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Auch Krankenhäuser hamstern
Aus Tagesschau vom 06.04.2020.
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Fehlende Medikamente Auf Intensivstationen werden Schmerz- und Narkosemittel knapp

Der Medikamenten-Bedarf für die Ruhigstellung künstlich beatmeter Patienten ist um das Vier- bis Sechsfache gestiegen.

Viele Spitäler mit einer grossen Zahl an Covid-Patienten schlagen Alarm: Es werden wichtige Medikamente für die Intensivstationen knapp. Auch am Stadtspital Triemli in Zürich ist der medizinische Direktor Andreas Zollinger besorgt: «Zum einen sind es jene Medikamente, die wir speziell gegen das Virus einsetzen. Und zum anderen sind es jene, die wir brauchen, um Patienten künstlich zu beatmen. Also die typischen Narkose- und Schmerzmittel.»

Die ganze Welt versucht in der jetzigen Krise an die gleichen wenigen Produkte und Inhaltsstoffe heranzukommen: Etwa an Kaletra, ein HIV-Medikament, das auch bei Covid helfen könnte. Oder an Dormicum und Propofol, die beide wichtige Anästhesie-Mittel sind, zur Ruhigstellung von Intensivstation-Patienten unter Beatmung.

«Wenn ein Medikament fehlt, dann wird einfach unsere Palette von Möglichkeiten kleiner», sagt Andreas Zollinger, der auch Intensivmediziner ist. «Dann müssen wir auf die zweit- oder drittbeste Wahl ausweichen, und das möchten wir nicht.»

Bedarf vier- bis sechsmal so hoch

Gesamtschweizerisch sei der Bedarf an solchen Medikamenten um das Vier- bis Sechsfache gestiegen, stellt Monika Schäublin vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung BWL fest. Im Triemli spricht man sogar davon, das Zehnfache zu brauchen, weil derzeit viel mehr Patienten künstlich beamtet werden.

Bis Ende April Versorgung gesichert

Spitäler hatten in den letzten Wochen versucht, auf Monate hinaus ihre Bestände zu sichern. Mit ihren Hamsterkäufen liessen sie die Situation eskalieren. Der Bund hat darum das Heft in die Hand genommen: «Die Spitäler müssen jetzt in regelmässigen Abständen – wir gehen von einmal pro Woche aus – bei den Medikamenten die Bestände ihrer Lager liefern», fasst Monika Schäublin den neuesten Stand zusammen. «Dann wird, basierend auf der Anzahl Patienten und den Beständen bei den Lieferanten, berechnet, welches Spital wie viel zugute hat».

Bis Ende April sei die Versorgung gesichert. Doch Schäublin warnt, die Spitäler müssten sich auf Umstellungen gefasst machen: «Wir können im Moment nicht garantieren, dass die angestammten Medikamente geliefert werden können. Wir sind froh, wenn der Wirkstoff vorhanden ist, sodass der Patient behandelt werden kann. Das sind Abstriche, die wir machen müssen.»

Wirkstoffe aus Asien

Eines der Hauptprobleme: Die Wirkstoffe, die man braucht, um die Medikamente überhaupt herstellen zu können, werden in der Regel alle in Asien hergestellt. Es sind teilweise Generika, die möglichst billig sein sollen. Und dort gibt es Engpässe.

Zudem sind diese Medikamente nicht im Pflichtlager des Bundes, auf das die Schweiz in der Not zurückgreift. Denn dort wurde bisher das Risiko nicht so eingeschätzt, dass man ein Pflichtlager bräuchte, sagt das BWL.

Produktion zurück nach Europa holen

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Enea Martinelli, der sich schon länger mit Medikamentenknappheit in der Schweiz befasst, fordert denn auch ein koordiniertes Vorgehen: «Mittelfristig muss man definieren, was sind wichtige Medikamente. Und die Wirkstoffproduktion nach Europa zurückholen. Es wäre utopisch zu glauben, dass die Schweiz das allein kann. Das muss im internationalen Verbund passieren.»

Wer mehr bezahlt, bekommt mehr

Die Schweiz habe bisher den Vorteil gehabt, mehr als andere Länder zahlen zu können für Medikamente, sagt Enea Martinelli, der auch Chefapotheker im Berner Oberland ist. «Im Moment funktioniert der Markt so, dass jener das Medikament kriegt, der mehr dafür bezahlt.»

Doch auch in der Schweiz könnte es knapp werden, so Martinelli: «Ich weiss nicht, wie es in einem Monat aussieht oder in zwei. Es hängt davon ab, ob wir es schaffen, diese Kurve zu glätten, sodass wir nicht sofort in die Not kommen. Sonst überlastet es das System, nicht nur, weil es zu viele Patienten sind, sondern weil die Medikamente fehlen.»

Puls, 06.04.2020, 21:05 Uhr

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73 Kommentare

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  • Kommentar von Barbara Lampérth  (Luk 12/3)
    Da zeigt es sich, wie sinnvoll es war und ist, das Gesundheitswesen dem Markt zu unterwerfen!
    Mit den kostendämfenden Massnahmen wird es dann noch schwieriger - und teurer!
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Jede Pandemie, Krise, Katastrophe, welche Menschen betrifft, haben diese, die Überlebenden, die Möglichkeit, zu realisieren, zu überdenken, zu überlegen und entsprechend zu handeln, positiv zu verändern. Das gilt auch für die aktuelle Pandemie weltweit und für die gesamte Menschheit! Bei sich und dem eigenen "Bedürfnis- Wunsch-Konsumverhalten" beginnen.
    1. Antwort von Thomas Schneebeli  (TS+LL)
      Es war nicht mein Wunsch, dass die gesamte Produktion von Schutz-,Desinfiktierungs-, Schmerzmittel etc, nach China verlegt wurde. Vergessen Sie bitte nicht die Vernachlässigung der Kontrolle der Politik.
      Gewaltige fatale globale Fehleinschätzungen und Abhängigkeiten. Danke.
    2. Antwort von Mike Steiner  (M. Steiner)
      Glauben Sie wirklich, diese Krise würde etwas verändern? Man müsste dazu die Gewinnmaxime aus dem Gesundheitswesen herausnehmen, private Player hinauskegeln, alles staatlich organisieren. Doch nur schon die Einheitskasse scheitert am Volk, wenn es ein paar Batzen sparen kann. Das hier wird höchstens dazu führen, dass wir sehr bald eine 2klassen-Versorgung haben. Unsere Zivilisation ist am Ende.
  • Kommentar von Aldo brändli  (aldo)
    Alle modernen Methoden welche die Universitäten seit Jahren lehren gehen darauf hinaus, keine Lagerhaltung mehr sondern nur noch „just in time“ - Produktion. Dies führt zwangsläufig dazu, dass man Bedarfsschwankungen nicht abfedern kann.
    1. Antwort von Alex Kramer  (Kaspar)
      "Neueste Erkenntnisse" in der BWL lassen grüssen. Das Unispital Zürich hat schon vor Jahren auf Just-in-Time umgestellt. War es vor 30 Jahren noch möglich, internationale Hilfe anzubieten (Umsturz in Rumänien) können die sich heute nur noch selber knapp über Wasser halten in Sachen Versorgung.
      Wer glaubt, dass Lieferverträge mit kürzesten Lieferfristen in Krisenzeiten ihr Papier wert seien, der glaubt auch an den Mann im Mond.