Zum Inhalt springen

Die düstere Welt der «Incel» «Gewalttaten aus Frauenhass sind keine Einzelfälle»

Legende: Audio Frauenhass im Internet abspielen. Laufzeit 06:23 Minuten.
06:23 min, aus Echo der Zeit vom 30.04.2018.

Es ist eine beunruhigende Entwicklung im Internet: Der Hass auf Frauen macht sich immer stärker und öfter bemerkbar. Gewisse Männer lassen ihrem Frust gegen die Emanzipation freien Lauf. Manchmal bleibt es nicht dabei.

Der Anschlag in Toronto, bei dem am 23. April zehn Menschen getötet und dreizehn weitere verletzt worden sind, soll seinen Ursprung in einer Online-Subkultur haben, in der der Frauenhass eine zentrale Rolle spielt. Die Rede ist von «Incel», unfreiwilligen Zölibatären. Der Soziologe Rolf Pohl spricht über das Phänomen und den Ursachen des Frauenhasses.

Rolf Pohl

Rolf Pohl

Soziologe und Sozialpsychologe

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Rolf Pohl ist Soziologe und Sozialpsychologe und hat einen Lehrstuhl an der Leibniz-Universität Hannover. Seine Themenschwerpunkte sind Männlichkeits- und Geschlechterforschung, Jugendforschung und politische Psychologie. Unter anderem forschte er über sozialpsychologische Fragen zu NS-Tätern.

SRF News: Rolf Pohl, geht es beim Frauenhass im Internet vor allem um sexuellen Frust?

Rolf Pohl: Es geht um sexuellen Frust. Gleichzeitig wird aber immer auch ein bestimmtes Frauenbild transportiert. Darin sind Frauen keine eigenständigen Subjekte, sondern schulden den Männern Liebe, Respekt, Bewunderung und vor allen Dingen auch Sex. Letzteres spielt eine grosse Rolle und darin steckt das unfreiwillig Zölibatäre.

Es ist kaum zu ertragen, was für ein unglaublich negatives Frauenbild man in Foren antrifft.

Interessant ist, dass es sich bei ihnen meist um junge Männer handelt, Adoleszente und Spätadoleszente. Wenn Frauen ihnen das Gewünschte verweigern, sehen sie sich im Recht, die Frauen dafür zu bestrafen und sich das Gewünschte mit Gewalt zu nehmen. Das ist der gemeinsame Kern dieser Netz-Community.

Ist das eine neue Entwicklung?

Die Entwicklung geht mit anderen Strömungen einher, die sich in eine ähnliche Richtung entwickeln: gegen Frauen, gegen Feminismus, gegen Genderismus. Sie wurzelt in den männerrechtlichen und maskulinistischen Szenen, die im Internet sehr verbreitet und untereinander vernetzt sind. Diese liefern das Rüstzeug für die Ideologie. In zahlreichen Foren, Blogs und Netzwerken transportieren sie ein ähnliches Frauenbild. Männer, die im Netz Orientierung suchen, finden diese Vorbilder und werden offensichtlich davon angesteckt.

Es ist nicht nur der pure Hass auf Frauen, sondern immer auch die Faszination von Weiblichkeit.

Beim Anschlag von Toronto etwa ist es nicht nur beim Hassen geblieben. Es kam auch zur Tat und zu Toten. Wie gefährlich sind Frauenhasser?

Dazu müssen individuelle und biografische Besonderheiten zusammenkommen: geringe Kränkungsbereitschaft, möglicherweise ein hohes Aggressionspotenzial, vielleicht andere soziale Frustrationen, Krisenbewältigung und so weiter. Von Frauenhass motivierte Gewalttaten sind aber wirklich keine Einzelfälle. Sie lassen sich auch mit dem Phänomen der Schulschiessereien in Verbindung bringen. Der letzte grosse Fall in Deutschland war 2009 in Winnenden. Ein Motiv des Täters war eindeutig Frauenhass und auch die sexuelle Verweigerung der Mädchen. Er hat gezielt Schülerinnen und Lehrerinnen umgebracht.

