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So wird die Sterblichkeit von Covid-19 berechnet
Aus Echo der Zeit vom 22.10.2020.
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Corona-Pandemie Wie hoch ist die Sterblichkeit von Covid-19?

Sie ist so etwas wie die Gretchenfrage bei den Corona-Massnahmen. Doch die Messung der Sterblichkeit ist schwierig.

Die Frage, wie hoch die Sterblichkeit von Covid-19 ist, wird heftig debattiert. Denn an dieser einen Zahl machen Befürworter und Gegner strenger Schutzmassnahmen ihre Meinung fest. Zugespitzt formuliert: ist die Sterblichkeit tief, sind strenge Coronaregeln überzogen, ist sie hoch, braucht es sie.

Zuletzt hat die Studie , Link öffnet in einem neuen Fenstereines Forschers von der Stanford-University für Aufsehen gesorgt: Die Sterblichkeit von Covid-19 liege im Schnitt bei 0.23 Prozent: Von 10'000 Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert wurden, sterben demnach 23 – deutlich weniger als bisher angenommen, schrieb Studienautor John Ioannidis. Bisherige Abschätzungen lagen beim doppelten bis vierfachen dieses Werts.

Anspruchsvolle Berechnung

Wer hat recht? Um diese Frage zu beantworten, muss man verstehen, wie die Sterblichkeit bestimmt wird, sagt der Epidemiologe Andrew Azman vom Genfer Universitätsspital. Azman hat die Covid-Sterblichkeit in Genf untersucht und er betont: Es ist anspruchsvoll, den korrekten Wert zu berechnen.

Im Prinzip muss man nur die Anzahl der Menschen, die in einem Land an Covid-19 gestorben sind, durch die Anzahl all jener dividieren, die mit dem Virus angesteckt waren. Klingt simpel, «aber bei der Bestimmung beider Zahlen können leicht Fehler passieren», sagt Epidemiologe Azman.

Beispiel Anzahl Covid-Tote: Vielerorts würden nur jene Fälle gezählt, die offiziell an Covid gestorben seien. Aber oft würden Menschen, die in Altersheimen oder zu Hause gestorben seien, nicht getestet und tauchten in den Berechnungen nicht auf – dadurch wird die Sterblichkeit unterschätzt.

Auch die Bestimmung aller Infizierten ist nicht trivial. Die Forscher benutzen dafür Antikörpertests, aber diese hätten eine gewisse Fehlerrate, sagt Azman. Darum müsse man die Testergebnisse mit statistischen Methoden korrigieren, aber dies werde oft nicht korrekt gemacht.

Dazu kommt: Man kann in einer Region nie alle Menschen testen, die Forscher wählen stattdessen eine Stichprobe aus – oder nutzen Daten, die durch andere Untersuchungen eh angefallen sind. Zum Beispiel bei Screenings von Gesundheitspersonal oder Blutspendern. Nur sind solche Stichproben selten repräsentativ.

Kombination fehlerhafter Studien

Zum Beispiel hat sich in England gezeigt, dass unter Blutspendern deutlich mehr Menschen eine Coronainfektion durchgemacht haben als Menschen aus einer repräsentativen Stichprobe der Gesamtbevölkerung. Vielleicht, weil Blutspender eher jung sind und das Haus während der Pandemie öfter verlassen als der Durchschnitt.

Covid-Patient im Tessiner Kantonsspital.
Legende: Es gibt verschiedene Studien zur Sterblichkeitsrate von Covid-19. Die meisten setzen sie zwischen zwischen 0.5 bis 1 Prozent an. Keystone

Viele Studien, die die Sterblichkeit von Covid-19 abschätzen, tun dies, indem sie viele einzelne Sterblichkeitsstudien aus verschiedenen Regionen kombinieren und miteinander verrechnen.

So hat es auch John Ioannidis in seiner eingangs erwähnten Studie getan. Aber er habe viele Studien einbezogen, die mit den eben diskutierten Fehlern behaftet seien, kritisiert Azman: «Er hat Studien schlechter Qualität nicht aus seiner Analyse ausgeschlossen.»

Die Sterblichkeit ist sehr stark von der Altersgruppe abhängig.
Autor: Andrew AzmanEpidemiologe am Genfer Universitätsspital

Das Resultat: Ioannidis berechnet eine deutlich tiefere Sterblichkeit als viele andere Studien mit rigoroseren Qualitätskriterien. Die meisten sehen sie nicht bei 0.23 Prozent wie Ioannidis, sondern zwischen 0.5 bis 1 Prozent.

Und noch etwas kritisiert Epidemiologe Azman: Ioannidis und manch andere Forscher operierten hauptsächlich mit diesem einen durchschnittlichen Sterblichkeitswert über alle Altersgruppen. «Aber es gibt grosse Unterschiede zwischen den Altersgruppen, diese werden quasi verschleiert, wenn man nur einen Wert angibt.»

