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Aktivisten sprechen von Gulag «Wer sich weigert, wird mit Isolationshaft bestraft»

In der Ostukraine müssen Strafgefangene harte, unbezahlte Zwangsarbeit leisten. Aufgedeckt hat das die Journalistin Sabine Adler. Sie konnte mit zwei Häftlingen sprechen.

Legende: Audio Zwangsarbeit für Strafgefangene in der Ostukraine abspielen. Laufzeit 6:57 Minuten.
6:57 min, aus Echo der Zeit vom 14.07.2017.
  • In der Ostukraine sollen tausende Strafgefangene zu unbezahlter Zwangsarbeit verpflichtet worden sein, berichtet der Radiosender Deutschlandfunk.
  • Prorussische Separatisten betreiben demnach ein Netz von Arbeitslagern, welches der Finanzierung der beiden selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk dient.
  • Aufgedeckt hat das die deutsche Journalistin Sabine Adler. Sie war in den vergangenen Monaten mehrmals in der Ukraine unterwegs und hat mit SRF gesprochen.

SRF News: Was haben Sie Gesichertes über die Zustände in diesen ostukrainischen Gefängnissen herausgefunden?

Sabine Adler: Meine Erkenntnisse fussen auf einer Untersuchung, die eine ostukrainische Menschenrechtsgruppe durchgeführt hat. Die Gruppe hat mit 74 Personen gesprochen. Das waren Häftlinge, deren Angehörige oder Augenzeugen. Ich konnte mit zwei Häftlingen sprechen. Mit einem, den diese Gruppe aus dem Gefängnis befreien konnte. Und ich konnte mit jemandem telefonieren. Denn eigentümlicherweise ist es so, dass die Häftlinge in diesen Zwangsarbeitslagern durchaus Telefone benutzen können. Allerdings mit der Einschränkung, dass es keine Smartphones sein dürfen. Denn Smartphones sind, seit sich ein Häftling mit einer Mail an das Rote Kreuz gewandt hat, verboten.

Smartphone sind, seit sich ein Häftling mit einer Mail an das Rote Kreuz gewandt hat, verboten.

Was haben Ihnen die Häftlinge über ihren Tagesablauf berichtet?

Sie müssen zwölf Stunden arbeiten. Sie werden sehr schlecht versorgt. Sie dürfen keine Essenspakete von ihren Familien empfangen. Sie sprechen von schwerer und schwerster körperlicher Arbeit. Das heisst, sie müssen für die Bauwirtschaft Betonblöcke giessen oder auch Betonpfeiler, die zum Abstützen von Schächten in Bergwerken benutzt werden. Es wird Maschendraht hergestellt, es werden Bäume gefällt. Und anders als in den normalen Gefängnissen in der Ukraine kann man nicht selbst entscheiden, ob man arbeitet, man muss arbeiten. Und wer sich weigert, wird mit Isolationshaft in einem kalten, dunklen Keller bestraft. Die Abstufung geht von mindestens 15 Tagen bis zu einem halben Jahr.

Was haben die Männer verbrochen, dass sie dort einsitzen müssen?

Diese Häftlinge sind tatsächlich Kriminelle. Sie haben zum Beispiel Autos gestohlen oder Überfälle gemacht. Der, mit dem ich telefoniert habe, hat eine grosse Summe Geld gestohlen. Dafür hat er zehn Jahre Haft bekommen. Es sind ganz normale, zivile Strafgefangene, die für das, was sie angestellt haben, eine Freiheitsstrafe bekommen haben. Die müssen sie jetzt absitzen. Diese Häftlinge – man spricht von bis zu 10'000 – haben weder in der Ukraine noch in der Ostukraine irgend eine Lobby. Diese Menschen werden über ihre Haftzeit hinaus festgehalten, weil die Separatistenrepubliken nicht anerkennen, was die Kiewer Gesetzgebung sagt. Eine Amnestie, die 2014 erlassen wurde, gilt einfach nicht auf diesem Gebiet.

Menschenrechtler sprechen von Gulags, die von Moskau gebilligt würden. Ist das bloss Anti-Russland-Propaganda?

So würde ich das nicht auslegen. Denn der Hinweis auf russische Gulags muss man zweifach verstehen. Es geht erst einmal darum, dass es unbezahlte Zwangsarbeit ist. Das widerspricht der ukrainischen Gesetzgebung. Deshalb der Begriff Gulag. Mit Moskaus Billigung deshalb, weil man weiss, dass die Erlöse in die Volksrepubliken fliessen. Nach Luhansk fliessen umgerechnet etwa 300'00 bis 500'000 Euro im Monat.

Alles, was in diesen Volksrepubliken passiert, auch die Zwangsarbeit, ist von Moskau abgesegnet.

