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Geolog Christian Schlüchter: «Das ist einmalig»
Aus Regionaljournal Graubünden vom 05.11.2020.
abspielen. Laufzeit 03:14 Minuten.
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Aus dem Gletschereis Wie uraltes Holz Geschichten erzählt

Beim Morteratschgletscher wurde eine über 10'000 Jahre alte Lärche gefunden. Der Baum ermöglicht spannende Einblicke.

Es war im Herbst 2018, als der Geologe Christian Schlüchter vom lokalen Förster im Engadin einen Hinweis bekam. Jemand habe beim Gletscher einen spannenden, freigeschmolzenen Stamm entdeckt.

«Bei so einer Meldung werde ich nervös und aufgeregt», sagt Schlüchter. Der emeritierte Professor der Uni Bern ist seit Ende der 80er-Jahre auf der Suche nach Gletscherholz.

Mann neben Stamm
Legende: Geologe Christian Schlüchter ist seit Jahrzehnten bei den Gletschern auf der Suche nach spannenden Holzfundstücken. zvg/Christian Schlüchter

Kleinere Holzstücke, Teile von Bäumen, das werde immer wieder gefunden. Was Schlüchter dann aber beim Morteratschgletscher sah, hätte er nicht erwartet: ein etwa zwei Meter langes Stammstück einer Lärche mitsamt Wurzelstock. Sogar Teile der Rinde waren noch dran.

Baum
Legende: Der Wurzelstamm des Baums ist erhalten. Ebenfalls zu sehen am oberen Bildrand: Teile der Baumrinde. zvg/Christian Schlüchter

«Das ist einmalig», sagt Schlüchter, so etwas habe er in den Alpen noch nie entdeckt. Bei Holzfunden gebe es immer eine zentrale Frage: «Wie weit vom Fundort sind die Bäume gewachsen, wie weit hat sie der Gletscher transportiert?»

Ein Baum in diesem Zustand müsse in unmittelbarer Umgebung gestanden sein, sonst sähe der Stamm anders aus, sagt Schlüchter.

Stamm
Legende: Rund zwei Meter gross ist das Überbleibsel des Lärchenstamms. zvg/Christian Schlüchter

Diese Erkenntnis bedeutet, dass dort, wo heute erst noch Gletscher war, früher einmal Bäume gewachsen sind. Das zeige, dass der Morteratschgletscher einmal deutlich kleiner gewesen sei als heute.

Es gebe aber noch eine zweite Erkenntnis, gibt Schlüchter zu bedenken: Der Stamm verrate nämlich auch etwas über die Zeit nach der letzten Eiszeit.

Jahrringe
Legende: 337 Jahre alt wurde die Lärche, dann starb sie ab und der Gletscher begrub den Baum unter sich. zvg/Christian Schlüchter

Die letzte Phase dieser Eiszeit endete vor etwa 11'700 Jahren. Nun haben Untersuchungen gezeigt, dass die Lärche aus dem Gletscher vor etwa 10'800 Jahren angefangen hat zu wachsen.

Knappe 1000 Jahre nach dem Ende der Eiszeit, habe es dort oben also schon wieder Lärchen gegeben, sagt Schlüchter. «Das zeigt die unerhörte Dynamik, die wir hier sehen», erklärt Geologe Schlüchter.

Das Holz wird nun noch weiter untersucht. Ein Teil des grossen Stammes wird künftig im Museum in Pontresina zu sehen sein.

SRF 1, Regionaljournal Ostschweiz, 12:03 Uhr;

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Ein spannender Fund und Hinweis, dass wir über die Geschwindigkeit von Gletscherschwund oder -Vorstoss noch nicht all zu viel wissen. Vieles deutet aber darauf hin, dass diese schneller vonstatten gingen als wir das bisher angenommen oder für Möglich gehalten haben.
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    1. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      Also seit 1860 sind 60% der Gletscher in der Schweiz verschwunden. Die jetzigen Veränderungen müssen noch massiver sein als Dazumal. Denn im Artikel ist von einer Periode von immerhin 1000 Jahren die Rede.
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    2. Antwort von Ulrich Thomet  (UTW)
      Es ist normal, dass die Wiederbewaldung mit einer gewissen Zeitverzögerung stattfindet. Zur Keimung benötigen Baumsamen einen bereits "vorbereiteten" Boden (vermoost, Nährstoffhaltig) , auf Steinen wächst nichts. Die 900 Jahre sind nicht die Rückzugsdauer des Gletschers, sondern die Zeit bis Samen keimen konnten.
      Bemerkenswert ist auch der schnelle Wiedervorstoss des Gletschers, der die angewachsene Lärche umgedrückt hat.
      Rasche Veränderungen gab es.
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