Dass Anders Behring Breivik beim Massenmord in Norwegen mit 77 Toten neben muslimfeindlichen Motiven auch aus eindeutigem Frauenhass gehandelt hat, wird in der Diskussion immer gerne unterschlagen. Der Hass und die potenzielle Gewaltbereitschaft, die dahinter stecken, ist ein viel verbreiteteres Phänomen als wir glauben. Für die Taten liefern vor allem die maskulinistischen und männerrechtlichen Bewegungen das ideologische Rüstzeug. Sie sind die Theorie, der Hass und die Gewaltbereitschaft sind die Praxis.

Die unheimliche Welt der «Incel»

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Der Begriff «Incel» wurde ironischerweise von einer Frau geprägt. 1993 eröffnete die kanadische Studentin die Website «Alanas's Involuntary Celibacy Project», um sich mit anderen Menschen auszutauschen, die gerne Sex hätten, aber keinen finden, der mit ihnen schlafen will. Aus dem Titel der Web-Seite wurde der Begriff «unfreiwilliger Zölibatär» abgeleitet.

Die Web-Seite wurde schnell zur Anlaufstelle für Frauen und Männer jeden Alters und jeder sexuellen Orientierung, deren Sexualleben wegen starrer Geschlechternormen, psychischer Erkrankungen oder sozialer Ungeschicklichkeit marginalisiert worden war.

Von frauenfeindlicher Subkultur vereinnahmt

Später übergab Alana, die nicht mit Nachnamen genannt werden will, die Web-Seite einem Fremden, wie sie gegenüber der US-Zeitung «The Guardian» sagte.

Erst Jahre später habe sie realisiert, dass der Begriff «Incel» in der Zwischenzeit von einer zutiefst frauenfeindlichen Online-Subkultur vereinnahmt worden war, die auch zu Gewalttaten an Frauen aufruft.

Heldenverehrung für Massenmörder Rodger

Diese Subkultur feiert Elliot Rodger, der 2014 an der University of California in Santa Barbara sechs Menschen getötet hat, als Helden.

Der 22-Jährige hinterliess ein fast 140-seitiges Manifest, in dem er schreibt: «Eines Tages werden die Incel ihre wahre Stärke und Anzahl begreifen und das bedrückende, feministische System stürzen. Stell dir eine Welt vor, in der Frauen dich fürchten.»

Recht auf sexuelle Erfüllung

In einem Video hatte er erklärt: «In den vergangenen acht Jahren meines Lebens war ich zu einer Existenz der Einsamkeit, Zurückweisung und unerfüllter Sehnsüchte gezwungen. Alles, weil Mädchen sich nie zu mir hingezogen gefühlt haben.» Er kündigte an: «Ich werde jede einzelne verwöhnte, hochnäsige blonde Hure abschlachten, die ich dort vorfinde.»

Auch der Attentäter von Toronto handelte offenbar aus Frauenhass. Wenige Minuten vor seiner Tat würdigte er Rodger auf Facebook als «Obersten Gentleman». Er schrieb: «Die Incel-Rebellion hat bereits begonnen. Wir werden alle Chads und Stacys stürzen.» Die Namen «Chad» und «Stacy» werden in Internet-Foren abwertend für Männer und Frauen gebraucht, die ein ausgefülltes Sexleben haben.

Zahlreiche Studien belegen: Frauen erfahren im Internet grundsätzlich mehr Hass als Männer. Da sind wohl nicht nur die unfreiwilligen Zölibatäre am Werk?

Nein. Es gibt sehr viele unterschiedliche, sehr heterogene Gruppierungen, die teilweise auch miteinander zerstritten sind. Sie haben aber alle einen gemeinsamen Nenner: Die Abwehr und zugleich auch die Faszination von Weiblichkeit. Es ist nicht nur der pure Hass auf Frauen, sondern immer auch diese Mischung: Die jungen Männer brauchen die Frauen zwar, aber diese dürfen sich niemals auf dieselbe Stufe mit ihnen stellen. Darin wurzelt der Antifeminismus, bei dem die Frauen dafür bestraft werden, was sie den Männern in den letzten Jahren angetan haben.

