«Big Brother» im Bauch Die digitale Pille für Ungehorsame und Vergessliche

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Nun kommt die digitale Überwachungspille

  • Die US-Gesundheitsbehörde hat erstmals eine Pille zugelassen, welche die Einnahme über ein elektrisches Signal bestätigt. Dieses wird dann an Ärzte oder Angehörige weitergeleitet.
  • Allgemein nehmen viele Patienten ihre Pillen nur unregelmässig oder gar nicht.
  • Die Pille wird in der Schweiz aufmerksam beobachtet. Experten sehen Vorteile vor allem für den Einsatz in der Psychiatrie.
  • Aus rechtlicher Sicht ist die Pille heikel, auch wenn sie nur mit Zustimmung der Patienten eingenommen wird. Denn Krankenkassen könnten sich für solche Daten interessieren.

Der Arzt verschreibt ein Medikament, aber der Patient will es nicht nehmen, wirft es zu Hause in den Abfall oder schluckt es nur unregelmässig. Das komme regelmässig vor, sagt Erich Seifritz, Direktor und Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich.

«Das ist ein Riesenproblem in der gesamten Medizin, aber auch ganz besonders in der Psychiatrie», betont Seifritz. Er stützt sich dabei auf zahlreiche Untersuchungen zum Thema und auf eigene Erfahrungen.

«  Wir nehmen an, dass der Grossteil der Patienten die Medikamente nur unregelmässig oder zum Teil gar nicht einnimmt. »

Erich Seifritz
Direktor und Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich

Das hat je nach Medikament nicht nur negative Auswirkungen auf den Patienten. Auch der Arzt weiss dann nicht, warum seine Therapie nicht funktioniert und wie er weiter vorgehen soll.

Elektrisches Signal aus dem Bauch

Jetzt haben die US-Behörden eine neue Pille zugelassen, die dieses Problem lösen soll: Die digitale Pille. Sie funktioniert so: Die Pille enthält neben dem Wirkstoff gesundheitlich unbedenkliche Mengen an Kupfer, Magnesium und Silizium. Sobald die Pille mit der Magensäure in Berührung kommt, löst sie ein elektrisches Signal aus.

Dieses Signal wird von einer Art Pflaster registriert, das am Brustkorb angebracht wird. Das Smartphone des Patienten registriert das Signal und den Zeitpunkt und sendet dem Arzt und je nach Wahl auch den Angehörigen die Botschaft: Pille eingenommen.

US-Zulassung für Einsatz in der Psychiatrie

Zugelassen ist dieser Mechanismus nun erstmals bei einem Medikament, das gegen psychotische Symptome eingesetzt wird, also zum Beispiel gegen Wahn und Halluzinationen.

Seifritz sagt, er könne sich vorstellen, bei einem Teil seiner Patienten dieses System einzusetzen. Patienten, die angeben, sie versuchten das Medikament regelmässig zu nehmen und seien vom Nutzen überzeugt, vergässen es aber ab und zu.

Freiwilligkeit unabdingbar

Die Patienten müssten laut Seifritz aber mitmachen wollen. So wie in den USA, wo man freiwillig entscheiden kann, ob die Daten weitergeleitet werden oder nicht. Sonst würde man quasi gezwungen, «Big Brother» zu schlucken und mit sich herumzutragen.

Auch für die Professorin für Medizinrecht an der Universität Bern, Franziska Sprecher, ist die digitale Pille eine zwiespältige Sache. Die Pille sei durchaus vergleichbar mit verschiedenen Apps, die mit der rasant fortschreitenden Digitalisierung in der Schweiz bereits heute eingesetzt würden.

Als Beispiel nennt Sprecher die Überwachung von Patienten nach Herzoperationen oder bei Übergewicht. Daten über Befindlichkeit, Gewicht und Anzahl Schritte würden an eine App übermittelt. Die Patienten müssen dafür weniger zur Kontrolle zum Arzt oder könnten sogar früher aus dem Spital entlassen werden.

Und wem nützt die Überwachungspille noch?

Heikel wird es laut Sprecher jedoch, sobald Druck auf die Patienten ausgeübt wird. Krankenkassen zum Beispiel hätten durchaus gute Gründe, darauf zu pochen, dass wichtige Medikament auch eingenommen werden. Gemäss Schätzungen könnten die Prämien so um drei bis sechs Prozent gesenkt werden.

Aber in der Schweiz herrsche der Grundsatz der Selbstbestimmung, stellt die Medizinjuristin fest: Jeder Patient entscheide selber, ob er sich therapieren lässt. Da dürfe kein Zwang ausgeübt werden: «Das sind ganz heikle Bereiche, wenn es darum geht, wozu Daten von wem genutzt werden dürfen», sagt Sprecher.

Ob die digitale Pille bald auch in der Schweiz zugelassen werden soll, wollte die japanische Pharmafirma Otsuko auf Anfrage von Radio SRF nicht bekannt geben, das sei Geschäftsgeheimnis. Denn zahlreiche Firmen versuchen zurzeit, solche Systeme zu etablieren. Die Einnahme von Medikamenten genau zu kontrollieren ist also auch ein neuer und vielversprechender Marktzweig für die Pharmabranche.