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Identitäre in Deutschland Was harmlos klingt, muss nicht harmlos sein

Die Identitäre Bewegung sorgt mit spektakulären Aktionen für Schlagzeilen. Zu Besuch bei den jungen Rechtsextremen.

Legende: Audio Gezielte Provokationen von Rechts abspielen. Laufzeit 04:55 Minuten.
04:55 min, aus Echo der Zeit vom 26.07.2017.

Neulich in Halle. Es steigt ein äusserlich völlig normale Grillparty im Hinterhof eines Altbaus am Rande des Universitätsviertels. Mario Müller, der Veranstalter der Party, stellt sich vor: «Ich arbeite in diesem Haus als Streetworker von rechts – wenn man so will. Ich bin dafür verantwortlich, dieses Haus mit Veranstaltungen zu bespielen.»

Es ist keine ganz normale Grillparty hier in Halle. Das Haus gehört der sogenannten Identitären Bewegung. Ein unbekannter Spender hat es gekauft und der Bewegung vermietet. Hier sollen Seminare stattfinden und hier wohnen auch Mitglieder der Bewegung. Es sei das erste solche Haus in Deutschland, heisst es. Die Bewegung ist zurzeit in aller Munde, denn sie versucht, im Mittelmeer Flüchtlinge aufzuhalten.

Verharmlosende Selbstbeschreibung

Vor einigen Wochen versuchte sie zudem, die Auquarius – ein Schiff der Hilfsorganisation SOS Mediterrane – beim Auslaufen aus Catania aufzuhalten. Müller war dabei. «Die letzte spektakuläre Aktion, an der ich persönlich beteiligt war, war die Kampagne Defend Europe, bei der wir im Mittelmeer versucht haben, gegen den organisierten Schlepperhandel durch sogenannte humanitäre NGOs vorzugehen», sagt er. Die Hafenbehörde unterband den Versuch damals rasch.

Bei uns geht es darum, die Mentalitäten, Werte und Ideen der Jugend zu beeinflussen.
Autor: Mario MüllerOrganisator

Wer sind die Identitären? Müllers Antwort: «Wir sind eine ausserparlamentarische Jugendbewegung. Bei uns geht es darum, die Mentalitäten, Werte und Ideen der Jugend zu beeinflussen. Weg von einer Kultur des Selbsthasses, die derzeit vorherrscht, hin zu einer Kultur der Identität und der Tradition.»

Müllers Beschreibung ist verharmlosend. Mit dem «Weg von der Kultur des Selbsthasses» ist die Relativierung des Holocaust gemeint. Identität und Wissen woher man kommt, bedeutet die Ablehnung von anderen Religionen und Ethnien.

Bewegung, nicht Partei

Konkret fordert Müller: «Ich glaube, dass diejenigen, die wir nicht integrieren können, in ihre Heimat zurückkehren sollten.» Damit meint er auch Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund in der dritten Generation, die einen Pass oder eine Aufenthaltsbewilligung haben und nicht straffällig sind.

Müller: «Das zeigt sich auch bei den Türken, die beispielsweise bereits in der dritten Generation in Deutschland leben und dann trotzdem mit hundert oder zumindest fünfzigtausend Menschen zu den Pro-Erdogan-Demonstrationen gehen. Sie können sich immer noch nicht mit diesem Land identifizieren.»

Nach welchen rechtsstaatlichen Kriterien das geschehen soll, kümmert Mario Müller nicht. Die Identitären sind keine Partei, sie wollen den Boden für ein rechtes bis rassistisches Gedankengut bereiten. Viele erhalten ihre ideologische Schulung im Institut für Staatspolitik in Schnellroda beim rechten Vordenker Götz Kubitschek, 30 Kilometer von Halle entfernt.

Wir haben uns das ein bisschen von Greenpeace und anderen Bewegungen abgeschaut.
Autor: Martin SellnerVordenker der Identitären

Inspiration bei Greenpeace

An einem solchen Seminar im Schnellroda sagte Björn Höcke, AfD-Fraktionschef im Thüringer Landtag, 2015 zum Thema Flüchtlinge: «Die Evolution hat Afrika und Europa – vereinfacht gesagt – zwei unterschiedliche Reproduktionsstrategien beschert. Im 21. Jahrhundert trifft der lebensbejahende afrikanische Ausbreitertyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp. Solange wir bereit sind, diesen Bevölkerungsüberschuss aufzunehmen, wird sich am Reproduktionsverhalten der Afrikaner nichts ändern.»