Die Diskussion über die Krise der Männlichkeit ist bis in die überregionalen, meinungsbildenden Medien hinein sehr breit verankert. Und immer schwingt dabei eine bestimmte Vorwurfshaltung gegenüber Frauen mit: Der Siegeszug des Feminismus – manche sprechen vom «Feminat» oder sogar vom «Femifaschismus» – sei inzwischen so weit gediehen, dass der Mann ins absolut tiefste Unglück gestürzt sei und sich sein Wesen nicht mehr entfalten könne.

Die Betreiber müssten ihre Netzwerke wesentlich stärker kontrollieren und schneller auf Frauenhass reagieren.

Was können Frauen und auch Männer gegen den Hass im Netz tun?

Die Sexismus-Debatten der letzten Jahre und die aktuelle «MeToo»-Debatte erschöpfen sich jeweils langsam und schlafen ein, sobald sie an die dahinter steckenden Strukturen des Geschlechterverhältnisses geraten. In dieser Beziehung sind wir längst nicht so modern, wie wir glauben, es schon die ganze Zeit zu sein. Daran müssten wir wirklich arbeiten. Dazu ist Aufklärung wichtig, aber nicht nur über Einzelfälle.

Es geht nicht nur darum, Leute an den Pranger zu stellen, die mal sexistisch oder übergriffig waren. Man müsste versuchen, die dahinter steckenden Strukturen herauszuarbeiten. Ausserdem sollten sich auch viel mehr Männer an dieser Diskussion beteiligen.

Welche Verantwortung tragen die Social-Media-Firmen und Internet-Anbieter? Müssten sie stärker gegen Frauenhass im Netz vorgehen?

Auf jeden Fall. Da passiert viel zu wenig. Derzeit wird allgemein darüber diskutiert, wie wenig die verantwortlichen Netzwerkbetreiber gegen Frauenhass tun. Sie müssten die Beiträge wesentlich stärker kontrollieren und schneller reagieren. Es müsste Adressaten geben, an die man sich sofort wenden kann und die sofort auch etwas tun.

Es ist kaum zu ertragen, was für ein unglaublich negatives Frauenbild man in Foren antrifft und was für ein Hass dort auch sprachlich transportiert wird. Er dürfte meiner Meinung nach nicht ganz ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Da müsste wirklich mehr passieren.

Das Gespräch führte Beat Soltermann.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

48 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Henriette Rub (ehb)
    Kein Problem, jetzt gibt es ja die Roboterinen. Da kann man sich gefahrlos austoben und seine Frustration abbauen. Nur sollte dies auch dazu führen, dass keine Frauen aus Oststaaten oder Drittweltländern mehr gezwungen werden, im Sexgewerbe ihren Körper jedem Sch.... zur Verfügung zu stellen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
    Der gute Rolf Pohl redet von einer Männerrechtlichen Ideologie. Er selbst aber wirft Menschen die sich zum Beispiel gegen die Beschneidung von Kindern einsetzen in einen Topf mit einem Breivik (der Klassiker wäre Elliot Rodgers gewesen) oder versucht die Ablehnung des Feminismus mit Frauenhass gleichzusetzen. Es tut mir leid aber das sind die Worte eines Ideologen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      "Es gibt sehr viele unterschiedliche, sehr heterogene Gruppierungen, die teilweise auch miteinander zerstritten sind. Sie haben aber alle einen gemeinsamen Nenner: Die Abwehr und zugleich auch die Faszination von Weiblichkeit." Tönt das für Sie nach "in einen Topf werfen"?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Werner Christmann (chrischi1)
    Als ich vor vielen Jahren von einem Kollegen vernommen habe, dass er sich auf "Wunsch" seiner Frau unterbinden liess habe ich gedacht: Wenn das nur mal gut kommt mit der Männerwelt, wenn die sich wie junge Welpen kastrieren lässt. Da müssen seelische Schäden vorprogrammiert sein. Übrigens erhielt mein Kollege, damals 35 Jahre alt ein Jahr später die Kündigung seiner Ehefrau...........
    Ablehnen den Kommentar ablehnen