Wird der Brexit für die Nordiren zur Sackgasse?

In zwei Monaten stimmen die Briten über den Brexit, den Austritt aus der EU, ab. Nicht nur ganz Europa schaut gebannt nach London. Auch innerhalb des Vereinigten Königreichs ist die Spannung gross, etwa in Nordirland. SRF-Korrespondent Martin Alioth erklärt, wovor sich die Menschen dort fürchten.

Zwei Männer von hinten mit T-Shirts mit der Aufschrift «Britain stronger in EU». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nordirische Bauern würden ohne EU-Subventionen schlagartig 90 Prozent weniger verdienen. Reuters

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Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

SRF News: Wovor fürchten sich die Nordiren bei einem allfälligen Austritt Grossbritanniens aus der EU?

Martin Alioth: Sie befürchten, dass Nordirland gewissermassen zur Sackgasse würde; zu einem isolierten Stück Land. Denn mit einem Austritt des Vereinigten Königreichs entstünde eine EU-Aussengrenze zwischen dem britischen Nordirland und der Republik Irland, die selbstverständlich EU-Mitglied bliebe. Es gäbe wohl Grenzkontrollen irgendwelcher Art. Man denke an die Migrationsströme aus der EU, die durchaus die Republik Irland als Einfallstor nach Grossbritannien nutzen könnten, wenn es dort keine Grenzkontrollen gäbe. Und auf einer ganz materiellen Ebene müssten die nordirischen Bauern auf 90 Prozent ihres Einkommens verzichten – beziehungsweise das britische Schatzamt um höhere Subventionen bitten als jene, die heute geleistet werden.

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Schotten gegen Brexit

Ein grosses Thema ist der Brexit auch in Schottland. Im traditionell EU-freundlicheren Norden Grossbritanniens wähle man lieber «das kleinere Übel», nämlich den Verbleib in der EU, sagt die BBC-Korrespondentin Imogen Foulkes. Das zeigten jüngste Umfragen. Das ganze Interview mit ihr hören Sie hier.

Der Brexit könnte nicht nur wirtschaftliche Nachteile bringen, sondern auch politische. Irlands Premierminister Enda Kenny warnte unlängst davor, dass der Friedensprozess gefährdet werden könnte. Inwiefern?

Das ist auf einer symbolischen Ebene zu verstehen. Wenn man an Grenzzäune denkt: Ist es das, was die Leute auf der Insel mit ihrer Vergangenheit wieder wollen? Es droht ein Abbau der gemeinsamen Nord-Süd-Institutionen, die im Friedensprozess aufgebaut wurden. Die EU fiele als verbindende Klammer weg. Das alles muss nicht zwingend zu negativen Konsequenzen führen. Aber es könnte.

In Nordirland herrscht also Skepsis gegenüber einem EU-Austritt. Sind sich die Katholiken und Protestanten in dieser Frage einig?

Keineswegs. Die nordirischen Katholiken – ob sie nun für die radikalere Sinn-Féin-Partei stimmen oder für die gemässigtere SDLP – sind grundsätzlich geschlossen für den Verbleib in der EU. Dies nicht zuletzt, weil die Mitgliedschaft eine Verbindung mit dem Rest Irlands darstellt. Gleichzeitig haben die Anhänger der grössten Partei Nordirlands, die einst vom mittlerweile verstorbenen Pfarrer Ian Paisley geführt wurde, also einem radikalen Protestanten, die Austrittsparole herausgegeben. Dies wohl auch in der Hoffnung, dass die ihnen immer noch suspekten Anbindungen an die Republik Irland dadurch gelockert werden. Man sieht also den möglichen Konfliktstoff innerhalb Nordirlands, den die Brexit-Frage auslöst. Die Folgen sind nicht unbedingt vorhersehbar, aber ein Austritt würde mehr Unsicherheit auf allen Ebenen bringen.

Droht bei einem Brexit der Zerfall Grossbritanniens, oder ist das Schwarzmalerei?

Schwarzmalerei ist der richtige Ausdruck. Es gibt keine linearen Kausalitäten, etwa «wenn dies geschieht, geschieht ganz bestimmt das». Aber alles ist im Fluss. Wenn das Vereinigte Königreich mehrheitlich beschliesst, der europäischen Integration den Rücken zu kehren, betrifft das von der englischen Automobilindustrie bis zur Zugehörigkeit Nordirlands zu Grossbritannien nahezu jeden Bereich.

Das Gespräch führte Iwan Santoro.