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Italiens neue Regierung Das Erfolgsgeheimnis der Populisten

Einfache Lösungen für einfache Probleme, Emotionen und ein charismatischer Kopf. Der Soziologe Dieter Rucht sagt, wie populistische Bewegungen auf Wählerfang gehen. Und: Wieso sie selten mit dem politischen Alltag zurechtkommen.

Beppe Grillo hat mit seiner Bewegung Cinque Stelle Stimmen der Linken und Rechten eingesammelt.
Legende: Senkrechtstarter: Beppe Grillo hat mit seiner Bewegung Cinque Stelle Stimmen der Linken und Rechten eingesammelt. Keystone

Sie sind laut, anders und geben Hoffnung. Populisten. In Italien reitet der Komiker Beppe Grillo mit seiner Bewegung Cinque Stelle auf einer Woge des Erfolgs. In Griechenland hievte Alexis Tsipras das linksradikale Syriza-Bündnis bei den Parlamentswahlen 2012 auf den zweiten Rang. In Deutschland enterten die Piraten die Schiffe der etablierten Parteien.

Cinque Stelle, Syriza und die Piraten. Sind diese Parteien vergleichbar?

Dieter Rucht: Ja. Man bezeichnet sie als populistische Bewegungen. Dieser Begriff beinhaltet allgemeine Merkmale.

Was sind das konkret für Merkmale?

Sie geben sich als Repräsentanten des einfachen Volkes. Damit ist eine Abwehrhaltung gegenüber der politischen Elite verbunden. Sie haben sehr einfache Problemsichten. Und bieten einfache Lösungen an. Sie appellieren an Gefühle. Sie pflegen Ressentiments und bestärken Vorurteile. Teilweise haben sie auch charismatische Führerfiguren.

Die Bewegungen haben kein klares Parteiprogramm. Die Wähler scheinen das nicht zu brauchen.

Diese Bewegungen sagen zuerst einmal Nein zu politischen Akteuren oder Lösungen. Sie wissen relativ genau, was sie ablehnen. Was würden die Parteien besser machen? Und wie? Diese Fragen bleiben offen. Die Bewegungen lassen diese Fragen teilweise auch bewusst offen. Damit sind die Parteien eine leere Projektionsfläche. Ganz unterschiedliche Wähler können ihre Probleme auf diese Fläche projizieren. Und sie hoffen dann, dass die Partei ihre Probleme lösen wird. Dabei ignorieren die Menschen, dass andere Wähler dieser Partei andere Probleme haben und andere Lösungen wollen.

Ist es typisch für Protestbewegungen, dass sie Wähler aus ganz unterschiedlichen politischen Lagern ansprechen?

Dieter Rucht hat sich auf Protest- und Bewegungsforschung spezialisiert.
Legende: Der Soziologe: Dieter Rucht hat sich auf Protest- und Bewegungsforschung spezialisiert. zvg

Nein. Es gibt zwar populistische Parteien, die lagerübergreifend wirken. So spricht Beppe Grillo Wähler vom linken und vom rechten Rand an. Es gibt aber auch populistische Parteien, die eindeutig im linken oder rechten Spektrum verortet sind. In den letzten 10 bis 15 Jahren haben wir gesehen, dass rechtspopulistische Bewegungen in nahezu allen Ländern Europas an Boden gewonnen haben.

Können solche Protestbewegungen längerfristig Erfolg haben? Bei den Piraten in Deutschland hat es ja nicht geklappt.

Die Lebensdauer dieser Parteien ist in der Regel sehr begrenzt. Sie bekommen vor allem während einer Krise Zulauf. Wenn die Krisen überwunden sind, wird den Bewegungen das Wasser abgegraben. Oder sie ziehen so viele Wähler an, dass sie nachher in ein Parlament gewählt werden. Dort müssen sie Kompromisse eingehen; oder sie werden in Allianzen eingebunden. Wenn die Parteien im politischen Alltag angekommen sind, ist es vorbei mit der einfachen Weltsicht und den einfachen Lösungen. Das enttäuscht die Wähler.

Eine kurze Lebensdauer. Aber die Grünen sind in Deutschland auch aus einer Protestbewegung entstanden. Sie haben den Sprung zur etablierten Partei geschafft.

