Wer war der Schütze von München?

Unauffälliger Schüler, in München aufgewachsen, Typ netter Nachbar. Doch hinter der Fassade verbirgt sich offenbar ein Mensch mit Gewaltfantasien. Per gehacktem Facebook-Zugang lockte der Attentäter junge Leute zum Fastfood-Restaurant. In seinem Rucksack fand die Polizei 300 Schuss Munition.

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Bildlegende: Blumen für die Opfer von München. Reuters

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Eiffelturm zeigt Flagge

Eiffelturm zeigt Flagge

Keystone

Das Wahrzeichen von Paris erstrahlte am Samstagabend in Gedenken an die Opfer des Münchner Amoklaufs in den deutschen Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold. Die Stadt hatte dies über das offizielle Twitter-Konto des Eiffelturms angekündigt. Zuletzt wechselten die Farben nach dem Terroranschlag in Nizza – zu Blau, Weiss, Rot.

Der junge Mann, der München am Freitag in den Ausnahmezustand versetzte, ist selbst ein Münchener Kind: Vor 18 Jahren kam der mutmassliche Täter in der bayerischen Landeshauptstadt zur Welt.

Von einer Nachbarin als «guter Mensch» beschrieben scheint der Schüler am Ende von Hass getrieben gewesen zu sein – ein Mix aus einer psychischen Erkrankung und Schulproblemen könnte seinen Amoklauf mit zehn Toten ausgelöst haben.

Eltern nicht vernehmungsfähig

Der junge Mann lebte bis zuletzt bei seinen aus dem Iran stammenden Eltern. Der Vater ist Taxifahrer, die Mutter arbeitete nach den Worten einer Nachbarin als Verkäuferin bei einer Warenhauskette. Zur Familie gehört noch ein weiterer Sohn. Zum Leben der Familie konnten die Ermittler zunächst wenig sagen.

Polizeipräsident Hubertus Andrä beschrieb die Eltern als viel zu schockiert, um weitergehende Aussagen zu treffen. Die Polizei erhielt Hinweise, dass der Heranwachsende psychische Probleme hatte, es soll sich um Depressionen handeln.

Ausserdem fanden die Ermittler in dem Zimmer des Jungen viele Hinweise darauf, was in seinem Kopf vorging. Es seien Unterlagen gefunden worden aus dem Bereich Amok, sagte Andrä. «Mit dem Thema hat sich der Täter offensichtlich intensiv beschäftigt.»

Parallelen zum Fall Breivik

Zeitungsberichte zu Amokläufen entdeckten die Polizisten. Auch das Buch «Amok im Kopf – Warum Schüler töten». Besonders auffällig nannte der Polizeichef, dass die Tat von München am fünften Jahrestag der Tat des rechtsextremen Attentäters Anders Behring Breivik stattfand. Insofern liege eine «Verbindung auf der Hand».

Parallelen zum Amoklauf von Winnenden

2:47 min, aus Tagesschau vom 23.7.2016

Andrä zog diese Verbindung deshalb, weil es sich bei beiden Fällen um Amokläufe gehandelt habe. Aber womöglich gibt es auch eine andere Parallele: Der Norweger Breivik tötete 2011 aus rechtsextremen Motiven. Und auch beim Täter von München wird über Fremdenhass spekuliert.

Auch gebe es Parallelen zum Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009, resümiert SRF-Sonderkorrespondent Marcel Anderwert. Ein 17-jähriger Schüler stürmte damals eine Realschule im baden-württembergischen Winnenden und tötete 16 Menschen. «Beide Täter wurden offenbar von Gleichaltrigen gemobbt, waren in psychologischer Behandlung und spielten gewalttätige Computerspiele», so Anderwert.

Trotz seiner iranischen Wurzeln sah sich der Attentäter nicht als Ausländer. «Ich bin Deutscher» ist von ihm auf einem während der Tat entstandenen Video zu hören, das die Polizei als authentisch einstuft. Die «Bild»-Zeitung berichtet, er habe sich an seiner Schule von Türken und Arabern gemobbt gefühlt.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft will dieses konkrete Mobbing zunächst nicht bestätigen. Er spricht aber davon, dass es «Anhaltspunkte» für solche Schulprobleme gebe. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann spricht von Problemen im Bildungsweg.

Eine Falle gestellt

Unter den neun zum grossen Teil jugendlichen Opfern waren auffällig viele mit ausländischer Herkunft. Alle lebten zwar in München oder Umgebung. Drei waren Kosovo-Albaner, drei waren Türken und einer Grieche. Unklar ist, ob sie zum Teil in eine perfide geplante Falle des Amokschützen liefen.

Facebook-Aufruf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Facebook-Aufruf. SRF

Der offensichtlich mit guten Computerkenntnissen ausgestattete 18-Jährige hackte nämlich nach den Erkenntnissen der Polizei den Facebook-Account eines Mädchens mit einem türkischen Namen.

«Kommt heute um 16 Uhr Meggi am OEZ», schrieb er dort – Meggi ist Jugenddeutsch für McDonald's. Die vermeintliche Einladung verstärkte er mit der Ankündigung, etwas zu spendieren.

Der Schüler scheint die Tat also länger geplant zu haben. So besorgte er sich auch auf ungeklärtem Weg illegal eine 9mm-Glock-Pistole. Die Seriennummer war aus der Waffe ausgefeilt. Ausserdem hatte er 300 Schuss Munition in einem Rucksack bei sich. Zu dem Zeitpunkt, als er sich selbst das Leben nahm, befanden sich noch weitere Schuss Munition im Lauf der Waffe.

Am Computer war der mutmassliche Täter im Morden geübt. Innenminister Thomas de Maizière berichtete von der Spielleidenschaft. Und er fordert nun eine Debatte über das «unerträgliche Ausmass gewaltverherrlichender Spiele im Internet» – für den Politiker sind ihre Auswirkungen «nicht zu bezweifeln». Die Frage ist: Haben sie dazu beigetragen, dass der junge Mann zum neunfachen Mörder wurde?

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Nach der Schreckensnacht von München

    Aus Echo der Zeit vom 23.7.2016

    Es war die Tat eines Einzelnen. Ein 18-jähriger Schüler hatte neun Menschen erschossen und weitere schwer verletzt, bevor er sich selbst das Leben nahm. In der Millionenstadt herrschte eine Nacht lang Panik. Die Polizei erhält für ihren Einsatz viel Lob.

    Simone Fatzer, Adrian Arnold

  • Nochmal zu den tragischen Ereignissen in München

    Aus Tagesschau vom 22.7.2016

    Am frühen Freitagabend hat es im Nordwesten Münchens, im Olympia-Einkaufszentrum, eine Schiesserei mit mehreren Toten und Verletzten gegeben. Die Polizei bestätigt bisher mehrere Tote. Einschätzungen dazu von SRF-Korrespondent Adrian Arnold in Berlin.

  • Weitere Informationen zum Anschlag in München

    Aus Tagesschau vom 22.7.2016

    Einschätzungen von SRF-Korrespondent Adrian Arnold in Berlin.