«Zu gefährlich für die chinesische Regierung»

Vor 50 Jahren startete Mao Tsetung in China die Kulturrevolution. Bis zu zwei Millionen Chinesen starben. Doch heute spricht niemand mehr darüber. Ding Xueliang hat die Kulturrevolution als Rotgardist miterlebt. Für die chinesische Regierung sei eine Aufarbeitung des Themas brandgefährlich, sagt er.

Kulturrevolution in China

SRF: Professor Ding, Sie haben damals selbst die Kulturrevolution unterstützt?

Ding Xueliang: Nicht nur unterstützt, ich tat alles! Wir fühlten uns so glücklich, Rotgardisten zu sein. Die offiziellen Schulbücher, die Propaganda und die Filme schwärmten von der glorreichen kommunistischen Revolution in den 1920er-, 30er- und 40er-Jahren und wie ruhmvoll der anti-amerikanische Krieg in Korea gewesen sei. Wir waren tief enttäuscht, nicht bei diesen ruhmvollen Ereignissen dabei gewesen zu sein. Nun hatten wir plötzlich die Chance, selbst eine neue Generation von revolutionären Helden zu werden.

50 Jahre chinesische Kulturrevolution

2:04 min, aus Tagesschau vom 15.5.2016

Mao Tsetung sagte (Anm. d. Red.: damaliger Chef der kommunistischen Partei): Die Zukunft ist in euren Händen! Die Kulturrevolution ist keine gewöhnliche politische und soziale Bewegung. Sie ist die ultimative Bewegung zur Lösung aller Probleme. Was Marx, Engels, Lenin und Stalin nicht erreichten, werden wir schaffen. Wir kämpfen nicht nur für China, sondern für die ganze Menschheit.

Wie wurden Sie zum Kritiker der Bewegung?

Jeden Tag sahen wir Dinge, die man nicht sehen will. Gegen Ende 1968 und zu Beginn von 1969 begann eine beachtliche Zahl von Rotgardisten unabhängig zu denken – oder sahen die Kulturrevolution gar als Fehler. Wir hatten zuerst grosse Ideen und waren voll von Idealismus. Aber nach kurzer Zeit begriffen wir, dass wir diese Dinge nicht verwirklichen konnten.

Wir dachten, die Bürokratie, die Privilegien der Beamten und der Missbrauch von Staatsgewalt würden für immer verschwinden. Mao sagte, kein Offizieller würde eine Stelle auf ewig erhalten und kein Offizieller würde höher bezahlt als ein normaler Arbeiter. Nichts davon wurde wahr!

Wir fühlten uns benutzt und manipuliert. Wir fürchteten, auf der Müllhalde zu landen. Und genau das geschah. Man schickte uns aufs Land, in abgelegene Gegenden, und wir vergeudeten Jahre mit nutzlosen Dingen.

Die kommunistische Partei mag Jahrestage. Heute jährt sich der Beginn der Kulturrevolution zum 50. Mal. Wie zeigt sich das in China?

Zusatzinhalt überspringen

Ding Xueliang

Ding Xueliang

pd

Ding Xueliang hat die Kulturrevolution als Rotgardist miterlebt. Heute studiert er die Periode aus akademischer Sicht. Ding ist Professor an der Hongkong University of Science and Technology.

In der Öffentlichkeit überhaupt nicht. Das ist ein scharfer Widerspruch mit vorherigen Jahrestagen. Vor zehn Jahren gab es in China Seminare, Diskussionen, Publikationen, Zeitungen und sogar Fernsehprogramme, welche die Kulturrevolution aufgriffen. Vor fünf Jahren war sie durchaus noch sichtbar. In diesem Jahr ist alles komplett verschwunden. Wir können diese totale Stille nur als umfassende, kompromisslose Zensur des Themas interpretieren, denn niemand in China hat diese Periode vergessen.

Warum fürchtet die chinesische Regierung eine Diskussion über die Kulturrevolution?

Die ersten drei Jahre der Kulturrevolution waren etwas noch nie dagewesenes in der Volksrepublik China. In den Jahren von 1949 bis 1966 gab es viele politische und soziale Kampagnen, aber die waren alle von oben organisiert und geführt. Die Kulturrevolution war eine Herausforderung von unten. Niemand konnte Mao Tsetung in Frage stellen, aber unterhalb von Mao wurde jede Stufe der Hierarchie attackiert. Zuerst politisch, dann intellektuell, zuletzt physisch.

