Wegen Satire im deutschen TV: Türkei bestellt Botschafter ein

Ein Beitrag eines Satiremagazins im deutschen Fernsehen sorgt für diplomatische Verwicklungen: Die Türkei bestellte wegen des Beitrags der NDR-Sendung «Extra3» offenbar den deutschen Botschafter ein. Ein Schritt, der bei deutschen Medienmachern für Empörung sorgt.

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Erdogan-Video polarisiert

1:05 min, aus 10vor10 vom 29.3.2016

Der Song des Anstosses

Türkei bestellt deutschen Botschafter ein. Warum? Darum:

Posted by Extra 3 on Montag, 28. März 2016

Ein knapp zweiminütiger Beitrag des deutschen Satiremagazins «Extra3» zieht Kreise: Medienberichten zufolge bestellte die Türkei den deutschen Botschafter in Ankara ein. Wie das Nachrichtenmagazin «Spiegel Online» berichtet, musste der Diplomat sich bereits am vergangenen Dienstag für das zweiminütige Filmchen rechtfertigen.

Erdogan findet Satiresong nicht lustig

2:41 min, aus SRF 4 News aktuell vom 29.03.2016

«Erdowie, Erdowo, Erdowahn»

Stein des Anstosses war demnach ein Lied über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayip Erdogan. Der Beitrag wurde am 17. März in der ARD-Sendung «extra 3» ausgestrahlt.

Das beanstandete Lied trägt den Text «Erdowie, Erdowo, Erdowahn» und ist auf die Melodie des Nena-Hits «Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann» getextet. In der Satire-Version heisst es zum Beispiel: «Er lebt auf grossem Fuss, der Boss vom Bosporus.» Dazu werden Bilder von Erdogans neuem Palast gezeigt, der wegen seiner Grösse und Kosten umstritten ist. Zu Bildern von der Abführung eines Journalisten und der Erstürmung einer Redaktion lautet der Text: «Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast.»

Bilder eines Treffens zwischen dem türkischen Präsidenten und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, bei dem sich beide die Hände schütteln, sind unterlegt mit dem Text «Sei schön charmant, denn er hat Dich in der Hand».

Kritik von deutschen Medienmachern

Das deutsche Aussenministerium kommentierte die Berichte über die Einbestellung bisher nicht. Der Deutsche Journalisten-Verband nannte sie lächerlich. «Der türkische Machthaber Erdogan hat offenbar die Bodenhaftung verloren», sagte Verbandspräsident Frank Überall. Der Staatschef habe sich zum Gespött der sozialen Medien gemacht.

Auch der NDR, der die Sendung «Extra3» für die ARD produziert, kritisierte das Vorgehen Ankaras. «Dass die türkische Regierung wegen eines «extra-3»-Beitrags offenbar diplomatisch aktiv geworden ist, ist mit unserem Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit nicht vereinbar», sagte NDR-Fernseh-Chefredaktor Andreas Cichowicz.

Am Wochenende hatte Erdogan bereits Diplomaten scharf kritisiert, weil sie einen Prozess gegen zwei prominente türkische Journalisten besucht haben. Das entspreche nicht dem diplomatischen Protokoll, sagte Erdogan bei einem Treffen von Geschäftsleuten in Istanbul. Das Verfahren gegen die beiden Journalisten wegen Spionage hat im Ausland für viel Aufmerksamkeit und Kritik gesorgt.

Der islamisch-konservative Staatspräsident weist regelmässig Vorwürfe zurück, die Pressefreiheit in der Türkei werde eingeschränkt. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 149 von 180 Staaten. Einheimische kritische Medien sind unter besonders grossem Druck. So wurde Anfang März in der Türkei die grösste Oppositionszeitung «Zaman» unter staatliche Kontrolle und auf Regierungskurs gezwungen.

«Vielleicht unser letzter Post»

Die «Extra3»-Redaktion lässt sich von der Kritik aus Ankara offensichtlich nicht beirren. Auf Facebook wurde Erdogan zum «Mitarbeiter des Monats» gekürt. Auch in einem weiteren Post ging es um die Kritik aus der Türkei.

«Vielleicht unser letzter Post»

Vielleicht unser letzter Post:

Posted by Extra 3 on Dienstag, 29. März 2016

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Medienfreiheit in der Türkei zunehmend bedroht

    Aus Tagesschau vom 25.3.2016

    Hinter verschlossenen Türen hat in Istanbul der Prozess gegen zwei türkische Journalisten begonnen. Ihnen droht lebenslange Haft wegen eines Zeitungsartikels, in welchem sie von Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an islamistische Rebellen in Syrien berichteten. Der Fall widerspiegelt die Entwicklungstendenz der türkischen Pressefreiheit: Immer häufiger werden kritische Journalisten bedroht oder entlassen.