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International Zerfall statt wirtschaftlicher Aufschwung in Afghanistan

Eine blühende Wirtschaft und mehr Arbeitsplätze, das versprach Ashraf Ghani vor mehr als einem Jahr, als er sich um die afghanische Präsidentschaft bewarb. Diese Versprechen konnte er bislang nicht halten, wie eine Reportage von SRF-Korrespondentin Karin Wenger aus dem Norden des Landes zeigt.

Ein rostiges Schild flattert im Wind. Sonst regt sich nichts auf dem Güterbahnhof von Hairaton in der einst blühenden afghanischen Provinz Balkh. Die Luft ist gelb vom Wüstensand. Er wird vom Wind über die leeren Bahnwaggons, die Öltanks und Schienen in Richtung Grenzfluss nach Usbekistan geblasen.

Gulab Jan vor parkierten Lastwagen.
Legende: Sein Verdienst hat sich halbiert: Gulab Jan in der Nähe des Grenzübergangs zu Usbekistan. SRF/Karin Wenger

Auf dem leeren Parkplatz warten Gulab Jan und drei seiner Freunde seit dem Morgen auf eine Ladung Schwefel aus Usbekistan. Diese sollen sie in eine Düngemittelfabrik in die Stadt Mazar-e-Sharif transportieren. Mickrige 30 Dollar werde er mit dieser Arbeit verdienen, klagt Gulab Jan: «Früher, als die Nato noch hier war, waren wir immer beschäftigt und verdienten 100 Dollar pro Tag. Heute sind es 50 Dollar - pro Monat.»

Vor ein paar Jahren arbeiteten hier mehr als 300 Afghanen nur für den Vertragsnehmer, der die Nato-Basen mit Lebensmitteln versorgte. Nun sind alle arbeitslos.
Autor: Abdul MananChef der Bahnwagen-Sektion in Hairaton

Jahrelang lag der Grenzübergang in Hairaton an der Lebensader der Militärbasen der Nato im Norden Afghanistans. Treibstoff, Fahrzeuge, Baumaterial, Nahrungsmittel: Alles kam über diesen Grenzübergang. Doch seit die Nato ihre offizielle Mission vor einem halben Jahr beendet hat, sei das Geschäft dramatisch eingebrochen, klagt auch Abdul Manan, der Chef der Bahnwagen-Sektion auf dem Umschlagplatz.

Nach dem Nato-Abzug kamen die Taliban

Die Provinz Balkh und insbesondere ihre Hauptstadt Mazar-e-Sharif galten in den letzten Jahren als prosperierendes und sicheres Wirtschaftszentrum des Landes. Der Provinzgouverneur Atta Muhammad Nur regiert seit über zehn Jahren wie ein König. Dank grosser Aufträge der internationalen Truppen und unbehelligt von Kabuls Machtelite wurde er in wenigen Jahren zum Multimillionär.

Doch nach dem Abzug der Nato-Truppen sind sowohl Geschäft, als auch Sicherheit im einst so blühenden Norden in Gefahr. Im vergangenen April stürmten Taliban-Kämpfer die Büros des Generalstaatsanwalts in Mazar-e-Sharif. Mehr als zehn Personen wurden getötet, Dutzende verletzt.

Früher investierten die Leute hier, weil es sicher war. Heute hat nur noch ein Viertel der 500 Baufirmen in Mazar-e-Sharif Arbeit.
Autor: Arash YouhosiPräsident der Handelskammer

Der wirtschaftliche Zerfall zeigt sich im ganzen Land. Durch die Aufträge der Nato-Truppen künstlich hochgehalten, wuchs das Bruttoinlandsprodukt 2009 um 21 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 2 Prozent. Es fehle an Infrastruktur, die Strompreise seien hoch, die Sicherheit miserabel, klagt Unternehmer Arash Youhosi, der auch der lokalen Handelskammer vorsteht. Viele Afghanen brächten ihr Geld aus dem Land und investierten es in Dubai oder der Türkei.

Hoffnung auf den Bildungssektor

Verloren geben mag Youhosi sein Land dennoch nicht. Hoffnung verspreche der Bildungssektor, sagt er: «In den letzten Jahren erlebten wir einen regelrechten Boom von privaten Hochschulen.»

Fardi vor dem Universitätsgebäude.
Legende: Ahmed Jamshid Fardi war Teil des Gründerteams der privaten Aria Universität in Mazar-e-Sharif. SRF/Karin Wenger

Hochschulen wie die Aria Universität in Mazar-e-Sharif. Die grösste private Universität im Norden des Landes wurde 2008 von einem afghanischen Diplomaten und seinem Bruder gegründet. 3000 Studierenden werden hier ausgebildet, ein Drittel von ihnen Frauen.

