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International Wer sind die vermummten Demonstranten in Kiew?

Zwei Monate verliefen die Proteste in der Ukraine friedlich. Seit wenigen Tagen aber spitzen sich die Auseinandersetzungen zu. SRF-Korrespondent Peter Gysling über das zum Teil unzimperliche Vorgehen der staatlichen Sicherheitskräfte und den gewaltbereiten Teil der Opposition.

Demonstranten in Kiew.
Legende: Die Ruhe vor dem Sturm? Bewaffnete Demonstranten in Kiew machen sich für weitere Kämpfe bereit. SRF/Peter Gysling

SRF: In den vergangenen Tagen gab es aber immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und Sicherheitskräften in Kiew. Mehrere Menschen kamen dabei ums Leben. Wieso hat sich die einst friedliche Protestbewegung in der Ukraine derart radikalisiert?

Peter Gysling: Die Opposition harrt seit über zwei Monaten auf dem Maidan aus. Ohne Ergebnis. Sie will aber endlich einen Erfolg sehen. Dies hat sicher bei einem Teil der Europabewegung und Gegner des Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch zu einer Radikalisierung beigetragen. Aber auch die Nachrichten über Verschleppungen, Verprügelungen, Folterungen und gar Tötung einzelner Oppositioneller spielen eine Rolle.

Wer sind die Demonstranten?

Die Protestbewegung in der Ukraine setzt sich aus verschiedensten Gruppen und Schichten zusammen. Aus den friedfertig gestimmten Intellektuellen, aus Anhängern der drei Oppositionsparteien Swoboda, Udar und der Vaterlandspartei. Zu diesen Gruppen gesellen sich aber immer mehr Nationalisten, Rechtsradikale und auch Hooligans. Man kann kritisieren, dass sich der friedliche Teil der Demonstranten bisher kaum je öffentlich von den Gewaltaktionen der Radikalen distanziert hat. Insofern ist den gemässigten Kräften auch ein wichtiger Teil der Protest-Bewegung entglitten.

Vermummte Demonstranten in Kiew.
Legende: «Diese jungen Demonstranten sind vorwiegend am Strassenkampf interessiert.» Keystone

Neuerdings sieht man auf Fotos auch viele vermummte Demonstranten – mit Hockey-Helmen und kugelsicheren Westen.

Genau lassen sich diese nicht immer zuordnen. Aber es gibt den «Rechten Sektor», eine Gruppierung Rechtsradikaler, die oft mit Helm und Schlagstöcken zu sehen sind. Dann gibt es vor allem die Gruppierung «Spilna Sprava» («Gemeinsame Sache»). Diese Gruppe rekrutiert ganz offen Leute, die sich bereit erklären, gegen die Staatsorgane zu kämpfen und beispielsweise Regierungsgebäude zu erobern. Nach wie vor aber gibt es – das möchte ich betonen – auch die vielen absolut friedfertig gestimmten Demonstranten.

Ich denke nicht, dass Moskau die Auseinandersetzungen mitsteuert.
Autor: Peter GyslingKorrespondent SRF

Was sind denn die genauen Ziele der radikalisierten Oppositionellen?

Das ist eine schwierige Frage. Diesen Demonstranten geht es wohl nicht in erster Linie um politische Ziele. Ich denke, die haben auch einfach Lust zu kämpfen. Sie stellen sich jetzt gegen Präsident Janukowitsch, weil er ein korrumpiertes System um sich herum aufgebaut hat. Aber ich würde diese Gruppen trotzdem keinen politischen Organisationen zuordnen.

Welche Rolle spielen die mutmasslich von Janukowitsch bezahlten Schlägertrupps namens «Tituschkis» für die Radikalisierung der Proteste?

Die «Tituschkis» tragen zu einer Radikalisierung der Oppositionsbewegung bei. Diese Schlägertrupps ziehen randalierend durch die Strassen und attackieren mutmassliche Anhänger der Protestbewegung.

Die Strassenkämpfe sind heftig – inwiefern schadet das der gesamten Protestbewegung?

Die Radikalisierten haben der Bewegung auf dem Maidan und neuerdings auch in einigen ukrainischen Regionen neuen Aufwind verliehen. Sie stellen in meinen Augen aber gleichzeitig eine grosse Gefahr für die gesamte Protestbewegung dar. Sie könnte dazu führen, dass Janukowitsch unerwartet mit aller Macht, mit der Polizei, vielleicht gar auch mit Einheiten der Armee zurück schlägt. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passieren würde, wenn Janukowitsch Truppen gegen die Bevölkerung hier in Gang setzen würde.

Aber es spielt Janukowitsch doch in die Hände, wenn die Oppositionsbewegung in Chaos und Gewalt zerfällt.

Das ist genau das Problem. Das befürchten auch die Besonnenen innerhalb der Oppositionsbewegung selbst. Seit Tagen liefern sich Radikale an der Gruschweski-Strasse mit der Polizei wilde Scharmützel. Man kann sich wirklich fragen, was diese Auseinandersetzung dort soll.

Ist der «Rechte Sektor» sogar vom russischen Geheimdienst durchsetzt, um die Opposition ad absurdum zu führen?

Solche Mutmassungen mag man anstellen, beweisen lässt sich so etwas aber nicht. Wenn ich die radikalisierten Leute vor Ort sehe, denke ich nicht, dass die von der Gegnerschaft der Opposition gesteuert werden. Weder vom ukrainischen, noch vom russischen Geheimdienst. Moskau, denke ich, könnte allenfalls bereit, wenn es darum ginge, hier die gesamte Oppositionsbewegung gewaltsam auseinander zu jagen. Aber ich denke im Moment nicht, dass Moskau diese Auseinandersetzungen mitsteuert.

Das Gespräch führte Benedikt Widmer.

Peter Gysling

Porträt von Peter Gysling.

Peter Gysling arbeitet seit 1980 als Journalist für SRF. Während des Mauerfalls war er Korrespondent in Deutschland. Von 1990 bis 2004 und erneut seit 2008 ist er Korrespondent in Moskau.

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