien für Unternehmer bietet: «Wir haben dasselbe Problem: Die Bedrohung, die wir für die Schweiz darstellen, stellen für uns Weissrussland oder die Ukraine dar.»

Damit müsse man leben lernen, sich anpassen, noch konkurrenzfähiger werden und sich auf Sektoren konzentrieren, die mehr Know-how erforderten. «In den 1990er-Jahren haben wir sozusagen alles genommen», so Posipšil. Denn damals habe dem Land Massenarbeitslosigkeit gedroht. Nach Jahrzehnten der kommunistischen Misswirtschaft hatte Tschechiens Industrie grossen Modernisierungsbedarf.

Die Schweiz Quelle als der Inspirationen – und Investitionen

Auch heute noch freue man sich, wenn zum Beispiel eine Pneufabrik sich in einer von Arbeitslosigkeit geplagten Region niederlasse, sagt Pospišil. Aber das Ziel sei jetzt ein Upgrade der Wirtschaft: «Wir wollen das Image der günstigen Werkbank Deutschlands loswerden und auf der Wertschöpfungskette aufsteigen.»

Man bemüht sich darum aktiv um Unternehmen aus gewissen Sektoren, etwa der Feinmechanik, Medizinaltechnik oder Chemie – alles Schweizer Spezialitäten. Daraus macht auch Pospišil keinen Hehl: «Die Schweiz ist und bleibt eine Quelle der Investitionen von genau der Art, die wir heute suchen.»