WSF: 62 Reiche besitzen so viel wie die halbe Weltbevölkerung

Enttäuschende Teilnehmerzahl beim Weltsozialforum (WSF) in Montreal. Statt der erwarteten 50'000 Gäste kamen nur 30'000. Das jährliche Treffen der Globalisierungskritiker bemüht sich nun um einen Neustart. Das ist dringend nötig, denn die Ungerechtigkeit der Welt hat sich abermals vergrössert.

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Bildlegende: Weit weniger Teilnehmer als erwartet verfolgten das Programm beim diesjährigen WSF-Treffen in Montreal. Reuters

Die zwölfte WSF-Ausgabe zählte während der vergangenen fünf Tagen insgesamt rund 30'000 Teilnehmende. Damit lag der Zulauf weit unter den von den Organisatoren erwarteten 50'000. Kanadische Medien sprachen gar von nur 15'000. Frühere Foren, die jeweils in Entwicklungs- oder Schwellenländern abgehalten wurden, zogen noch doppelt so viele Personen an.

Mit ein Grund für die tiefe Teilnehmerzahl war das Fehlen etlicher Vertreter armer Länder. Sie waren durch die hohen Kosten für die Teilnahme in Kanada abgeschreckt worden oder gehörten zu jenen, denen die kanadischen Behörden kein Visum erteilt hatten.

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Weltsozialforum im Internet

Das Programm und wichtige Erklärungen vom und über das Weltsozialforum können unter anderem bei allicancesud, fsm2016, Radio Vatikan und Unia abgerufen werden.

Heute sind Kritiker in der Defensive

Einer der zum Abschluss des diesjährigen Forums verabschiedeten Aktionspläne befasst sich eben mit der Zukunft des Treffens. Der Anlass war zu Beginn als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos angelegt.

Der Plan sieht einen Neustart («reboot») vor, da die heutige Situation nicht mehr mit jener im Gründungsjahr 2001 zu vergleichen sei. Die globalisierungskritische Bewegung sei damals in der Offensive gewesen Heute in der Defensive, hiess es in der Erklärung. Künftig brauche es mehr Raum für Dialog sowie konkrete Strategien und Aktionen. Auch müsse das Weltsozialforum die übers Jahr stattfindenden zahlreichen lokalen, regionalen oder thematischen Foren besser unterstützen.

Die Stimmen armer Länder seien am Forum in Montreal zurückhaltender gewesen, räumte Markus Brun vom Schweizer Hilfswerk Fastenopfer ein. Dafür konnte dieses Forum aufzeigen, dass Ungerechtigkeiten auch in den sogenannt reichen Ländern existierten. «Wir befinden uns in einer Wendezeit», sagte Brun in Montreal weiter. Die globale Gerechtigkeit müsse jetzt im Zentrum stehen, nicht mehr der Nord-Süd-Graben.

Steuerparadiese sind Ursprung allen Übels

Mehrere Nichtregierungsorganisationen hatten während des WSF zum Kampf gegen Steuerparadiese aufgerufen. Dieses «Komplizentum» sei Ursprung der Ungleichheit in der Welt.

Die öffentliche Meinung fange an, sich zu wandeln, hiess es. Vor zwanzig Jahren sei es noch undenkbar gewesen, über Steuergerechtigkeit oder Ungleichheiten zu reden. Doch heute sei das Wort Steuern kein Schimpfwort mehr, waren sich mehrere Teilnehmer einer Diskussionsveranstaltung einig.

«  Der politische Wille der Regierungen kommt nicht von alleine. Wir müssen ihn fordern »

Ricardo Fuentes
Generaldirektor, Oxfam-Mexiko

Die Sektionen der NGO Oxfam und Attac hatten zu dem Anlass im Rahmen des WSF geladen. Die Öffentlichkeit sei sich der Probleme heute stärker bewusst, welche Steuerparadiese mit sich brächten. Doch es müsste auch gehandelt werden: «Der politische Wille der Regierungen kommt nicht von alleine. Wir müssen ihn fordern», sagte Ricardo Fuentes, Generaldirektor von Oxfam-Mexiko.

Fuentes ist der Co-Autor einer Studie, die aufzeigt, dass die 62 reichsten Personen der Welt gleichviel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Dieser Graben habe sich noch vergrössert, heisst es in dem Bericht, der im Januar anlässlich des Weltwirtschaftsforums WEF in Davos vorgestellt wurde.

Öffentliche Wahrnehmung am Erwachen

Laut den Diskussionsteilnehmern hat diese Konzentration des Reichtums dramatische Auswirkungen. So stehe sie etwa den Staaten im Weg beim Kampf gegen soziale Ungleichheiten und bei der Finanzierung von Infrastruktur, sozialer Ausgaben oder der Energiewende, sagte Alain Deneault, Gründer der Organisation «Echec aux paradis fiscaux».

«Am Ende sind wir es, die für öffentliche Aufgaben bezahlen und die den Austeritätsplänen unterliegen», betonte Deneault. Auch er ortet allerdings in der Sache einen Wandel der öffentlichen Wahrnehmung. Dies sei neben den NGO nicht zuletzt den Journalisten des internationalen Recherchenetzwerks ICIJ zu verdanken.

Coca Cola und Apple zur Verantwortung ziehen

Unter den diskutierten Lösungsvorschlägen sei einer simpel: Es würde demnach reichen, die grossen multinationalen Unternehmen als eine Einheit zu besteuern, statt zuzulassen, dass sie mit ihren unzähligen Filialen weltweit von Vorteilen profitieren können, schlug Teresa Marshal von der Organisation Global Alliance for Tax Justice vor.

Einziges Mittel um Steuerparadiese auszutrocknen sei es, Konzernen wie Coca Cola oder Apple ein solches System zu verbieten.