USA: Ein Schritt zurück in der Frage der Abtreibung

Zuerst Arkansas, dann North Dakota: Ein US-Bundesstaat nach dem anderen beschneidet das Recht auf Abtreibung massiv. Vor 40 Jahren wurde es Bundesebene eingeführt. Nun fürchten Frauenrechtlerinnen um das Recht auf Selbstbestimmung.

Abtreibungsgegnerinnen auf dem Vormarsch.

5:37 min, aus Echo der Zeit vom 25.06.2013

Erika Hayworth sitzt im Rollstuhl vor der Klinik, lange schwarze Haare mit grauen Strähnen, weisser Arztkittel, ernste Miene. Neben ihr prangt das Bild eines blutüberströmten Fötus. Religiöse Musik strömt aus einem CD-Player. Ein afro-amerikanisches Paar nähert sich. «Bitte, tut das nicht, es ist ein Mensch, es gibt die Adoption», ruft die Frau im Rollstuhl ihnen zu. Die Frau betritt die Klinik, der Mann bleibt draussen, zündet sich eine Zigarette an. Raucht und blickt auf die Strasse.

«Es wird dich verfolgen»

Die Frau appelliert ans Gewissen des Mannes: «Auch Männer bereuen eine Abtreibung. Du willst dich nicht fragen müssen, was gewesen wäre. Das wird dich verfolgen» ruft sie ihm zu. Sie versucht, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Er schüttelt den Kopf und sagt kaum hörbar: «Too many». Zu viele Kinder.

Szenen wie hier in San Francisco spielen sich täglich ab in den USA, überall, landauf landab. Abtreibungsgegner befinden sich auf einer Erfolgswelle wie noch nie: Gliedstaaten haben in den letzten zweieinhalb Jahren 135 Gesetze erlassen, die Schwangerschaftsabbruch teurer machen und den Zugang dazu erschweren.

Republikaner machen vorwärts

Das ist möglich, weil die Republikaner in den Wahlen 2010 die Parlamentsmehrheit in mehr als der Hälfte der Gliedstaaten errangen. Sie treiben dieses Thema voran. Arkansas und North Dakota haben es dieses Jahr erstmals gewagt, die Abtreibung in einem frühen Stadium zu verbieten.

Damit stellen sie einen Entscheid des Supreme Court, des Bundesgerichtes in Frage, das vor 40 Jahren Abtreibungen bis zur 24. Woche legalisierte. Es war ein historischer Entscheid. Es war aber auch der Moment, in dem die radikale Gegenbewegung in den USA geboren wurde, sagt Carole Joffe, Soziologie-Professorin an der University of California in San Francisco.

Radikale Gruppierung entstand

Damals, 1973, entstand plötzlich eine sehr aktive Gruppe von Abtreibungsgegnern, finanziert von der katholischen Kirche, später auch von evangelischen Kirchen und orthodoxen Juden. Es war das perfekte Thema, um konservative Kräfte gegen die linkspolitischen Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre zu mobilisieren, sagt die Professorin.

Bald zeigte sich, dass die Abtreibungsgegner eine äusserst disziplinierte und engagierte Gruppe seien, sagt Joffe. Die Republikaner merkten, dass ihnen das enorme Vorteile bringen könnte. Sie umarmten die Abtreibungsgegner, gaben ihnen zunehmend Einfluss, bis sie unter Präsident George W. Busch wichtige Stellen in der Regierung besetzen durften.

Mehrheit für Legalität

Umfragen zeigen zwar, dass die Mehrheit der US-Wählerschaft will, dass Abtreibung legal bleibt. Doch in einem Land, wo deutlich weniger als die Hälfte der Menschen bei Parlamentswahlen zur Urne gehen, können aktive Minderheiten ihre Agenda durchbringen, sagt die Soziologin. Gegen den Schwangerschaftsabbruch zu sein ist für konservative Politiker in den USA zum Lackmustest geworden.

Das funktioniere auch, weil es um mehr gehe, als um den Glauben an die Unantastbarkeit des Lebens sagt Carole Joffe, die die Debatte seit Jahrzehnten verfolgt. Abtreibungsgegner bekämpften auch die Verhütung, die sexuelle Aufklärung, Frauengesundheits-Zentren. Es gehe immer noch um den Kampf der Geschlechter, darum, welchen Platz Frauen in der Gesellschaft einnehmen.

Keine Diskussion

All das kümmert Erika Hayworth nicht. Sie sitzt an diesem sonnigen Morgen vor der Klinik, in der Hoffnung, Frauen im letzten Moment umzustimmen. Sie will nicht über das Recht der Frau über ihren Körper diskutieren. Für sie ist der Fall eindeutig: Es ist nie richtig, ein Leben zu nehmen, es ist nie gut sagt sie. Wieder nähert sich eine Frau dem Eingang.

«Bitte, es ist ein Mensch, wenn es reden könnte würde es sagen: Mami töte mich nicht! Schau auf das Ultraschall-Bild und hör auf dein Herz, bitte töte dein Baby nicht!» Die Frau verschwindet in der Klinik, die Tür geht zu.