Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Neue Attraktion Streetart-Künstler JR verwandelt Pariser Pont Neuf in eine Höhle

Nachdem Windböen der geplanten Eröffnung einen Strich durch die Rechnung machte, ist die Kunstinstallation auf der ältesten Steinbrücke von Paris nun eröffnet. Mit der begehbaren Höhle «La Caverne du Pont Neuf» sorgt der Streetart-Künstler JR für Begeisterung, Enttäuschung und für Gesprächsstoff.

Nicht weit von der Kathedrale Notre-Dame entfernt, thront die Stoff-Höhlenlandschaft des Streetart-Künstlers JR – mitten auf der Seine.

Die aufblasbare Ummantelung der Pont Neuf ähnelt einer felsigen Landschaft und ist von weitem sichtbar.

Die Konstruktion ist rund 120 Meter lang, 20 Meter breit und an manchen Stellen bis zu 18 Meter hoch.

Streetart-Künstler JR

Box aufklappen Box zuklappen
Mann mit Sonnenbrille und Hut blickt zur Seite.
Legende: JR bei der Rede zu Eröffnung der umgestalteten Pont Neuf. Imago/Bestimage

Der französische Streetart-Künstler JR verbindet Fotografie, Graffiti und urbane Kunst. JR ist in einem Pariser Vorort aufgewachsen und machte seine ersten künstlerischen Versuche als Graffiti-Sprayer.

Mittlerweile ist er weltweit bekannt, vor allem für seine grossen öffentlichen Installationen – etwa wegen seiner Fotoinstallation an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

In Paris hat er unter anderem bereits die Pyramide im Innenhof des Louvre durch eine optische Täuschung scheinbar verschwinden lassen.

Ohne den Lärm der Stadt

Das Innere der Höhle entführt die Besuchenden in eine andere Welt. Ein Tunnel führt durch die begehbare Installation aus Stoff, die einer Grotte ähnelt.

In der Höhle

Auffällig ist die Akustik: Beim Betreten verschwindet der Lärm der Stadt. Stattdessen tritt die Klanginstallation des ehemaligen Daft-Punk-Musikers Thomas Bangalter in den Vordergrund und untermalt das Höhlenerlebnis.

Zwischen Begeisterung und Ratlosigkeit

Viele der ersten Besucherinnen und Besucher sind eher zufällig bei der Eröffnung dabei. Denn diese wurde wegen Reparaturarbeiten kurzfristig angesetzt. Aber es sind auch solche hier, die auf die Eröffnung gewartet haben.

Eine junge Frau etwa, die unbedingt die Installation auf ihrem Kurztrip erleben wollte. Sie ist begeistert: «Man habe gar nicht das Gefühl, über die Pont Neuf zu schlendern». Auf der Brücke also, auf der sich normalerweise Autos, Roller und Fussgängerinnen tummeln. Eine andere junge Frau ist skeptischer. Sie fragt sich, was der Sinn der Installation sei. Zudem rieche es irgendwie komisch.

Tatsächlich wurde für das Kunstwerk auch ein Geruch entwickelt, der an nasse Erde erinnern soll. Ein Maturand zieht einen anderen Vergleich: «Es riecht nach Decathlon», findet er.

Eine Gruppe von Menschen steht im Freien neben einem Rednerpult unter Bäumen.
Legende: Ad-hoc-Vorstellung: JR mit seinem Team an der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz. Wie immer tritt der Künstler in der Öffentlichkeit mit Hut und Sonnenbrille auf. Zoe Geissler/SRF

Eine Architektin ist von der Textur im Innern enttäuscht: «Ich habe mehr erwartet», sagt sie. Die aneinandergereihten Bogenformen erzeugten nicht wirklich den gewünschten Höhleneffekt, findet sie.

Klar wird bei der Eröffnung: Ob Kritik, oder Begeisterung – die Installation lässt die wenigsten kalt. Dies dürfte zu JRs Konzept dazugehören. Bei der Pressekonferenz erklärte er: «Man sieht darin, was man sehen will. Es gibt keine falsche Interpretation», so der Künstler.

Die Installation sei bereits zu einem Objekt der Begierde und der Abneigung geworden.

Wetter-Odyssee verhinderte geplante Eröffnung

Dass die Höhle überhaupt eröffnet werden konnte, war allerdings alles andere als sicher. Kurz vor der geplanten Eröffnung Anfang Juni beschädigten heftige Sturmböen die äussere Hülle. Die Eröffnung musste verschoben werden, die Risse repariert.

Zwei Menschen in Sicherheitswesten auf grosser weisser Abdeckung unter blauem Himmel.
Legende: Pont Neuf während der Reparaturarbeiten der Installation: Nach den Sturmschäden wurde die «Caverne du Pont Neuf» aufwändig repariert. Éléa Jeanne Schmitter/Atelier JR

Diese Episode versteht JR als Teil des künstlerischen Prozesses: «Der Riss erinnert daran, dass Kunst nicht im luftleeren Raum stattfindet.» Das Werk habe nun eine sichtbare Narbe, als Erinnerung an die Reparatur.

Hommage an das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude

Ausgerechnet diese Wetterkapriolen geben JR eine Gemeinsamkeit mit dem verstorbenen Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude, die seine Installation würdigen soll.