«Private Hochschulen sind ein komplett neues Phänomen in Afghanistan», sagt der junge Akademiker Jamshid Fardi, während er in seinem medizinischen Labor ein Hirn-Modell auspackt. Bildung sei einer der grossen Erfolge der letzten Jahre.

Firmen, internationale Organisationen und die Politik brauchen Leute mit Hochschulabschluss, die wissen wie man mit Computern umgeht und Englisch spricht. Deshalb braucht es die privaten Unis.
Autor: Ahmad Jamshid FardiVizepräsident für internationale Beziehungen Aria Universität

Die internationale Gemeinschaft und die Regierung investierten zwar in Schulen und die Lehrerausbildung, aber die öffentlichen Universitäten können die neuen Schulabgänger nicht alle aufnehmen. Deshalb boomen die privaten Hochschulen. Ein gutes Geschäft, aber auch der Schlüssel für eine bessere Zukunft für viele Afghanen.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Sandra Herrman, Stuttgart
    Der NATO-Angriffskrieg hat zwar ebenfalls sein Anteil, jedoch entstanden in diesem Land bereits durch den sowjetischen Einmarsch viele Schäden und der nach Abzug der Sowjetarmee entfachte afghanische Bürgerkrieg sorgte für die zusätzliche starke Zerstörung. Die Islamisierung begann bereits unter den sog. "demokratischen Kräften" nach dem Abzug der Sowjets. Die Taliban sind hierbei nur der Punkt auf dem i (es ging nur der Opiumanbau zurück). Dies sollte man m. E. bei Afghanistan nicht vergessen.
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  • Kommentar von m.mitulla, wil
    Alle Regierungen, die Zerstörungen in Afghanistan angerichtet haben, sollten die Schäden ersetzen... Millionen $ pro Menschenleben - plus der komplette Aufbau der Infrastruktur! Vielleicht würden sich die kriegsführenden Nationen nächstes Mal überlegen, ob sie wirklich ein Land zerstören wollen, wie dies in Afghanistan der Fall war/ ist. Weitere Beispiele: Irak, Syrien, Libyen, Jemen,....
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  • Kommentar von P.Fetz, Zürich
    Sagt ein Land in dem die USA Krieg geführt hat und jetzt die Wirtschaft läuft und eine Demokratie ist, nach dem 2. Weltkrieg!
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    1. Antwort von p.keller, kirchberg
      Deutschland ...
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    2. Antwort von m.mitulla, wil
      Stimmt schon P. Keller - nur, ob D heute eine Demokratie ist mit eigenen Entscheidungskompetenzen wage ich dennoch zu bezweifeln. Immerhin höre und lesen wir nie einmal ein einziges Wort über Bürgerproteste gegen die US-Militärbasen in D (Panzeraufstockung in Grafenwöhr, Uranmunitionanreicherung der US-Kriegsbomber in Spangdahlem, Nato-Übungen gegen RF) Der Unterhalt ausl. Truppen nach den beiden Weltkriegen muss gemäß der Haager Landkriegsordnung vom besetzten Staat (D) finanziert werden...
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    3. Antwort von Sandra Herrman, Stuttgart
      @p. keller: Der Witz war gut. Wer D als Demokratie sieht hat noch nicht einmal verstanden, was für ein Kaspertheater das ist und dass die BRD nur eine mögliche Variante von D ist. Ich kenne 5 Varianten, wobei das Völkerrechtssubjekt Deutsches Reich in den Grenzen vor WK I bis heuer Bestand hat. Die BRD ist eine von den Alliierten errichtete Verwaltungseinheit ohne Souveränität (=US-Kolonie). Des Weiteren gilt bis heuer das Besatzungsstatut.
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    4. Antwort von Sandra Herrman, Stuttgart
      @m.mitulla: Sie brauchen doch nur in Art. 120 des angeblich bis heuer geltenden GG schauen. Jedoch muss ich Sie in Bezug auf die HLKO korrigieren. Der Vertragspartner ist das Deutsche Reich in den Grenzen vor WK I. Dieses ist aufgrund der Ereignisse rund um den 09.11.1918, jedoch spätestens seit dem 14.08.1919 nicht mehr handlungsfähig. Somit greift die HLKO aufgrund des fehlenden Vertragspartners nicht.Die Alliierten können diese anwenden, müssen es aber nicht=>die können machen was sie wollen.
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