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Legende: Video Wenn Gerichtsurteile plötzlich öffentlich zugänglich sind abspielen. Laufzeit 03:42 Minuten.
Aus Tagesschau vom 01.09.2019.
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Brisantes Experiment gelungen So können Anonymisierungen in Gerichtsurteilen aufgehoben werden

  • Anonym sein – das ist in Gerichtsverfahren wichtig. Es schützt die Persönlichkeit.
  • Nur: Anonymisierungen lassen sich im Zeitalter von Big Data aufheben.
  • Das zeigt eine neue Studie des rechtswissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich, die im juristischen Fachmagazin «Jusletter» erscheint und die SRF bereits vorliegt.

In 84 Prozent der Fälle liess sich die Anonymisierung aufheben – eine so genannte Re-Identifikation.

Algorithmus hebt Anonymisierung in einer Stunde auf

Konkret: Die Autoren konnten herausfinden, um welche Pharmaunternehmen und um welche Arzneimittel es sich bei den Leerstellen in Bundesgerichts-Urteilen zu Klagen von Pharmafirmen handelt.

Studienautorin Kerstin Noëlle Vokinger, Rechtsprofessorin für Digitalisierung und Medizin an der Universität Zürich: «Mit den heutigen technologischen Möglichkeiten ist die Anonymisierung in gewissen Bereichen nicht mehr gewährleistet.»

Riesige Datenmengen

Um die Anonymisierung aufzuheben, bedienten sich die Forscher der sogenannten «Web-Scraping-Technik». Das heisst: Sie luden automatisiert sämtliche online verfügbaren Urteile des Bundesgerichts aus den Jahren 2000 bis 2018 herunter, insgesamt 122'218 Entscheide.

Hinzu kamen zehntausende Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts. Und: Öffentlich verfügbare Daten des Bundesamts für Gesundheit, darunter der gesamte Datenstamm zur Spezialitätenliste.

Mit all diesen Daten erstellten sie eine Datenbank. Diese wurde dann mithilfe eines Algorithmus und auch manuell nach Details durchsucht, die sich verlinken lassen. So konnten die Wissenschaftler 21 von 25 Urteilen, welche sie interessierten, innert nur einer Stunde re-identifizieren.

Spagat: Transparenz versus Persönlichkeitsschutz

Eine Methode mit möglicherweise weitreichenden Folgen. Mitautor Urs Jakob Mühlematter, Mediziner an der Universität Zürich: «Dieses Verfahren kann grundsätzlich bei jeder öffentlich verfügbaren Datenbank angewandt werden.» Und so künftig angeblich anonymisierte Stellen sichtbar machen.

Müssen die Gerichte im Zeitalter von Big Data die Urteile also stärker anonymisieren? Rechtsprofessorin Vokinger: «Es gilt die Interessen zu balancieren. Zum einen muss die notwendige Transparenz gewährt sein – zum anderen müssen, wo indiziert, die Persönlichkeitsrechte des Individuums gewahrt werden.»

Der eidgenössische Datenschutz-Beauftragte Adrian Lobsiger reagiert differenziert: So habe die Öffentlichkeit gerade bei Pharmafirmen einen Anspruch auf Transparenz.

Datenschützer besorgt

Allerdings, so Lobsiger zur Studie: «Ich sehe mich in meinen Ermahnungen bestätigt, dass Sachdaten, die auf persönlichem Verhalten beruhen, potentiell als Personendaten bearbeitet werden müssen».

Transparenz schaffen wo nötig und zugleich die Anonymität wahren: Im Zeitalter von Big Data ein Spagat.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Urteile von Hand aufschreiben und in Büchern ablegen. Ha, ha, da kommt dann kein Big Data Sauger dran.
    Vielleicht überlegt man sich auch besser was dann geurteilt wird, weil man alles von Hand erarbeiten muss schlussendlich.
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    1. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Angesichts der Tatsache dass man auch heute schon ganze Bücher innert Minuten elektronisch einlesen und sogar übersetzen kann glaube ich nicht, dass wir diese LowTech-Lösung lange LowTech halten können.
      Positiv ist, dass man viele Juristen durch AI ersetzen kann und Gerichtsverfahren - insbesonder bez. Wirtschaftskriminalität - bedeutend billiger werden. Endlich mit der Portokasse die Medien verklagen - oder so :-)
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  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Kinderzeugs: Es ist für gewisse Leute insbesondere auch in Journi-Kreisen zu einer Art Hobby geworden mittels KI die öffentlichen Gerichtsurteile nach Mustern abzugrasen.
    Ist nicht verboten - aber genauso sinnvoll.
    Selbige Informationen, die da stolz als "Hack" verbreitet werden, hätte man auch mit ein paar Telefonaten und etwas sozialem Engineering erhalten können, ohne dafür einen ganzen KI-Zoo aufbauen zu müssen.
    Spricht man sie darauf an, werden Hacker böse ...
    Technology gone bad!
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  • Kommentar von b. glaset  (glaset)
    Das ist einmal mehr der Beweis. Bares ist Wahres, Kreditkarten und www und handy wollen ja alle, aber wehe wenn dann rausgefunden wird dass ich das gewesen sein könnte, dann schreien alle wieder nach Datenschutz...
    Träumt weiter oder geht endlich richtig auf die Barikaden!
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