Vor gut drei Monaten besuchte der spanische König in Madrid eine Ausstellung über das Leben der Indigenen in Mexiko und machte danach eine historische Aussage: Es habe viel Missbrauch gegeben, sagte Felipe VI. über die Zeit der spanischen Kolonialherrschaft in Mexiko. Zudem sprach er etwas schwammig von moralisch-ethischen Auseinandersetzungen.
Es war das erste Mal überhaupt, dass das spanische Königshaus Verfehlungen der Eroberer in Lateinamerika einräumte.
Für viele Leute in Spanien ist die Eroberung Amerikas der grösste Beitrag Spaniens zur Geschichte der Menschheit.
Bis dahin standen die Zeichen auf Konfrontation. Der frühere Präsident Mexikos Andrés Manuel López Obrador hatte per offiziellem Schreiben eine Entschuldigung für die Missetaten der Kolonialzeit gefordert.
Weil Spanien darauf nicht einging, brach seine Nachfolgerin Claudia Sheinbaum mit einer langen Tradition: Sie lud den spanischen König nicht zu ihrer Amtseinsetzung ein.
Beitrag zur Menschheit versus Tragödie
Die unterschiedlichen Sichtweisen auf die koloniale Vergangenheit seien seit Jahrzehnten ein Thema, sagt Xosé Manoel Núñez Seixas, Professor für Zeitgeschichte in Santiago de Compostela. Besonders konservative Kräfte in Spanien hingen einem überholten Geschichtsbild nach.
Wenn es innenpolitische Probleme gibt, versuchen die politischen Verantwortungsträger, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung abzulenken.
«Für viele Leute in Spanien ist die Eroberung Amerikas, die sogenannte Entdeckung der Neuen Welt, der grösste Beitrag Spaniens zur Geschichte der Menschheit. Sie glauben, dass Spanien nicht nur eine neue Welt entdeckt, sondern sie auch zivilisiert hat», sagt der Professor.
In Mexiko hingegen lese man die Geschichte genau umgekehrt. «Für die Mexikaner sind die Spanier natürlich die Bösen der Geschichte. Ihnen zufolge war die spanische Eroberung eine Tragödie», sagt der Professor. Obwohl grosse Teile der heutigen mexikanischen Elite selbst Nachfahren der spanischen Siedler seien – so auch der frühere Präsident López Obrador.
Streit als Ablenkungsstrategie?
Núñez Seixas vermutet andere Gründe dahinter, dass Mexiko den Konflikt immer wieder aufleben lässt. «Das passiert nicht nur in Mexiko, sondern auch in anderen lateinamerikanischen Ländern. Wenn es innenpolitische Probleme gibt, versuchen die politischen Verantwortungsträger, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung abzulenken.»
Der König wird sich niemals entschuldigen. Für die spanische Öffentlichkeit wäre das eine Erniedrigung.
Eine andere Art der Ablenkung stellt der Fussball dar: Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum nutzte die WM, um König Felipe zum Besuch des Spanien-Spiels einzuladen.
Schon am Donnerstag trafen sich die beiden in der Hauptstadt Mexiko-Stadt. Die Versöhnung wurde zumindest visuell zelebriert – das Gespräch der beiden Staatsoberhäupter fand dann hinter verschlossenen Türen statt. Sie hätten über die Bedeutung der indigenen Völker und über die Verbindungen zwischen Mexiko und Spanien gesprochen, twitterte Claudia Sheinbaum danach vage.
Historiker Núñez Seixas sieht das Treffen durchaus als wichtigen Schritt, um die Verstimmung zwischen den Ländern zu beheben. Dass aber König Felipe VI. bald noch weitere Eingeständnisse machen werde, glaubt er nicht. «Er wird sich niemals entschuldigen. Für die spanische Öffentlichkeit wäre das eine Erniedrigung», sagt er.
Zunächst wird der König ohnehin nur Fussball schauen und hoffen, dass seine Nationalelf nicht erniedrigt wird – im Spiel gegen Uruguay, eine weitere frühere Kolonie.