Volkszählung sorgt für Verstimmung in Bosnien

Erstmals hat Bosnien-Herzegowina eine Volkszählung durchgeführt. Sie zeigt, dass die muslimischen Bosnier knapp die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Aber nicht alle wollen das so hinnehmen. Dazu SRF-Balkan-Mitarbeiter Walter Müller.

Menschen in der Titova-Strasse im Zentrum von Sarajevo. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Menschen – unter ihnen Kroaten, Bosnier und Serben – in der Titova-Strasse im Zentrum von Sarajevo. Keystone

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Walter Müller

Walter Müller

Walter Müller war von 1995 bis 2001 Produzent beim «Echo der Zeit». Danach bis zu seiner Pensionierung 2015 Südosteuropa-Korrespondent auf dem Balkan. Seither berichtet Müller für Radio SRF als freier Mitarbeiter aus der serbischen Hauptstadt Belgrad.

Von den rund 3,5 Millionen Einwohnern Bosnien-Herzegowinas im Jahr 2013 sind gemäss Volkszählung 50,1 Prozent bosnische Muslime. Die orthodoxen Serben sind mit 30,8 die zweitstärkste und die katholischen Kroaten mit 15,4 Prozent die drittstärkste Gruppe.

SRF News: Bosnier und Serben haben zweieinhalb Jahre über die Methoden der Volkszählung gestritten. Die Serben erkennen die Ergebnisse nicht an. Weshalb?

Walter Müller: Die Regierung der bosnischen Serben behauptet, 200'000 Muslime dürften nicht mitgezählt werden, weil sie dauerhaft im Ausland lebten. Deshalb wollen die bosnischen Serben nur den Arbeits- und Studienort und nicht den Wohnort gelten lassen. Das statistische Amt des Gesamtstaates Bosnien-Herzegowina aber zählt die Bürgerinnen und Bürger dort, wo sie angemeldet sind. Das heisst, am Wohnsitz. Wer zwölf Monate vor oder nach der Volkszählung nicht dort gewohnt hat, wird trotzdem mitgezählt. Die serbische Republik will deshalb die Resultate nicht akzeptieren und eigene Ergebnisse veröffentlichen. Denn ohne die 200'000 nicht ständig wohnhaften Muslime hätten die Bosnier keine absolute Mehrheit in Bosnien-Herzegowina.

Was ist dran an dieser Kritik?

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Völker im Dauerstreit

Bisher besteht Bosnien-Herzegowina aus zwei fast unabhängigen Landeshälften. Die eine wird von den Serben kontrolliert, in der anderen teilen sich Muslime und Kroaten die Regierungsmacht. Die drei Völker hatten sich zwischen 1992 und 1995 einen blutigen Bürgerkrieg mit über 100'000 Toten und noch viel mehr Vertriebenen geliefert.

Man kann die eine oder die andere Methode gelten lassen. Man muss sich aber auf eine Methode einigen. Einigung und Kompromiss sind zwischen den drei Volksgruppen in Bosnien-Herzegowina, den Serben, Kroaten und Bosniern, aber fast nie möglich. Wieder haben sich die Politiker der bosnischen Serben quergelegt. Die statistische Methode des Gesamtstaates wird jedoch von der europäischen Statistikbehörde Eurostat gestützt. Das heisst, die 200'000 nicht ständig anwesenden bosnischen Muslime werden gezählt. Dies vor allem im Hinblick darauf, dass die Muslime am meisten unter der Vertreibung zu leiden hatten. Die Hälfte der bosnischen Bevölkerung war im Bosnienkrieg in den 90-er-Jahren auf der Flucht. Über 100'000 Menschen – mehrheitlich Muslime – sind umgekommen. Ihre Rückkehr soll also nicht zusätzlich erschwert werden.

Mehrere Jahre dauerte es, bis die Volkszählung, die erste in dem Land, zustande kam. Weshalb sind die Zahlen so umstritten?

Volkszählungen sind in allen ex-jugoslawischen Staaten ein Problem, denn beim Zerfall Jugoslawiens haben sich Ethnien bekämpft. Ergebnisse der Volkszählungen werden in der Region meistens ethno-nationalistisch manipuliert. Jede Volksgruppe will die stärkste, die grösste sein und die andere überbieten. In Bosnien-Herzegowina ist das besonders brisant, denn die Ämter im Gesamtstaat werden nach Stärke der Volksgruppe vergeben. Das wurde im Dayton-Friedensabkommen von 1995 so festgelegt. Die bosnischen Serben befürchten nun, dass sie überstimmt werden und zu kurz kommen könnten. Das ist allerdings widersprüchlich. Denn die Serbenrepublik will selbständig sein und hintertreibt den Gesamtstaat wo immer möglich.

Veröffentlicht wurden die Ergebnisse der Volkszählung auf Druck der EU. Weshalb verlangt dies Brüssel?

Bosnien-Herzegowina will Mitglied der EU werden und möchte den Kandidatenstatus. Dafür ist die Volkszählung eine simple Bedingung. Sowohl die EU als auch Bosnien-Herzegowina benötigen dieses statistische Material für ihre Planung von Wirtschaft und Sozialem. Zum Beispiel zur Planung der Schulen. Der Staat muss wissen, wie sich die Bevölkerung entwickelt, um das Schulwesen zu organisieren, um zu wissen, wieviele Schulhäuser nötig sind.

Das Gespräch führte Iwan Santoro.