Wegen Brexit: Deutscher Pass bei britischen Juden gefragt

Britische Juden können den deutschen Pass beantragen, wenn die Nazis ihren Vorfahren die Staatsbürgerschaft entzogen haben. Nach dem Ja zum Brexit wird dieses Recht rege genutzt. Auch Autor und Journalist Thomas Harding will Deutscher werden. Lesen Sie hier, was ihn zu diesem Schritt bewegt hat.

Zwei Hände halten einen deutschen Pass. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seit dem Ja zum Brexit steigt die Nachfrage: Ein Pass der Bundesrepublik Deutschland. Keystone

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Thomas Harding

Thomas Harding

Der britische Autor und Journalist wurde 1968 in London geboren. Seine Urgrosseltern waren vor dem Nazi-Regime geflüchtet.

SRF News: Wieso haben Sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt?

Thomas Harding: Als ich in den Nachrichten vom Brexit erfahren habe, war ich sehr erschüttert. Mir wurde bewusst, dass ich keine Möglichkeit mehr haben würde, in 27 Ländern zu arbeiten oder zu leben. Noch am selben Morgen habe ich in der Deutschen Botschaft angerufen und darum gebeten, meine deutsche Staatsbürgerschaft wiederherzustellen.

Ihre Urgrosseltern mussten Deutschland 1936 wegen der Nazis verlassen. Haben Sie nicht gemischte Gefühle, wenn Sie jetzt deutscher Staatsbürger werden?

Nun, in unserer Kindheit haben wir kein Deutsch gesprochen, wir haben keine Ferien in Deutschland oder Österreich gemacht und – im Gegensatz zu vielen andern – haben wir keine deutschen Autos oder Waschmaschinen gekauft. In unserer Familie gab es eine grosse Wut gegenüber Deutschland. Mein Urgrossvater war ja einer der bekanntesten Ärzte in Berlin. Zu seinen Patienten gehörten etwa Marlene Dietrich oder Albert Einstein. Aber als Juden mussten meine Urgrosseltern das Land in den 1930er-Jahren verlassen. Meine Grossmutter wurde von der Schule verwiesen, mein Urgrossvater verlor seine Praxis und fünf Mitglieder der Familie starben im Holocaust. In den letzten vier Jahren habe ich aber immer mehr Zeit in Deutschland verbracht. Ein erstes Mal waren wir mit unserer Grossmutter 1993 in Deutschland. Sie hat uns die Tür zu Deutschland geöffnet. Und die letzten Jahre habe ich mich in Deutschland dann meinem grossen Projekt gewidmet, ich habe dort das Sommerhaus meines Urgrossvaters renoviert.

«  Ich verabschiede mich nicht von Grossbritannien. Vielmehr sage ich ‹Hallo› zu Europa. Ich will Teil sein von etwas Grösserem. »

Von dem Haus, das Sie ansprechen, handelt auch Ihr jüngster Roman «Sommerhaus am See». Ihr Urgrossvater hatte das Haus 1927 in Gross Glienicke gebaut, wenige Kilometer westlich von Berlin. Was bedeutet Ihnen dieses Haus?

Hören Sie hier das Gespräch mit Thomas Harding

6:04 min, aus SRF 4 News aktuell vom 18.08.2016

Ein erstes Mal hatte ich das Haus 1993 gesehen. Damals lebten noch Leute drin. Vor ein paar Jahren kam ich dann zurück – für Recherchen zu meinem Buch «Hanns und Rudolf», wo es um meinen Grossonkel geht, der den Kommandanten von Auschwitz aufgespürt hat. Bei meiner Rückkehr war das Haus in einem schrecklichen Zustand. Graffiti an den Wänden, zerbrochene Scheiben, Möbel, die überall herumlagen. Ich merkte, dass mir das Haus sehr viel bedeutete. Wahrscheinlich weil es die letzte greifbare Spur war, die meine Familie in Deutschland hinterlassen hatte. Die Stadt Potsdam, der das Haus inzwischen gehörte, sagte mir, sie wolle es abreissen. Wenn ich aber beweisen könne, dass das Haus eine spezielle Geschichte habe, könnten sie es vielleicht unter Denkmalschutz stellen. Also sammelte ich die Geschichten der Familien, die in dem Haus gelebt hatten und konnte es so letztlich vor dem Abriss bewahren. Besonders beeindruckt hat mich dabei die Unterstützung der Einheimischen. Sie waren sehr hilfsbereit und haben mir bei den Recherchen geholfen. Auch waren sie bereit, diesen schlimmen Teil der deutschen Geschichte anzuerkennen und aufzuarbeiten. All das hat meine Beziehung zu Deutschland grundlegend geändert.

Welche Reaktion hat Ihr Entscheid, den deutschen Pass zu beantragen, bei Ihrer Familie und Ihren Freunden ausgelöst?

