Zugunglück: Lokführer festgenommen

Der verunfallte Zug nahe dem spanischen Santiago de Compostela ist offenbar viel zu schnell in eine Kurve gefahren. Ob der Zugführer schuld am Tempo-Exzess ist, bleibt unklar. Der 52-Jährige befindet sich in Polizeigewahrsam – und wird demnächst einvernommen.

Suche nach der Unfallursache

2:26 min, aus 10vor10 vom 26.7.2013

Technisches oder doch menschliches Versagen? Der Lokführer spielt eine zentrale Rolle bei der Aufklärung der Zugkatastrophe in Spanien. Er wurde festgenommen, wie der Chef der Polizei der Autonomen Region Galicien, Jaime Iglesias, erklärte. Er werde «einer Straftat in Zusammenhang mit dem Unglück» beschuldigt. Der 52-Jährige sei aber noch nicht einvernommen worden, die polizeiliche Befragung werde aber «in jedem Augenblick» erfolgen.

«  «Ich habe es vermasselt, ich möchte sterben.» »

Lokführer des Unglückszugs

Die Regional-Zeitung «La Voz de Galicia» berichtete unter Berufung auf Ermittler, der Zug sei am Mittwochabend wenige Kilometer vor der Einfahrt in die Station von Santiago de Compostela im Tempo-80-Bereich mit 190 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen.

Nach anderen Berichten hat der Lokführer diese überhöhte Geschwindigkeit eingeräumt. Der bei dem Crash leicht verletzte Mann lag am Freitag noch unter Polizeiaufsicht in einem Spital.

Die Ermittler hoffen auf der Suche nach der Unfallursache aber auch auf die Blackbox. Nach Medienberichten wird der aus Trümmern geborgene Datenschreiber inzwischen ausgewertet.

Eisenbahnbehörde erhebt schwere Vorwürfe

Die staatliche Bahngesellschaft Renfe warnte in der Zwischenzeit vor vorschnellen Folgerungen. Die Lokführer-Gewerkschaft Semaf nahm den Lokführer in Schutz und erklärte, das Sicherheitssystem kurz vor Santiago beim Übergang von Hochgeschwindigkeits- auf Normalstrecke sei ungeeignet. Bau- und Verkehrsministerin Ana Pastor wies dies bereits zurück.

Konkrete Vorwürfe erhebt derweil die spanischen Eisenbahninfrastruktur-Behörde Adif. Diese macht den Lokführer für die Tragödie verantwortlich. Der Adif-Präsident Gonzalo Ferre erklärte, der Lokführer hätte den Bremsvorgang bereits vier Kilometer vor der Unglücksstelle bei Santiago de Compestela beginnen müssen. So hätten es die Sicherheitsvorschriften vorgesehen.

Laut dem Behördenchef seien alle Sicherheitssysteme einwandfrei einsatzbereit gewesen. Er betonte, das im Falle eines Systemausfalls jeder Lokführer über genaue Anweisungen verfüge, was zu tun ist. «Das ist ja die Aufgabe des Lokführers: die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Sonst wäre er Passagier.»

78 Tote – 178 Verletzte

Bei dem schwersten Eisenbahnunglück in Spanien seit mehr als 40 Jahren kamen mindestens 78 Menschen ums Leben. Zunächst war von 80 Toten die Rede. Die Behörden korrigierten die Zahl leicht nach unten.

Es wurden ausserdem 178 Fahrgäste verletzt. Unter den Verletzten befindet sich auch ein Schweizer. Er konnte das Spital inzwischen wieder verlassen, so das EDA. Wie die Regionalregierung von Galicien mitteilte, liegen noch 87 Menschen in Spitälern. Der Zustand von 32 Verletzten, darunter drei kleine Kinder, sei kritisch. Bislang hätten 67 Todesopfer identifiziert werden können.

Zugkatastrophe in Spanien

Beim Besuch von Verletzten im Hospital Clínico von Santiago äusserte Spaniens König Juan Carlos die Hoffnung, dass die Tragödie dazu beitrage, eventuelle Probleme des spanischen Eisenbahnsystems zu lösen. «In diesem Augenblick halten alle Spanier zusammen», sagte er.

Die Katastrophe nahe der Pilgerstadt Santiago war das erste tödliche Unglück im Hochgeschwindigkeitsnetz der spanischen Bahn. Der Wallfahrtsort, der das Ziel des Jakobsweges bildet, sagte alle Feiern zu Ehren des Heiligen Jakobs am Wochenende ab. Ministerpräsident Mariano Rajoy ordnete für Spanien eine offizielle Trauer von drei Tagen an.

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Bildlegende: Santiago de Compostela ist ein berühmter Pilgerort. SRF

Der Unglückszug befand sich am Mittwoch auf der Fahrt von Madrid zur Küstenstadt Ferrol im Nordwesten des Landes. Die Waggons des Zuges wurden bei dem Unglück auseinandergerissen und sprangen aus den Schienen. Einige Wagen prallten neben den Gleisen gegen eine Betonwand und stürzten um, andere Waggons verkeilten sich ineinander. Ein Wagen flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg.