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International Zugunglück bei Philadelphia: Zu schnell und kein Leitsystem

Keine 24 Stunden ist das schwere Zugunglück in Philadelphia her, da werden Fragen am Zustand der Technik laut. Verhinderte ein alter Budgetstreit, dass der zu schnelle Zug rechtzeitig abbremste? Die Diskussion ist nach dem Unglück mit acht Toten und über 200 Verletzten voll entbrannt.

Legende: Video Zug entgleist bei Philadelphia abspielen. Laufzeit 0:57 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 13.05.2015.

Ein jahrelanger Streit um das Budget der US-Bahngesellschaft Amtrak war möglicherweise mit Schuld am schweren Zugunglück mit acht Toten und mehr als 200 Verletzten in Philadelphia.

Ein im Nordwesten der USA verbreitetes Zugleitsystem, das Entgleisungen wegen zu hoher Geschwindigkeiten verhindern soll, war an der Unfallstelle nicht installiert. Die als «Positive Train Control» (PTC) bekannte Technik hätte das Unglück verhindern können, sagte Robert Sumwalt von der Behörde für Transportsicherheit NTSB.

«Seit Jahren auf unserer Wunschliste»

Unglücksstelle in einer Luftaufnahme
Legende: Rund eine Woche lang werden die Ermittler der NTSB vor Ort untersuchen, warum der Zug zu schnell in die Kurve raste. Keystone

Die Lokomotive samt sieben Waggons war vor der Entgleisung in der Nacht zum Mittwoch mit 170 Stundenkilometern unterwegs und laut NTSB damit mehr als doppelt so schnell wie in der scharfen Kurve zulässig. Das GPS-basierte System, das auch Kollisionen verhindern soll, muss laut einem Gesetz von 2008 bis Ende 2015 für Personenverkehr-Strecken im Fern- und Regionalverkehr der USA installiert werden. «Das war seit vielen Jahren auf unserer Wunschliste», sagte Sumwalt.

Zwischen Republikanern und Demokraten tobt seit Mitte der 90er Jahre ein Streit um das Amtrak-Budget. Während die Menschen im Süden und Westen der USA, wo Republikaner vorherrschen, weniger auf die Bahn angewiesen sind, wird das Netz im von Demokraten kontrollierten Nordosten stärker genutzt. Deren Wähler verlassen sich bei Reisen zwischen Boston, New York, Philadelphia und Washington häufig auf Amtrak.

Budgetkürzung nach dem Unfall

Die Demokraten wollen das Budget der halbstaatlichen Bahngesellschaft deshalb erhöhen. Der demokratische Präsident Barack Obama hatte vom Kongress ein höheres Budget von knapp eine Milliarde Dollar gefordert. Nur Stunden nach dem Unfall stimmten die Republikaner im Budgetausschuss des Abgeordnetenhauses dagegen für eine Kürzung des Amtrak-Budgets um rund 270 Millionen Dollar (238 Mio. Euro).

Dutzende der insgesamt 243 Insassen des Zuges, darunter fünf Mitglieder des Zugpersonals, wurden am Mittwoch (Ortszeit) noch im Krankenhaus behandelt. Andere konnten die Klinik laut CNN bald wieder verlassen. Sie hatten häufig Schnitt- und Schürfwunden, Prellungen und Knochenbrüche erlitten. Augenzeugen hatten von blutüberströmten Menschen berichtet, die durch Fenster ins Freie gezogen wurden. Obama sprach von einer «Tragödie».

«Nahezu unbeschreiblich»

Rund eine Woche sollen die Ermittler der NTSB vor Ort untersuchen, warum der Zug zu schnell in die Kurve raste. Der Lokführer müsse ein traumatisches Erlebnis verarbeiten, weshalb er noch nicht befragt worden sei, sagte NTSB-Ermittler Sumwalt. Auch die Gleise, Steuerung, Bremsmechanik und Daten des Ereignisschreibers sollen geprüft werden.

«Diese Waggons zu sehen, diese riesigen Metallfahrzeuge auf dem Kopf liegend, eines davon fast entzweit, der Motor komplett getrennt, ist nahezu unbeschreiblich», sagte Bürgermeister Michael Nutter. Der Ostküstenkorridor zwischen Washington und Boston ist die meistbefahrene Bahnstrecke Nordamerikas.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli, Reinach
    Typisch USA, die geben das Geld lieber für Waffen aus, als endlich ihre marode Infrastruktur zu verbessern. Die politischen Parteien bekämpfen sich bis aufs Blut nur damit niemand sagen kann, sie hätten etwas erreicht.
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    1. Antwort von Jonas Blätter, bern
      typisch Unkenntnis und Arroganz! Oder würden sie einen solchen Kommentar nach einem Unglück in der Schweiz schreiben? Eigentlich nur traurig, wie einigen Kommentarenschreiber aus lauter ideologischer Verblendung jede Differenzierung und Menschlichkeit abhanden gekommen ist!
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    2. Antwort von Bruno Hochuli, Reinach
      Lieber Herr Blättler, was ich geschrieben habe hat nur mit der Unfähigkeit der Amerikaner endlich ihre Infrastruktur zu verbessern zu tun. Wenn die nämlich besser wäre würden viele tragische Unglücke nicht geschehen. Mir tun die Menschen welche es betroffen hat genau so leid wie ihnen. Von Arroganz und Unkenntnis würde ich abraten, ich kenne die USA besser als sie denken. Auch die SBB hat punkto Infrastruktur noch mächtig viel Arbeit vor sich.
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  • Kommentar von Karl Müller, Düdingen
    Wie immer in den USA (aber nicht nur dort) scheren sich die rechtsgerichteten Politiker einen Deut um Sicherheit und Wohl der anders denkenden (also den OeV benutzenden) Bevölkerung. Zynisch, Fortschritt durch Budgetkürzungen zu verhindern. Aber eben, diese Herren reisen im Flüger oder der Limousine!
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