Wahlen in Iran bringen Israel in die Bredouille

Mit dem gemässigten neuen iranischen Präsidenten Hassan Rohani verliert Israel den bösen Gegenspieler Mahmud Ahmadinedschad. Viele Beobachter in Israel finden, man sollte nun einem diplomatischen Prozess mit Teheran eine Chance geben – aber auf alles gefasst bleiben.

Anhänger feiern den Wahlsieg des Reformers Hassan Rohani in Teheran. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Anhänger feiern den Wahlsieg des Reformers Hassan Rohani in Teheran. Reuters

Für Israel wird es schwieriger werden, die westlichen Verbündeten von der Notwendigkeit eines militärischen Präventivschlags gegen die iranischen Atomambitionen zu überzeugen. Darin sind sich die Experten in Israel nach der Präsidentenwahl in Iran einig. Manche sprechen sogar von einem «vergifteten Geschenk», das Ajatollah Ali Chamenei in Person von Hassan Rohani dem Westen beschert habe.

Interview mit der Journalistin Gisela Dachs in Tel Aviv

3:01 min, aus SRF 4 News aktuell vom 17.06.2013

Neuen Satan finden

«Was machen wir bloss ohne den Buhmann, den Fanatiker Ahmadinedschad? Was wird aus uns ohne den persischen Hitler?», ironisiert der Leitartikel in der meistverbreiteten israelischen Tageszeitung «Jediot Ahronot». Und schlägt als Antwort vor: «Entweder wir müssen zur Wirklichkeit zurückkehren oder wir müssen ganz schnell einen neuen Satan finden.»

Seit der überraschende Sieg Rohanis bekannt wurde, häufen sich die Warnungen des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu und der Falken in seinem Kabinett: Die Wahl ändere nichts, der Druck auf Teheran müsse aufrecht erhalten und verstärkt werden, auch die militärische Option sei nicht vom Tisch.

Im schlimmsten Fall das Schlimmste

Die Journalistin Gisela Dachs in Tel Aviv sagt gegenüber Radio SRF, Netanjahu sei tatsächlich ein nützliches Feindbild abhanden gekommen. Allerdings sei die Grundhaltung in Israel «im schlimmsten Fall kommt es zum Schlimmsten.» Das sei immer so, wenn unberechenbare Dinge im Nahen Osten passieren.

Israel verdächtigt Iran gemeinsam mit vor allem westlichen Staaten, unter dem Deckmantel eines zivilen Atomprogramms an der Entwicklung von Atomwaffen zu arbeiten. Dabei gilt Israel trotz fehlender offizieller Bestätigung bisher als einzige Atommacht im Nahen Osten.

Netanjahu hatte seit letztem Herbst immer wieder gewarnt, Iran nähere sich innert Monaten der «roten Linie», die einen Präventivschlag gegen die Urananreicherung nötig mache. Er werde nun erst einmal leiser auftreten und sich in Geduld üben müssen, analysieren israelische Experten.

Neues Gesicht

«Mit Rohani als neuem Gesicht des Irans, der auf die Aufhebung der internationalen Sanktionen hinarbeitet und sich nicht zur demagogischen Holocaustleugnung seines Vorgängers hinreissen lässt, wird es für Netanjahu schwieriger werden, die Welt von der Notwendigkeit zu überzeugen, die iranischen Atomanlagen anzugreifen», schreibt Amos Harel, verteidigungspolitischer Experte der linksliberalen «Haaretz».

Obwohl es zutreffend sei, dass Ahmadinedschad in der iranischen Atompolitik keine führende Rolle hatte, «machten seine etwas skurrile Persönlichkeit und seine irrsinnigen Erklärungen es für Israel doch leichter, die Gefahren aufzuzeigen, die einem mit Massenvernichtungswaffen ausgerüsteten extremem Ajatollah-Regime innewohnen würden», analysiert Harel.

Für Israel wird es komplizierter

Ephraim Kam vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv folgert: «Das gemässigte Image des neuen iranischen Präsidenten wird nicht nur den internationalen Druck auf Iran mindern, sondern vielleicht sogar eine Übereinkunft in der Atomfrage begünstigen, die für Israel nicht hinnehmbar sein wird.»

Freddy Eitan vom Jerusalemer Zentrum für Öffentliche und Staatsangelegenheiten pflichtet bei: «Mit diesem vergifteten Geschenk, das Ajatollah Chamenei dem Westen beschert hat, wird unsere Arbeit komplizierter. Und wir werden praktisch alleine dastehen in unserem Überlebenskampf.»