So etwas zurückzubringen ist zu explosiv und zu gefährlich in den Augen der heutigen Führungsriege. Wenn Leute beginnen, die Vergangenheit auszugraben und zu erforschen, dann könnte dies die heutige Regierungspropaganda effektiv unterminieren.

Länder wie Deutschland zum Beispiel haben die eigene Vergangenheit studiert und aufgearbeitet. Wann ist so etwas in China möglich?

Ich hoffe, es wird in naher Zukunft in China zumindest möglich sein, dass Leute öffentlich über das Thema sprechen können. Über die Jahre würden vernünftige Menschen zu einer balancierten Sicht der Kulturrevolution kommen. Leider sind heute die meisten Leute, welche die Kulturrevolution direkt erlebt haben, bereits gestorben oder zu alt.

Wenn wir den öffentlichem Raum für eine Diskussion nicht bereitstellen, wird so viel historisches Gedächtnis und Komplexität der Periode verlorengehen. Das ist jammerschade. Wenn wir die Menschheitsgeschichte anschauen, gab es, soweit ich weiss, nichts Vergleichbares. Die Menschheit hat viele Kriege, Menschenrechtsverletzungen, oder religiöse Konflikte erlebt, aber die Kulturrevolution ist einzigartig, sehr einzigartig.

Wie ist die Kulturrevolution heute noch präsent? Wie beeinflusst sie China noch heute?

Die Kulturrevolution ist der wichtigste Grund, warum China nach Maos Tod vor 40 Jahren mit der Reform- und Öffnungspolitik begann. Ohne die Kulturrevolution wäre das alte System von 1949 immer noch da. Die grauenvollen Dinge der Kulturrevolution wären nicht geschehen, aber wir hätten den kompletten Bankrott des Systems ebenfalls nicht erlebt.

Die Kulturrevolution hat alles positive Potenzial des Systems verbraucht und das negative Potenzial ausgelebt. Jeder wusste das. Darum hatte China unmittelbar nach dem Ende keine andere Wahl, als einen neuen Weg zu finden. Das war die Reform, die Öffnung. Das ist eine wichtige Lehre. Aber die heutigen Offiziellen, die Propaganda, die würden dies nie sagen. Doch es ist die Realität und auch Deng Xiaoping selbst hat das zugegeben (Anm. d. Red.: Deng führte China nach Maos Tod).

Wie beeinflusst die Kulturrevolution die Chinesen noch heute?

Für die heutige Generation ist die Kulturrevolution zu weit weg. Sie haben sehr, sehr wenig Wissen über diese Dekade. Das ist sehr traurig. Wenn sie mehr über die Kulturrevolution wüssten, wäre das heutige China viel besser. Man würde keine öffentlichen Geständnisse, vor dem eigentlichen Gerichtsprozess, im Staatsfernsehen senden. Das sahen wir während der Kulturrevolution jeden Tag, jede Stunde. Darum gab des nach der Kulturrevolution einen Konsens, ein Justiz-System einzurichten, das Menschenrechte, grundsätzliche Freiheit und Sicherheit bietet. Wenn heutige Chinesen mehr darüber wüssten, würden sie sagen: Tut das nicht wieder!

Während der Kulturrevolution sah man auch alles von aussen als schlecht an – das ist auch ein Grund, warum in China diese schrecklichen Dinge geschahen. Ohne eine Öffnung gegenüber dem Westen hätte China niemals so viel Technik, Wissenschaft und Kapital. China so offen wie möglich zur Welt zu halten, ist eine fundamentale Bedingung für den Forschritt. Schauen sie nach Nordkorea. Warum geschehen in dem kleinen Land so viele grauenvolle Dinge? Weil es geschlossen ist. Wenn man in einer Gesellschaft schreckliche Dinge tun will, muss man zuerst die Türe nach aussen schliessen.

Was bedeuetet die Kulturrevolution für die heutige Führungsriege?

Das wichtigste für mich ist: Je offener sie sind, die Kulturrevolution zu studieren, desto besser können sie das Land führen. Je weniger sie den Leuten erlauben, über die Kulturrevolution zu sprechen, desto weniger können sie zu einer positiven Zukunft Chinas beitragen. Lassen Sie uns Holz anfassen!

Das Gespräch führte Lukas Messmer.