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Zur Tat vor einem Jahr gibt es noch viele Unklarheiten
Aus SRF 4 News aktuell vom 19.02.2021.
abspielen. Laufzeit 08:57 Minuten.
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Attentat von Hanau «Die Versäumnisse der Behörden müssen aufgeklärt werden»

Vor genau einem Jahr hat im deutschen Hanau ein rassistisch motivierter Täter neun Menschen erschossen. Auch jetzt ist noch vieles unklar rund um die entsetzliche Tat. Der Lokaljournalist Christian Dauber kennt den Fall aus der Nähe. Er schreibt für den «Hanauer Anzeiger».

Christian Dauber

Christian Dauber

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Der Journalist Christian Dauber ist Teamchef der Stadtredaktion des «Hanauer Anzeigers», Link öffnet in einem neuen Fenster. Er hat im vergangenen Jahr immer wieder über die Hintergründe der Tat geschrieben.

SRF News: Was hat die Bluttat vor einem Jahr bei Ihnen ausgelöst?

Christian Dauber: In erster Linie war ich zutiefst schockiert, als ich die schreckliche Nachricht erfahren habe. Ich hätte vorher nicht für möglich gehalten, dass so etwas in der weltoffenen Stadt Hanau möglich ist.

Die Bluttat von Hanau

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In der Nacht vom 19. Februar 2020 richtete ein Mann aus rassistischen Motiven in Hanau ein Blutbad an. Er erschoss gezielt neun Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Danach fuhr er in die elterliche Wohnung, erschoss dort seine Mutter und richtete sich selbst.

Die Aufarbeitung ist noch im Gange – die Opferfamilien kritisierten die Medien, weil manche Reporter ihnen aufgelauert hatten. Wie sind Sie vom «Hanauer Anzeiger» vorgegangen?

In den ersten Tagen hatten wir keinen Zugang zu den Opferfamilien. Wir empfanden sie als eine Gruppe von betroffenen Menschen, die uns leider relativ fern waren. Man muss wissen: Trotz der Weltoffenheit gibt es in Hanau eine gewisse Parallelgesellschaft, zu der wir keinen Zugang hatten. Auch wurden wir von den Betroffenen nicht kontaktiert, weil sie mit diversen Boulevardmedien schlechte Erfahrungen gemacht hatten.

Die Opferfamilien machten schlechte Erfahrungen mit gewissen Boulevardmedien.

Schliesslich konnten wir über ein Projekt einen Kontakt zum Vater eines der Opfer herstellen. Wir konnten in der Folge ein Vertrauensverhältnis aufbauen, und heute sind wir mit den Opferfamilien relativ gut vernetzt. Ihre Sichtweisen erhalten in unserer Berichterstattung jetzt auch ihren Platz.

Wie wichtig sind diese Kontakte?

Sie sind sehr wichtig. Wenn man die nicht hat, schreibt man über Menschen, ohne zu wissen, wer sie wirklich sind. Es sind jene Familien, die ihre geliebten Angehörigen verloren haben. Erst wenn man diese Stimmen hört, kann man einen richtigen Blick auf die Dinge haben. Es gibt ja auch zahlreiche Vorwürfe von Versäumnissen an die Behörden – da versuchen wir bei der Berichterstattung jeweils, die Stimmen der Angehörigen miteinfliessen zu lassen.

Wo steht man in der Aufarbeitung der möglichen Fehler der Behörden?

Es gibt immer noch viele offene Fragen. So liegt auch ein Jahr nach der Tat noch kein offizieller Bericht vor. Der genaue Tatablauf sowie viele Hintergründe sind nicht bekannt. Vieles erfuhren die Familien erst nach intensivem Nachhaken und Öffentlichmachung von Missständen. Bekannt ist, dass der Polizeinotruf in der Tatnacht unterbesetzt war. Und inzwischen ist klar, dass die Notrufzentrale generell unterbesetzt war.

Die Hanauer Notrufzentrale war unterbesetzt.

Parallel hereinkommende Notrufe konnten nicht entgegengenommen werden. Dadurch stellt sich die Frage, ob manche Opfer noch leben könnten, wenn das möglich gewesen wäre. So hat eines der späteren Opfer den Täter verfolgt und auf dem Weg vom ersten zum zweiten Tatort versucht, die Polizei zu erreichen. Diese hätte ihm womöglich geraten, sich zurückzuziehen, sagen jetzt die Angehörigen. Ausserdem war am einen Tatort der Notausgang geschlossen. Es soll eine Absprache zwischen den Barbetreibern und der Polizei gegeben haben, den Ausgang stets geschlossen zu halten, damit bei Razzien niemand flüchten kann. Das wirft natürlich viele Fragen auf.

Werden die offenen Fragen noch beantwortet werden können?

Die Angehörigen drängen auf Aufklärung, aber inwiefern am Ende alles restlos bekannt werden wird, ist völlig unklar. Zumindest aber müssen die Versäumnisse der Behörden aufgeklärt werden. Der hessische Innenminister hat solche auch bereits eingestanden.

Das Gespräch führte Sandra Witmer.

SRF 4 News aktuell vom 19.2.2021, 06.40 Uhr;

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Wie kann es sein, dass in einer Stadt mit 100`000 Einwohner*innen nachts nur ein Notruf bei der Polizei gleichzeitig entgegen genommen werden kann? Wie kann es sein, dass angeblich ein Notausgang geschlossen werden musste um während Razzien eine Flucht zu verhindern? Ist so was wirklich möglich? Da scheinen nach wie vor sehr viele Fragen offen zu sein. Ich hoffe die Behörden versuchen nichts unter den Teppich zu kehren. Es ist schon schlimm genug, dass diese Menschen ihr Leben lassen mussten.
  • Kommentar von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
    Die Krankheitsgeschichte des Mannes war bekannt. Er war bereits einmal wegen schizophrener Anfälle in längerer Behandlung. Des weiteren war den Behörden im Vorfeld der Tat das wirre, unzusammenhängende „Manifest“ des Mannes zur Kenntnis gebracht worden. Niemand kam auf die Idee, den Mann angesichts der Vorgeschichte vorsorgerisch die Freiheit zu entziehen und sein Umfeld abzuklären. Das Rechts-Nazi-Schema dient hier der bequemen Verschleierung von Verantwortlichkeit.