Mit spektakulären Aktionen wie sie die die Linken oder Greenpeace erfunden haben, wollen die Identitären auf sich aufmerksam machen. Der Vordenker der Identitären, der 28-jährige Österreicher Martin Sellner, der derzeit auch auf der C-Star im Mittelmeer ist, sagte vor einigen Monaten gegenüber SRF: «Wir haben uns das ein bisschen von Greenpeace und anderen Bewegungen abgeschaut. Es geht darum, mit Provokation genau am richtigen Punkt anzusetzen – gleich wie mit einer Akupunkturnadel. Im Endeffekt wollen wir Reaktionen beim Gegenüber auslösen.»

Bedrohung für den Rechtsstaat

Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz sieht die Identitären als Bedrohung für den demokratischen Rechtsstaat. Präsident Hans-Georg Massen sagt: «Wir beobachten die Identitäre Bewegung und betrachten sie als eine extremistische Organisation.»

Die Identitären: Was harmlos klingt und sich verharmlosend äussert, muss nicht harmlos sein.

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110 Kommentare

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  • Kommentar von Karl Kirchhoff (Charly)
    Die meisten politisch motivierten Straftaten verübten im vergangenen Jahr Neonazis und andere Rechte. Die Polizei zählte 23.555 Delikte (2015: 22 960), darunter 1698 Gewalttaten (2015: 1485). Ein Mensch starb, 1283 erlitten Verletzungen. Das Todesopfer ist ein Polizist, der im Oktober im bayerischen Georgensmünd von dem Reichsbürger Wolfgang P. erschossen wurde.(Tagesspiegel)
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    1. Antwort von Karl Kirchhoff (Charly)
      Bei den links motivierten Gewaltdelikten gab es einen beachtlichen Rückgang. 1702 Delikte bedeuten ein Minus von 24,2 Prozent (2015: 2246). Die Gesamtzahl im Bereich PMK-links sank hingegen nur um 2,2 Prozent (2016: 9389, 2015: 9605).
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    2. Antwort von Udo Gerschler (UG)
      Das ist dieses Jahr allein in Hamburg von rot grün gestoppt worden.
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    3. Antwort von Cornelia Marthaler (Cornelia Marthaler)
      Das liegt wohl vor allem daran, dass linke Gewalt nicht als solche wahrgenommen und verfolgt wird, jedoch schon die ein "Hasskommentar" in einem Internet-Forum in die Statistik eingeht.
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    4. Antwort von Karl Kirchhoff (Charly)
      Seit der Wende gab es mehr als 140 Todesopfer rechter Gewalt. Kein Toter durch Linksextreme. In diesem Artikel geht es um Rechtsextreme.
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    5. Antwort von rosi gantenbein (lara croft)
      @Kirchhoff. Wo haben Sie den Humbug gelesen oder noch nie was von Hamburg gehört?
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    6. Antwort von Florian Kleffel (Hell Flodo)
      Danke für die Recherche, Herr Kirchhoff. Schade, dass man hier gleich viele oder mehr Likes erhält, wenn man einfach mal eine unfundierte Behauptung raushaut (Gerschler), unbewiesene Verschwörungstheorien verbreitet (Marthaler) oder nicht verstanden hat, dass Hamburg gar noch nicht in den Zahlen auftauchen kann (Gantenbein). Am meisten notabene die Theorie, die ausgerechnet der Polizei unterstellt, blind für linke Vergehen zu sein. Dabei sind das diejenigen, die körperlich Schaden nehmen...
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    7. Antwort von Karl Kirchhoff (Charly)
      "Todesopfer rechtsextremer Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland", kann man alles auf wikipedia nachlesen.
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  • Kommentar von Thomas Käppeli (thkaepp)
    Nichts gegen eine gesunde Durchmischung, ohne Klumpen/Ghettobildung. Wir alle sind längerfristig betrachtet, irgendwann migriert. Solange es quantitativ und zeitlich moderat abläuft, durchaus fruchtbar. Der Ankömmling im Gastland ist daher gefordert, sich von der Lokalbevölkerung absorbieren zu lassen. Dies bedingt jedoch Eigeninitiative. Allen voran die Sprache lernen und Interesse an Land, Leuten und Kultur bekunden. Ich darf nicht erwarten, einfach abgeholt zu werden. Wurde nie bestellt.
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  • Kommentar von Cornelia Marthaler (Cornelia Marthaler)
    "Identität und Wissen woher man kommt, bedeutet die Ablehnung von anderen Religionen und Ethnien" Weiteres krasses Beispiel von Meinungsmanipulation: wieso wohl sollte Identität und Wissen woher man kommt heissen dass man andere ablehnt? So ein Unsinn: die ID ist dezidiert für Ethnopluralismus und gesteht damit jeder Ethnie einen gleichberechtigte Existenzanspruch zu. Auch Mobilität ist i.O. für die ID - einfach mit Mass! Soll jetzt also schon jeder der eine Identität hat Rassist sein?
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