Ungarns Premier setzt sich ein Fussball-Denkmal

In Ungarn fiebert man der Fussball-EM mehr entgegen als anderswo. Denn erstmals seit drei Jahrzehnten ist das Land wieder für ein grosses Turnier qualifiziert. Premier Orban unternimmt viel, damit sich diese Schmach nicht wiederholt. Kritiker sagen aber: Es geht dabei weniger um sportliche Ehre.

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Bildlegende: Verbringt seine Wochenenden gern hier: Premier Viktor Orban, hier mit dem früheren deutschen Nationalspieler Matthäus. Reuters

Felcsut ist ein kleines Strassendorf im Niemandsland, rund 50 Kilometer westlich von Budapest. Und Felcsut wäre immer noch so blass wie die Welt hier flach ist, wenn es nicht einen berühmten Sohn hervorgebracht hätte. Der Premierminister sei regelmässig hier, erzählt ein Mädchen, das hier zur Schule geht. «Man kann ihn ansprechen und er ist nett zu uns.»

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Urs Bruderer

Portrait von Urs Bruderer

Der Journalist wirkt seit 2006 für SRF, zunächst als Produzent der Sendung «Echo der Zeit». 2009 wurde er EU-Korrespondent in Brüssel. Seit 2014 berichtet Bruderer aus Osteuropa. Er hat Philosophie und Geschichte studiert.

Wenn die Regierungsgeschäfte es erlauben, soll Viktor Orban seine Wochenenden hier verbringen. Er muss von seinem kleinen, weissen Haus im traditionellen Stil nur die Strasse überqueren, und schon steht er vor dem Eingang der Pancho Arena. Einem Fussballstadion, das zu Felcsut passt wie ein Schloss zu einem Schrebergarten.

Schön sei das Stadion, aber viel zu gross, sagt ein älteres Ehepaar auf der Dorfstrasse. «Aber mit diesem Geld hätte man doch anderes machen können.» Das Stadion wurde nach den letzten Plänen des Architekten Imre Makovecz gebaut, der organische Architektur mit ungarischer Tradition verband. An Knochenwirbel erinnern die Betonpfeiler, aus denen geschwungene Holzstreben blütenartig nach oben streben und das Dach aus Schiefer und Kupfer tragen, das die 4000 Sitzplätze überwölbt. Und das in einem Dorf mit 1700 Einwohnern.

Gottes Wille, Glück und Viktor Orban

Bauen durfte den Prachtsbau das Unternehmen des ehemaligen Heizungsinstallateurs Lörinc Meszaros. Der Bürgermeister ist ein Orban-Freund und brachte es in den letzten Jahren zu sagenhaftem Reichtum. Gottes Wille, Glück und die Person von Viktor Orban hätten ihm zu Reichtum verholfen, sagt er selber. Er soll sehr viel Land bekommen haben hier. Land, das die früheren Besitzer oder Pächter gern behalten hätten.

Auf der Strasse findet sich niemand, der das bestätigen will. «Mir hat noch keiner in Felcsut erzählt, dass ihm Land weggenommen worden sei», sagt ein Dorfbewohner. Und es sei doch gut, dass endlich auch einmal einer von hier reich werden konnte.

Eine Akademie für den Fussballnachwuchs

Fast immer wird trainiert auf den sechs Top-Fussballfeldern neben dem Stadion. Denn in Felcsut gibt es neu auch eine Fussballakademie. Deren Präsident ist übrigens ebenfalls Bürgermeister Lörinc Meszaros.

Etwa hundert Talente aus dem ganzen Land werden hier ausgebildet. Sie sollen dereinst die Ehre der Nation wieder herstellen. Denn, so Orban, ohne nationale Ehre und nationalen Stolz hat Fussball keinen Sinn.

Blick ins Stadion von Felcsut Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Stadion von Felcsut: Warum gerade hier? Warum so gross? Reuters

Aber warum gerade in Felcsut, fragen Kritiker. Warum so gross? Am meisten erzürnt sie aber die Finanzierung der Anlage von Felcsut.

Kürzlich wurde ein neues Gesetz geschaffen, das es Firmen erlaubt, Spenden für Mannschaftssportarten zu einem grossen Teil von den Steuern abzusetzen. Überraschend viele Firmen nutzen diese Möglichkeit. Und mit Abstand die meisten Spenden streicht die Fussballakademie von Felcsut ein.

«Wer an öffentliche Aufträge kommen will, spendet»

Für den Budapester Soziologen Balint Magyar ist klar: Diese Unternehmen spenden nicht freiwillig, sondern um die Gunst der Regierung zu bekommen. «Wer an öffentliche Aufträge kommen will, der spendet. Das sind Schutzgelder, wie in der Mafia.»

Dubiose Fussballkünste in Ungarn

4:27 min, aus Echo der Zeit vom 28.05.2016

Für Magyar ist das Stadion von Felcsut ein Monument des Mafiastaates, in den Viktor Orban Ungarn verwandelt haben soll. Anders sieht das der regierungsnahe Politologe Agoston Mraz. Er sehe darin vielmehr eine tief verwurzelte Absicht, der ungarischen Nation ihren Stolz zurückzugeben.

Noch spotten auch in Ungarn viele Leute über dieses Stadion im Niemandsland. Doch es gebe ja auch noch die Akademie, sagt Mraz, der übrigens kein Fussballfan ist. Sollte die ungarische Nationalmannschaft tatsächlich wieder erfolgreich sein, werde das alles von der ungarischen Bevölkerung angenommen, sagt der Politologe vorher. «Und vielleicht heisst es dann auch: Es war eine weise Entscheidung.»