Interessanterweise habe ich in den letzten Tagen immer mehr Reaktionen erhalten. Ich hatte am Anfang etwas Angst vor negativen Reaktionen, schliesslich hat meine jüdische Familie ja eine schwierige Beziehung zu Deutschland. Mein Vater ist ein gutes Beispiel dafür. Er meinte zuerst, meine Grossmutter hätte wohl gar keine Freude an mir gehabt. Ein paar Tage später half er mir dann aber beim Beantragen des deutschen Passes. Er suchte die notwendigen Dokumente wie die Geburtsurkunde und den Trauschein meiner Grosseltern heraus. Es gibt immer zwei Seiten. Zum einen darf man die schlimmen Verbrechen nicht vergessen, die unserer Familie so viel Leid gebracht haben. Zum andern müssen wir aber auch vorausschauen und Wege finden für eine bessere Zukunft. Das heisst nicht, dass ich Grossbritannien «Auf Wiedersehen» sage. Für mich ist es vielmehr ein «Hallo» an Europa. Ich will Teil sein von etwas Grösserem, etwas Besserem.

«  Mit meinem Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft geht es mir auch darum, für mich und meine Tochter alle Optionen offen zu halten. »

Also heisst es nicht, dass Sie Grossbritannien den Rücken kehren?

Nein, gar nicht. Der Artikel in der deutschen Verfassung erlaubt es mir, die britische Staatsbürgerschaft zu behalten und gleichzeitig meine deutsche Staatsbürgerschaft wiederherzustellen. Meine Familie ist dankbar, dass wir in den 1930er-Jahren in Grossbritannien aufgenommen wurden. Schliesslich waren wir zu Staatenlosen geworden und wir mussten aus Deutschland flüchten. 50 Jahre nach unserer Ankunft in Grossbritannien – 1986 – hat meine Familie ein Fest organisiert, um Danke zu sagen. Es wurden Reden gehalten und man hat auf das Wohl der Queen angestossen. Wir sind unglaublich glücklich darüber, wie wir damals von Grossbritannien aufgenommen wurden. Mit meinem Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft geht es mir auch darum, für mich und meine Tochter alle Optionen offen zu halten. Aber es gibt auch die emotionale Komponente: Man fühlt sich als Europäer und will Leute zusammenbringen, statt sie voneinander zu trennen.

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Gesuche wegen Brexit

Das deutsche Grundgesetz erlaubt es britischen Juden den deutschen Pass zu beantragen, wenn sie belegen, dass das Nazi-Regime ihren Vorfahren die Staatsbürgerschaft entzogen hat. Über 100 Anträge seien seit dem Brexit eingegangen, sagte ein Sprecher der deutschen Botschaft in London der «New York Times». Normalerweise seien es etwa 20 pro Jahr.

Es sind aber vor allem praktische Überlegungen, weshalb Sie den deutschen Pass beantragen?

Das war sicher der Auslöser. Aber ich hätte mich nicht wohl gefühlt dabei, wenn ich mich Deutschland nicht verbunden fühlen würde. Hinzu kommt der Umgang Deutschlands mit den Flüchtlingen. Unter den zahlreichen syrischen Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind, befinden sich auch neun Mitglieder meiner Familie. Meine Schwester ist mit einem syrischen Kurden verheiratet und neun Mitglieder der Familie sind aus Damaskus nach Deutschland gekommen. Dafür bin ich dem Land dankbar. In den 1930er-Jahren haben wir Deutschland als Flüchtlinge verlassen, jetzt kehrt ein Teil meiner Familie als Flüchtlinge nach Deutschland zurück. Die Geschichte wiederholt sich in einem gewissen Sinn. Und dafür muss man Deutschland dankbar sein. Ich denke, dass wir als Europäer zusammenhalten müssen. Das hat es mir erleichtert, die Wiederherstellung der deutschen Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Spielen Sie mit dem Gedanken, dereinst auch nach Deutschland zu ziehen?

Wissen Sie, ich bin jetzt schon mindestens sechs bis sieben Mal im Jahr in Deutschland. Wir arbeiten ja immer noch an der Renovation unseres Sommerhauses in Gross Glienicke. Zusammen mit den Einheimischen gründen wir dort ein Begegnungszentrum für junge Menschen. Vor zwei Tagen habe ich mit Vertretern der Stadt Potsdam und dem Bundesland Brandenburg eine Partnerschaft vereinbart. Ich werde also so oder viel Zeit in Berlin verbringen, aber natürlich auch in Grossbritannien und in den USA. Aber am besten gefällt es mir als Schriftsteller so oder so an meinem Schreibtisch. Und das wird in absehbarer Zukunft sicher auch so bleiben.

Das Gespräch führte Roger Aebli.