Die Grünen waren aber keine populistische Partei. Sie wollten nicht nur die Interessen der einfachen Leute vertreten. Sie hatten auch keinen anti-intellektuellen Grundzug. Sie haben mit dem Thema Umweltschutz und Ökologie begonnen – ein generelles Thema. Die Grünen haben es dann geschafft, andere politische Felder zu besetzen. Sie haben mit der städtischen, gut gebildeten Mittelschicht eine relativ stabile Klientel.

Wird Beppe Grillo in Italien einen Erfolgsweg wie die Grünen finden?

Das erwarte ich nicht. Wir müssen natürlich abwarten. Linke und Rechte haben Grillo gewählt. Das spricht dafür, dass sich die Wählerschichten mit der Zeit wieder auseinanderdividieren werden. Denn es gibt sehr wenige Gemeinsamkeiten zwischen rechts und links. Die plakativen Parolen mögen für den Augenblick taugen, aber nicht für das politische Tagesgeschäft.

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Lutzer, Wädenswil
    Wenn politische Bewegungen, die nicht mit den Zielen der etablierten Parteien übereinstimmen, als Populisten beschimpft werden, stehen klare Absichten dahinter. Nämlich diese und damit auch ihre Wähler zu verunglimpfen, zu degradieren. Es geht ja nur um Protest, um Wut, es ist ja nicht ernst zu nehmen. Wer der Marktlogik des Kapitalismus nicht folgen will, ist Populist im Sinne eines Verführers ohne ehrbaren Absichten. Die, die andere Populisten schimpfen, sind jene, die die Mächtigen sch...
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    1. Antwort von Fritz Frei, Buriram
      Ich teile Ihre Ansicht nicht. Als Populisten werden nur diejenigen bezeichnet, die nichts zu bieten haben als die Unzufriedenen in ihrer Meinung zu unterstützen, indem sie Vorurteile und Vereinfachungen noch weiter überzeichnen und versprechen, dass es unter ihrer Führung "anders" sein werde. Wie anders, sagen sie nicht. Sie schauen den Unzufriedenen aufs Maulk und äffen nach was sie gehört haben. Alles nur, um Macht zu gewinnen, die sie für ihre, nicht ihrer Wähler Ziele einsetzen. Siehe...
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    2. Antwort von M. Roe, Gwatt
      Hr. Fritz Frei: Hier zeigt sich sehr deutlich, dass jeder so seine eigene Vorstellung und Meinung von einem Populisten hat. Für mich ist ein Populist einer der nahe beim Volk ist und deshalb gut ankommt. Vielleicht könnte man im SRF mal einen Aufklärungs-Kurs machen.
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    3. Antwort von Marcel Amgwerd, Solothurn
      Lieber Herr Lutzer. Sollten Sie es noch nicht gemerkt haben, war es der Kapitalismus der Wohlstand über die Schweiz und "Westen" brachte. Sie können ja gerne den Sozialimus einführen, das Resultat daraus sollte aber mittlerweile selbst dem dümmsten Menschen bekannt sein! Das Problem ist einfach. Die Bürger wollen nichts mehr leisten und stets nur noch vom Staat profitieren. Diese Einstellung kann und wird nicht funktionieren. Die Bürger müssen lernen wieder für sich selbst zu sorgen!
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  • Kommentar von franz schleiniger, montecatini/italien
    Grillo hat in der Kritik in vielen Punkten recht. Jedoch hat er keine Lösungen anzubieten. Grillo hat aber nicht nur Klamaukbrüder hinter sich geschart, auch echt Politikverdrossene,Bürger, welchen das Gehabe der Etablierten Politik zum Halse heraus hängt, echte Reformwillige und solche, welche eine Verjüngung Italiens als notwendig erachten. Italien wird tatsächlich das jüngste Parlament haben und eine Frauenquote welche sich sehen lässt. Aber auch, keine Führungspersönlichkeit!!!!
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  • Kommentar von Paul Tschungo, Fuqing
    Eine (ex)populaere CH-Partei tut doch genau das Gleiche wie Hr. Grillo. 25% koennen mit dem Effekt "die da Oben" auf Anhieb aus den extemen Lagern mobilisiert werden. In der Schweiz kommen noch 5% aus dem "am-Alten­-festhalten(Subventionen) Lager" hinzu. Schwieriger fuer solche Parteien wird es, sobald Kualitionen notwendig werden.
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