Verhüllte Pont Neuf über der Seine mit Gebäuden im Hintergrund.
Legende: 1985 verhüllten Christo und Jeanne-Claude die Pont Neuf und sorgten damit weltweit für Aufsehen. Ihre Installation zog Millionen Menschen an. Éléa Jeanne Schmitter/Atelier JR

Als sie die Pont Neuf vor rund 40 Jahren verhüllt hatten, stiessen sie auf politische Widerstände, JR jetzt auf stürmisches Wetter. Aber: «Wie Christo und Jeanne-Claude haben auch wir nicht aufgegeben», sagt er schmunzelnd.

Ende Juni verschwindet die Höhle wieder. Was dann bleibt, sind die unterschiedlichen Erinnerungen und Interpretationen.

JR im Interview zur «Caverne du Pont Neuf»

Box aufklappen Box zuklappen

SRF: Kunst im öffentlichen Raum hat Sie weltweit bekannt gemacht. Aber die «Caverne du Pont Neuf» ist auch für Sie etwas Neues: Was waren die künstlerischen und technischen Herausforderungen?

JR: Bei Projekten dieser Grössenordnung gibt es viele Herausforderungen. Zunächst einmal technischer Natur: Wie schaffen wir es, eine Struktur zu bauen, durch die die Brücke doppelt so hoch wird? Die Caverne hat eine Höhe von bis zu 18 Metern, es war ausgeschlossen, dass wir mit Gerüsten arbeiten, denn das wäre zu schwer geworden. Durch den Austausch mit Vladimir Yavachev (dem Neffen von Christo) kamen wir auf die Idee, mit Luft zu arbeiten. Aber bis wir zum heutigen Ergebnis gekommen sind, gab es viele zeitaufwändige Etappen. Dazu gehören auch viele Tests, die wir in riesigen Hallen am Flughafen Orly durchgeführt haben, weil wir so grosse Räume brauchten.

Am Ende steht dann der Reality-Check, das heisst, auf die Brücke zu kommen und dieses Kunstwerk schliesslich zu bauen. So etwas gab es noch nie auf der Welt, wir mussten also unsere eigenen Wege und Methoden finden. Ein Prozess, der vor den Augen der Welt stattgefunden hat, denn wir sind hier mitten in der Stadt. Das ist anders, als wenn man in einem Museum ist und ganz in Ruhe ausprobieren kann. Dort ist man vor neugierigen Blicken geschützt.

Und dann ist auch noch etwas schief gegangen.

Wir waren fast mit allem fertig, es war zwei Tage vor der geplanten Pressekonferenz. Da gab es plötzlich einen gewaltigen Sturm, während wir die Enden der bedruckten Plane befestigten. Der Wind ist in die aufgeblasene Struktur hineingefegt und hat die Plane an beiden Seiten, innen und aussen, an den Enden, zerrissen.

Wir mussten quasi wieder von vorne anfangen, und mussten uns neue Befestigungsmöglichkeiten überlegen. Das war natürlich nicht einfach. Das gesamte Team hat Tag und Nacht gearbeitet. Manchmal haben wir uns sogar gefragt, ob wir das überhaupt schaffen. Es gibt immer Risiken, und gleichzeitig ist es für mich genau das, was dazu führt, dass, wenn es funktioniert, plötzlich etwas Magisches entsteht. Denn ohne dieses Ereignis hätte es nicht die spektakulären Bilder gegeben, wie Bergsteiger auf der Struktur klettern, um die Seile anzubringen – ich glaube, solche Bilder hätte ich mir nie erträumen können.

Die «Caverne du Pont Neuf» heisst nicht zufällig «Höhle». Hat das etwas mit Platons Höhlengleichnis zu tun?

Jeder interpretiert in das Kunstwerk, was er will. Die Franzosen glauben, es seien die Alpen, die Schweizer ebenfalls, sie denken auch an ihre Gebirgsketten. Aber im Inneren ist dieses Geheimnis der Höhle.

Die Höhle ist letztendlich der einzig wirklich universelle Mythos, der alle Menschen verbindet. Wir alle stammen vom Höhlenmenschen ab. Und ich denke, dass das etwas ist, was uns fasziniert. Ich habe mich tatsächlich an Platons Höhlengleichnis orientiert, nicht weil es einer der wenigen Philosophiekurse war, die ich in der elften oder zwölften Klasse besucht habe, sondern weil es eine gewisse Parallele zu unseren heutigen «Höhlen» und Social Media gibt.

Heute lesen wir die Welt nur noch durch Algorithmen, und die geben uns eine bestimmte Version der Realität. Und deshalb brauchen wir Menschen einen Perspektivwechsel, bei dem man Abstand zu den Dingen gewinnen muss, um sie zu betrachten. Und ich denke, dass die Rückkehr zu den Wurzeln, zur Höhle, es uns ermöglicht, unsere aktuelle Realität zu hinterfragen und gemeinsam neu zu überdenken. Jedenfalls ist das der Gedanke, den ich einbringen möchte.

Das Interview führte Simone Hoffmann.

Radio SRF2 Kultur, Kultur-Aktualität, 16.6.2026, 17:10 Uhr.

Meistgelesene Artikel