Wostochni: Russlands Prestigeprojekt mit falschem Glanz

Beim ersten Mal hat es nicht geklappt: Russland will seinen neuen Weltraumbahnhof Wostochni mit dem Start einer Rakete einweihen. Doch die Probleme der russischen Raumfahrt-Industrie sind gross und der erste Start wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Das Bild zeigt weit hinten den oberen Teil der Rakete. Rundum hat es karge Bäume und Kiesstrassen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alles war bereit für die grosse Premiere, doch die Sojus-Rackete blieb am Boden. Reuters

Präsident Putin ist eigens angereist. 7'000 Kilometer von Moskau entfernt liegt der neue Weltraumbahnhof Wostochni, in Russlands Fernem Osten an der chinesischen Grenze. Doch am Mittwochmorgen ging etwas schief. Eineinhalb Minuten vor dem Start der Sojus-Rakete stoppten die automatischen Systeme den Prozess. Technische Probleme, heisst es. Der Start der Sojus-Rakete wurde nun auf unbestimmte Zeit verschoben.

Erfolge täuschen über Probleme hinweg

Wostochni ist eine Prestige-Anlage der russischen Führung. Umgerechnet über zweieinhalb Milliarden Franken hat sie gekostet. «Es geht Russland darum, einen eigenen Zugang zum Weltraum zu erhalten», sagt Raumfahrt Experte Iwan Moiseew vom «Moskauer Kosmos-Klub». Im Moment miete das Land den Weltraumbahnhof Bajkonur in Kasachstan - eine Anlage aus Sowjetzeiten. Wostochni mache Russland deshalb unabhängig vom Ausland.

«  Es geht Russland darum, einen eigenen Zugang zum Weltraum zu erhalten »

Iwan Moiseew
Russischer Raumfahrt-Experte

Das Megaprojekt soll in der strukturschwachen Region auch einen Entwicklungsschub auslösen. Rund um Wostochni könnten sich Forschungsinstitute sowie Technologieunternehmen ansiedeln. Schliesslich erhofft sich Russland neue Erträge. «Das Geschäft mit der Raumfahrt wächst. Russland will daran mitverdienen», sagt Iwan Moiseew.

Bereits jetzt spielt Russland eine wichtige Rolle in der kommerziellen Raumfahrt. Rund ein Drittel aller Satelliten weltweit werden mit russischen Raketen ins All befördert. Die Internationale Raumstation ISS hängt sogar ganz von Russland ab. Im Moment ist nur Russland in der Lage, Astronauten, respektive Kosmonauten, wie sie in Russland heissen, zur Station zu bringen.

Russlands Rezept: Zentralisieren

Doch die Erfolge können nicht über die vielen Probleme hinwegtäuschen. Allein der Bau des Weltraumbahnhofs war von Skandalen begeleitet. Riesige Summen wurden hinterzogen - die Rede ist von über 100 Millionen Franken. Die Behörden haben rund 20 Strafuntersuchungen eröffnet. Hinzu kommt die veraltete Technik der russischen Raumfahrttechnologie. Sie stützt sich grösstenteils auf Entwicklungen aus der Sowjetzeit. Das sei schlecht, sagt Moiseew: «Moderne Bauteile werden hauptsächlich aus dem Westen importiert. Unsere Wissenschaft ist noch nicht genug leistungsfähig.»

Der Kreml hat das Problem erkannt und setzt auf eine alte russische Strategie: Die Branche wird zentralisiert. Alle wichtigen Unternehmen werden unter dem Dach der staatlichen Raumfahrtorganisation «Roskosmos» zusammengefasst. Moiseew begrüsst Reformen, aber er zweifelt, dass der richtige Weg beschritten wird. «Die überragende Rolle des Staates in der russischen Raumfahrt ist ein Nachteil. Staatliche Firmen sind viel weniger effizient als private», kritisiert er.

Beim Raumfahrt-Mitstreiter USA geht die Entwicklung denn auch in eine andere Richtung. Dort sind private Raumfahrt-Unternehmen auf dem Vormarsch. Sie könnten einst vor allem im kommerziellen Bereich eine ernsthafte Konkurrenz für Russland werden. Denn im Geschäft mit dem Weltall, etwa beim Transport von Satelliten, gelten die gleichen Regeln wie auf der Erde: Wer schneller, billiger und zuverlässiger ist, bekommt den Zuschlag.