Gespräche in Crans-Montana Zypern – die letzte Chance für lange Zeit

Seit zwei Jahren verhandeln die Präsidenten der der geteilten Insel unter Schirmherrschaft der UNO über die Beendigung des jahrzehntealten Konflikts. Am Ende soll die Wiedervereinigung der Insel stehen. Doch noch ist ein grosser Stolperstein aus dem Weg zu räumen. Die wichtigsten Baustellen:

Das UNO-Logo in der Pufferzone von Nikosia. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die UNO setzt grosse Hoffnungen in die Verhandlungen. Reuters

Bundesstaat

Der griechisch-zypriotische Süd- und der türkisch-zypriotische Nordteil der Mittelmeerinsel sollen sich zu einem Bundesstaat zusammenschliessen. Zurzeit sind die beiden Volksgruppen durch eine von UNO-Blauhelmsoldaten überwachte Pufferzone getrennt. Die Republik Zypern ist Mitglied der EU, der türkisch-zypriotische Norden ist de facto eine Provinz der Türkei. Künftig sollen die beiden Teile politisch gleichberechtigt sein im neuen Föderalstaat.

Aussichten: In dieser Frage ist man weit vorangekommen und ist sich weitgehend einig. Diskutiert wird noch die Zusammensetzung der Regierung des neuen Zypern.

UNO-Soldaten in der Pufferzone. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: UNO-Soldaten in der Pufferzone. Keystone

Wirtschaft

Nach einer Wiedervereinigung liessen sich Gasfelder rund um die Insel gemeinsam ausbeuten. Ausserdem wüchse das touristische Potenzial Zyperns. Auch die heutige Geisterstadt Varosha im Niemandsland zwischen den beiden Landesteilen stünde wieder für den Fremdenverkehr zur Verfügung.

Aussichten: Beide Volksgruppen hätten viel zu gewinnen. Wirtschaftskreise im Norden und Süden werben intensiv für eine Einigung.

Eine Frau an einem Strand in Zypern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Wiedervereinigung könnte auch dem Tourismus auf der Insel gut tun. Reuters

Territorium

Der griechisch-zypriotische Teil der Insel umfasst rund 65 Prozent der Inselfläche, der türkisch-zypriotische Teil entsprechend 35 Prozent. Das entspricht nicht dem Verhältnis der Volksgruppen: Es gibt knapp 800'000 Inselgriechen und gut 200'000 Inseltürken – zu letzteren kommen gut 80'000 nach der Teilung Zypern 1974 eingewanderte Festlandtürken. Die griechisch-zypriotische Seite verlangt eine Umverteilung und beansprucht rund 72 Prozent der Fläche. Die türkisch-zypriotische Seite scheint bereit, den Griechen knapp 71 Prozent zuzugestehen.

Aussichten: Ein Kompromiss scheint in Griffweite; in vielen Punkten ist man sich einig – oder zumindest sehr nahe.

Demonstranten mit Schildern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Griechische Zyprioten verlangen die Stadt Morphou zurück. Reuters

Bevölkerungsaustausch

1974, nach der Teilung Zyperns wurden rund 160'000 Inselgriechen und 40'000 Inseltürken in den jeweils anderen Landesteil umgesiedelt. Die Inselgriechen wollen das zumindest zum Teil rückgängig machen. 80'000 bis 90'000 Griechen sollen in ihre früheren Wohnorte zurückkehren. Die Inseltürken sind bereit, die Rückumsiedlung von rund 75'000 Inselgriechen zu erlauben.

Aussichten: Die Positionen liegen nicht allzu weit auseinander. Ein Kompromiss sollte möglich sein.

Truppenpräsenz

Zurzeit sind rund 30'000 türkische Soldaten vom Festland in Nordzypern stationiert. Die Republik Zypern fordert deren Abzug. Die türkisch-zypriotische Seite will, dass zumindest ein Teil bleibt, um ihre Sicherheit zu garantieren. Die türkische Regierung schliesst bisher einen Totalabzug ihrer Truppen aus.

Aussichten: Die Sicherheitsfrage ist die grösste Hürde vor einer Einigung. Eine Lösung wird schwierig. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan müsste bereit sein, seine Truppen abzuziehen. Noch hat er keine Bereitschaft zum Einlenken erkennen lassen. Was sicher auch mit dem aktuell angespannten Verhältnis zur EU zu tun hat. Auf der andern Seite ist es schwerlich vorstellbar für die EU, dass in einem Mitgliedland – das künftig die ganze Insel umfasst – zehntausende von Soldaten eines Nichtmitgliedlandes stationiert sind. Über diese Frage wird in Crans-Montana noch heftig gestritten werden.

Soldaten auf Panzern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Türkisch-zypriotische Truppen. Reuters/Archiv

Schutzmacht

Denkbar ist, dass die Türkei zwar ihre Soldaten abzieht, aber weiterhin an ihrer Schutzmachtrolle festhält. Also sich das Recht vorbehält, bei Bedarf zum Schutz der Inseltürken militärisch einzugreifen. So behielte Ankara dauerhaft starken Einfluss auf ein EU-Land.

Aussichten: Ein schwieriges Kapitel. Bei dem sich zudem die Frage stellt, ob dann auch die anderen beiden bisherigen Schutzmächte, nämlich Griechenland und der Ex-Kolonialherr über Zypern, Grossbritannien, an ihrer Garantiemachtrolle festhielten.

Volksabstimmung

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Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Einigen sich die politischen Führer in Crans-Montana, soll im Norden und Süden der Insel separat über die Wiedervereinigung abgestimmt werden. Schon einmal gab es eine solche Abstimmung, und zwar über den nach dem damaligen UNO-Generalsekretär benannten «Annan-Plan». Damals, 2004, stimmten die Inseltürken zu, die Inselgriechen lehnten den Plan klar ab.

Aussichten: Die Chancen stehen besser als vor dreizehn Jahren. Denn die Präsidenten der beiden Inselteile stehen voll und ganz hinter einer Lösung. Das könnte sich aber bei den nächsten Wahlen ändern. Verhandlungen über eine Wiedervereinigung wären dann wohl vom Tisch.

Von Vorteil für die Akzeptanz eines Kompromisses in der Bevölkerung ist zurzeit, dass es sich diesmal nicht um eine von der UNO vorgegebene Lösung handelt, sondern um eine, die die Regierungen der Republik Zypern und des türkischen Nordzypern untereinander ausgehandelt haben.

Allerdings: Immer mehr junge Zyprer – im Norden wie im Süden – scheinen sich mit der Teilung ihrer Heimatinsel abzufinden. Je länger es dauert, bis eine Einigung vorliegt, umso schwieriger wird es, für diese in beiden Volksgruppen Mehrheiten zu finden. Zumal auf beiden Seiten unpopuläre Kompromisse geschluckt werden müssten.