Und man weiss von der Annexion der Krim, dass der Unterhalt der Halbinsel für Moskau so teuer geworden ist, dass das ein Grund war, Donezk und Luhansk nicht einzuverleiben. Denn das kann sich Russland eigentlich nicht leisten. Somit ist jede Finanzierungsquelle, wie jene mit den Zwangsarbeitslagern, eine willkommene Finanzierungsquelle. Wir wissen, dass der Konflikt von Moskau aus gesteuert wird, dessen Ende liegt in der Hand des Kremls. Alles, was in diesen Volksrepubliken passiert, auch die Zwangsarbeit, ist von Moskau abgesegnet.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Sabine Adler

Sabine Adler

Die deutsche Journalistin und Autorin war unter anderem Korrespondentin des Deutschlandfunks in Russland. Seit September 2012 ist sie für die erweiterten Osteuropa-Berichterstattung des Deutschlandfunks zuständig. Sie ist Mitglied des Netzwerks Women in International Security und von Reporter ohne Grenzen.

23 Kommentare

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  • Kommentar von Jos Schmid (Jos Schmid)
    Diese prorussischen Kommentare sind erstaunlich. Wie kann ein demokratischer Schweizer dieses Regime bloss unterstützen?
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    1. Antwort von Philipp Etter (Philipp Etter)
      Wenn man gegen Russlandhetze ist, braucht man nicht gleich prorussisch zu sein! Dasselbe gilt auch für die Trumphetze. Ich mag den Kerl nicht, aber das Gesabber gegen ihn ist noch übler!
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    2. Antwort von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
      Wieso nicht? Kein Land ist perfekt. Die USA führen staatliche Morde mit Drohnen durch, auf den blossen Verdacht jemand könnte Terrorist sein. Das ist wesentlich schlimmer als alles, was man Russland vorwirft. Dennoch unterstützen viele Schweizer nach wie vor die USA. Wieso?
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    3. Antwort von Peter Mueller (Elbrus)
      @schmid Wenn der Ukraine etwas an den Gefangenen gelegen wäre - würden die sofort Ausgetauscht werden.
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    4. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Die USA unterhalten u. a. auch ein "Folterlager" in Polen. Von diesem in Qantanamo wollen wir gar nicht sprechen. Wie kann man nur solche Regimes unterstützen?
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Es stimmt, dass Moskau sehr genau aufpasst, was in der Ostukraine geschieht. So hat es die Sepparatisten auch schon mal zurückgepfiffen, als diese, Angrsichts einer schwachen ukr. Armee in die Ukraine einmarschieren wollten. Russland weiss genau, dass der Westen auf solch eine Gelegenheit wartet, um Russland anzugreifen, politisch, ökonomisch, militärisch.
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  • Kommentar von Frank Henchler (Fränki)
    Die gute Frau Adler klingt absolut glaubwürdig und passt zum global-politischen Verhalten Russlands. Alle diejenigen, die wieder einmal die alte Leier von anti russischer Propaganda abspielen, sollten mal kritisch hinterfragen, ob nicht doch etwas von dem geschilderten wahr sein könnte.
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    1. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      "Wir wissen, dass der Konflikt von Moskau aus gesteuert wird," Wer das so schreibt, ist nicht glaubwürdig. Was ist z.B. mit dem Tel. von Frau Nuland? Wie interpretieren Sie diesen?
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    2. Antwort von Dan Custer (NaturundMensch)
      Herr Henckler, lesen Sie mal Brzezinskis Buch: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft (The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, 1997)! Alles läuft (fast) nach diesem Drehbuch...
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    3. Antwort von Frank Henchler (Fränki)
      @DC. Danke für den Hinweis. Die Schriften sind allerdings aus einer Zeit, in der die USA tatsächlich noch Weltmacht war. Die Zeiten des kalten Krieges, in dem es nur Ost gegen West hieß, sind längst vorbei. Die globale Vorherrschaft wird zwischen China und den USA ausgetragen und aus diesem Grund sehe ich Ru auch nicht als Bedrohung an. Das Drehbuch, so wie sie es nennen, muss daher neu geschrieben werden.
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    4. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Wie verhält sich denn Russland global-politisch? Dieses "neue" Russland-Bushing erinnert sehr an die Zeit des Kalten Krieg. Aber für den Westen gilt nach der Wende wohl eher:" Annäherung "Ja", Konkurrenz "Niet". Und unter Obama die USA kurz vor der Staatspleite, war eben dann die Öffnung gegen den Westen seitens Russland ein Konkurrent mehr auf dem Parkett der Wirtschaftsplayer. Gobalisierung gilt dann wohl für den Westen auch nur für den Westen. Drum will man ja Russland auch wieder isolieren.
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