Ethisch-moralische Grundsatzfrage

Natürlich sei das Sterberisiko für Junge sehr klein, sagt Azman, aber schon für etwas Ältere sei es nicht zu unterschätzen: Die Genfer Studie ergab für 50- bis 64-Jährige eine zehnfach erhöhte Sterblichkeit gegenüber den 20 bis 49 Jährigen. Und gemäss einer anderen Studie liegt die Sterblichkeit bei 65-Jährigen bei 1.4 Prozent, bei den 75-Jährigen bereits bei 4.6 Prozent und bei den 85-Jährigen bei 15 Prozent.

Welche Sterblichkeit man als schlimm betrachte, sei eine gesellschaftliche Frage, sagt Azman. Aber man müsse sich bewusst sein: die vergangenen Monate hätten gezeigt, dass man die älteren Menschen nicht einfach abschirmen könne.

Das bedeutet: Steigen die Fallzahlen wie jetzt gerade, werden mehr Ältere infiziert – und es werden auch wieder mehr an Covid-19 sterben.

Echo der Zeit vom 22.10.2020, 18 Uhr

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202 Kommentare

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  • Kommentar von Kurt Stauffer  (WatchFox)
    Diejenige die gestorben sind mein Beileid.
    Wenige ist es bewusst was aber die Langzeitfolgen für Personen die am Virus erkrankten.
    Eine Freundin (26 Jahre jung) die das Virus im März 2020 als Pflegefachfrau von einem Patient erwischt hat, arbeitet seit dem nicht mehr; sie ist ständig müde, kann nicht konzentrieren, ist extrem kurzatmig, Sport oder 10 Min. laufen kann sie nicht, hat ständig Kopf-Glieder-Schmerzen und der Geruchssinn ist weg.
    Die Forschung steht auch hier noch ganz am Anfang.
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  • Kommentar von Daniel Flückiger  (Daniel Flückiger)
    Ich finde diese Streit um die Sterblichkeitsstudien ziemlich überflüssig. Wenn alles vorbei ist, werden wir es wissen (Übersterblichkeit). Die Massnahmen werden ja aufgrund konkreter und sichtbarer Probleme (Überlastung des Gesundheitssystems und offensichtlich hohe Sterblichkeit von volatilen Menschen) getroffen. Das ist der relevante Begründungs- und Sinnzusammenhang, nicht die Sterblichkeit in der Gesamtbevölkerung.
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    1. Antwort von Kurt Looser  (Dremel)
      Die Massnahmen werden ja aufgrund konkreter und sichtbarer Probleme getroffen.
      Ach ja, welche Probleme denn? Betriebsschliessungen und Berufsverbote aufgrund der Massnahmen sind real, der Rest sind Mutmaßungen und Prognosen.
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    2. Antwort von Daniel Flückiger  (Daniel Flückiger)
      Ich habe die konkreten Probleme erwähnt. Lesen ist Glücksache, wenn die Emotionen regieren.
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    3. Antwort von Francisco Casanova  (Waldläufer)
      "Überlastung des Gesundheitssystems" - Wo stellen Sie diese Überlastung fest? Ich glaube Sie wissen mehr als wir alle!
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    4. Antwort von Patrick Steiner  (vb22)
      Erklären Sie bitte Ihre Logik mal den Hinterbliebene derjährlich 400 Opfer aufgrund einer Antibiotika-Resistenz. Und wäre ist auch die ganze Gesellschaft gefordert, nicht für jede kleine Entzündung gleich ein Top-Antibiotika zu schlucken. Wo ist hier Ihr Sinnzusammnenhang?
      Und übrigens: für die Antibiotika-Forschung gibt der Bund 1 Mio pro Jahr. Wie grosszügig.
      Und bis dato war und ist kein Spital an seiner Grenze, Belegbar ist dafür die Unterbelegung schweizweit.
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  • Kommentar von Philip Schweizer  (Pswiss)
    Ich habe die von der WHO publizierte Stanford Studie nun von A bis Z gelesen und komme zu folgendem Schluss: trotz "ob" und "falls" ist die Sterblichkeit objektiv betrachtet im Gesamthaften betrachtet weit tiefer als angenommen. Wer sich bislang basierend auf wissenschaftlichen Studien eine Meinung gebildet hat, soll und muss diese Studie lesen anstatt nur auf Liveticker und herausgepickte Horror-Headlines zu achten.
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    1. Antwort von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
      Eine andere Analyse habe ich auch nicht erwartet, muss ich nicht lesen, aber ich bin längst zum selben Schluss gekommen. Es ist sogar noch drastischer. Wir Testen wie verrückt sprechen von 6000 infizierten und 10 Toten, für die Angehörigen tut es mir selbstverständlich leid, nur Anonym müsste man diese 10 Todesfälle ansehen, wann immer ich das forderte und es gemacht wurde hat das nichts aber auch gar nichts mehr mit Covid zu tun. Was soll’s Ernst kann man das nicht nehmen.
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