Was macht der Terror mit Frankreich?

Der in Israel lebende Schweizer Psychoanalytiker und Terrorexperte Carlo Strenger zeichnet nach dem Anschlag von Nizza ein düsteres Bild. Er befürchtet, dass dies erst der Anfang ist. Die vermeintlichen Lösungen der Rechtspopulisten könnten in diesem zivilisatorischen Kampf gar nichts ausrichten.

Frankreich muss einen weiteren grossen Terroranschlag auf seine Gesellschaft verkraften. Einschätzungen des Psychoanalytikers Carlo Strenger zur weiteren Entwicklung, der auch für das Institut für Terrorforschung an der City University of New York tätig ist.

«Charlie Hebdo», Bataclan und jetzt Nizza: Frankreich trauert erneut um Opfer eines Terroranschlags. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Charlie Hebdo», Bataclan und jetzt Nizza: Frankreich trauert erneut um Opfer eines Terroranschlags. Keystone/Archiv

SRF News: Was macht die Häufung solch grausamer Attacken mit der französischen Bevölkerung, die das bis anhin nicht kannte?

Carlo Strenger: Bisher reagierte die französische Bevölkerung glücklicherweise relativ ruhig und liess sich nicht einschüchtern. Zu unterscheiden ist dabei zwischen den Direktbetroffenen, die wahrscheinlich unter posttraumatischen Symptomen leiden, und der verunsicherten Gesamtbevölkerung. Es ist aber zu befürchten, dass Frankreich – und nicht nur Frankreich – noch lange mit solchen Terroranschlägen leben muss. Wenn es so weitergeht, wird sich die Frage nach den psychologischen Langzeitfolgen stellen.

Ist die französische Gesellschaft bereits traumatisiert?

Wenn sich die schrecklichen Anschläge häufen, werden die Angst und die Wut steigen. Die Bevölkerung ist aus verständlichen Gründen verunsichert. Sie will einfache Antworten, wo diese nicht zu haben sind. Es ist die Sternstunde der Rechtspopulisten, die den Wählern vorgeben, die Lösung zu haben. Nach zwölfjähriger Tätigkeit in einer der führenden Terrorforschungs-Organisationen stelle ich aber fest, dass es keine einfachen Antworten gibt. Wir sind in einen zivilisatorischen Kampf involviert, der noch sehr lange dauern wird.

Ihr Gegenrezept gegen solche «Heilsbringer» ist das Prinzip der «zivilisierten Verachtung»: Auch die Linke im Westen sollte von der politischen Korrektheit wegkommen und auch nicht-westliche Werte und Kulturen kritisieren, wenn sie die Wähler nicht verlieren will?

Es ist enorm wichtig, dass die Wähler nicht das Gefühl haben, dass einzig die populistische Rechte Antworten auf diese Probleme hat. Sie hat diese Antworten mit Sicherheit nicht. Das zeigt sich etwa in den USA bei Donald Trump, der von Terror und dessen Bekämpfung einfach null versteht. Die gemässigten Kräfte inklusive die Linke müssten hier ganz klar Position beziehen und auch die Lügen der populistischen Rechten schonungslos aufdecken.

Gibt es eine Regierung, die das Problem bis anhin gut gelöst hat?

Präsident Barack Obama hat in dieser Hinsicht viel reifer reagiert als sein Vorgänger George W. Bush. Obama betreibt eine sehr aggressive Politik gegen die Terrororganisation Islamischer Staat. Das heisst: Man kann in Ruhe mit gescheiten Erwägungen und ohne populistische Hetzreden die Arbeit machen. Man darf sich aber keinen Illusionen hingeben: Den Terror kann man nicht einfach ausradieren. Als eine der wichtigsten Aufgaben müssen deshalb Politiker dafür sorgen, dass die Bevölkerung nicht dem Fremdenhass oder Rassismus verfällt. Ansonsten erreichen die Terroristen des IS wie auch von Al Kaida nämlich genau das, was sie wollen: den zivilisatorischen Krieg zwischen dem Islam und dem Westen.

Israel muss seit langem mit der Gefahr von Anschlägen leben. Wie beeinflusst das Ihren Alltag?

In Israel ist es vollkommen klar, dass man ohne umfassende Kontrolle kein öffentliches Gebäude wie etwa eine Universität betreten kann. Die Israeli haben sich daran gewöhnt. Es ist zu hoffen, dass sich Europa nicht so stark an den Terror gewöhnen muss. Aufgrund meiner Analysen und aufgrund der Aussagen von Kollegen aus der Terrorforschung befürchte ich allerdings, dass das erst der Anfang und nicht das Ende der Terrorwelle ist.

Gibt es aber nicht so etwas wie eine Normalität, indem man sich mit der ständigen Bedrohung arrangiert?

Man hat ja gar keine andere Wahl. In Israel ist man sich der Gefahr bewusst und die Bevölkerung ist viel mobilisierter. Es gibt bedeutend mehr Polizei- und Militärpräsenz. Man muss aber auch die innere Stärke aufbauen zu wissen, dass der Terror nur dann gewinnt, wenn er uns wirklich terrorisiert.

Das Interview führte Nicoletta Cimmino.