Krieg in Afghanistan Zahl der getöteten Kinder steigt dramatisch

Mehr Luftangriffe, mehr Kämpfe und mehr Minen führen zu immer mehr zivilen Opfern.

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Immer mehr zivile Opfer in Afghanistan

1:20 min, aus Tagesschau am Mittag vom 6.2.2017
  • Der Krieg in Afghanistan forderte 2016 über 3500 getötete oder verletzte Kinder – 24 Prozent mehr als im Vorjahr.
  • Die Gesamtzahl der zivilen Opfer stieg auf einen neuen Höchststand.
  • Einer der Gründe: Immer mehr kriegerische Handlungen finden in dicht besiedelten Gebieten statt.
Orthopädie-Zentrum in Kabul Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alltag im Orthopädie-Zentrum des IKRK in Kabul: Kinder lernen mit Prothesen wieder zu gehen. Reuters

Die Zahl der in Afghanistan getöteten und verletzten Kinder ist gestiegen. 3512 Kinder fielen 2016 dem neu aufgeflammten Krieg zwischen radikalislamischen Taliban und afghanischer Regierung zum Opfer. Das sind 24 Prozent mehr als im Vorjahr, wie die UNO mitteilte.

Getötete und verletzte Kinder in Afghanistan

Die Vereinten Nationen machen dafür vor allem die Zunahme von Gefechten in dicht besiedelten Gebieten verantwortlich. Erheblich mehr Kinder seien deshalb auch durch explosive Überbleibsel von Kämpfen wie nicht detonierte Munition zu Schaden gekommen (plus 65 Prozent).

Ausserdem sei die Zahl der Kinderopfer durch die vor allem von Taliban gelegten improvisierten Sprengsätze um vier Prozent gestiegen. Auch internationale und afghanische Luftschläge hätten mehr als doppelt so viele Kinder getötet oder verletzt wie im Vorjahr (200 Kinder).

Insgesamt erreichte die Zahl der zivilen Opfer 2016 einen neuen Höchststand: 11'418 Unbeteiligte wurden getötet oder verletzt. Seit Beginn der UNO-Zählung 2009 waren es insgesamt 70'188 Zivilisten.

Einschätzung von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent SRF:

Einschätzung von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent SRF:
Die steigende Zahl ziviler Todesopfer in Afghanistan illustriert, dass es nach wie vor keinen nennenswerten Friedensprozess gibt. Die Erwartung hat sich nicht erfüllt, mit dem Abzug der meisten Nato-Truppen 2014 – dem westlichen Feindbild der Taliban – beruhige sich die Lage. Der Machtkampf ist zunehmend heftig: Die Taliban akzeptieren die demokratisch gewählte Regierung von Ashraf Ghani nicht und versuchen es gegen den Volkswillen mit Gewalt. Auch der Islamische Staat (IS) hat die Aktivitäten massiv verstärkt. Zwei Drittel der Toten gehen auf das Konto der Taliban und mehr und mehr auch auf jenes der Terrormiliz. Die erschreckend hohe Zahl getöteter Kinder ist auch demografisch bedingt: Im jungen Staat sind zwei Drittel der Bevölkerung unter 25-jährig und fast die Hälfte sind Kinder. Der Machtkampf wird ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder geführt.