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Gefährliches Spiel im Fussball Wenn ein Kopfball die Karriere zerstört – und noch viel mehr

Es sind Szenen, die schon beim Zuschauen weh tun. Und Mediziner warnen: Die Spieler werden zu wenig geschützt.

Legende: Audio Kopf beim Fussball doppelt gefährdet abspielen. Laufzeit 04:03 Minuten.
04:03 min, aus Echo der Zeit vom 06.11.2018.

Vor vier Jahren musste Philippe Montandon seine Fussballkarriere beenden. Unfreiwillig. Als 32-Jähriger hätte der Captain des FC St. Gallen noch einige gute Jahre vor sich gehabt, gerade als Innenverteidiger. Doch die achte Gehirnerschütterung war die eine zu viel.

Im Spiel gegen den FC Aarau prallte Montandon mit einem Mitspieler zusammen. Es war die dritte Gehirnerschütterung in knapp über einem Jahr. Er habe sich Zeit gelassen, um zu schauen wie sein Körper reagiert: «Ich hatte lange Zeit Schwindelgefühle und anhaltendes Unwohlsein. Es war dann klar, dass ich meine Karriere beenden musste.»

Legende: Video Fussball: Super League, St. Gallen - Aarau abspielen. Laufzeit 05:33 Minuten.
Aus Sport-Clip vom 09.08.2014.

Philippe Montandon ist ein Extrembeispiel. Und doch: In jedem 20. Spiel erleidet ein Fussballer eine Gehirnerschütterung. Die Köpfe der Spieler sind doppelt gefährdet. Einerseits durch Zusammenstösse mit dem Gegner, andererseits durch die vielen Kopfbälle.

Alarmierende Studie

In einer norwegischen Studie wiesen über 80 Prozent der Fussballer nach der Karriere milde bis schwere Defizite auf: bezüglich Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis. Die Langzeitschäden sind noch nicht abschliessend erforscht. Möglicherweise könnte auch ein frühes Auftreten von Demenz mit diesen Kopfverletzungen zusammenhängen.

Trotz dieser Erkenntnisse ist das Bewusstsein über die damit verbundenen Gefahren noch immer zu klein, warnt der ehemalige Chefmediziner der Fifa, Jirí Dvorák: «Man macht nicht genug.»

Neurologe fordert Nulltoleranz

Der Neurologe hat sich in seiner Zeit beim Fussballweltverband für zwei Massnahmen stark gemacht: Einerseits, dass Ellbogenschläge gegen den Kopf direkt mit einem Platzverweis bestraft werden. Andererseits, dass das Spiel während drei Minuten für eine ärztliche Untersuchung unterbrochen wird, wenn ein Spieler am Kopf getroffen wird.

Die Gefahr dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Dvorák. Er fordert: Beim geringsten Verdacht auf eine Gehirnerschütterung darf ein Spieler nicht mehr aufs Feld. Nur: Diese Drei-Minuten-Regel wird kaum umgesetzt. Die Spieler wollen oft gar nicht vom Feld.

Unterschätzte Gefahr auch bei Amateuren

Das Problem der Kopfverletzungen stellt sich nicht nur im Spitzenfussball. Auch der Breitensport und der Junioren-Fussball sind betroffen. Theo Widmer ist Leiter der technischen Abteilung vom Fussballverband der Region Zürich. Er räumt ein: Es wird relativ wenig getan: «Das Thema wird nicht prioritär behandelt.»

Immerhin weist der Verband in der Trainerausbildung darauf hin, dass bei Junioren auf ein gezieltes Kopfballtraining verzichtet werden soll. Doch damit hat es sich. Allzu viele Möglichkeiten gibt es auch nicht. Eine Helmpflicht steht nicht zur Diskussion, der Nutzen ist ohnehin umstritten.

Besorgt wegen möglichen Langzeitschäden

Montandon hat seine achte Gehirnerschütterung erlitten, obschon er einen Helm getragen hat. Vier Jahre nach dem Ende seiner Karriere geht es ihm mehr oder weniger gut. Manchmal leidet er allerdings unter Kopfschmerzen. Und sorgt sich über mögliche Langzeitschäden: «Man hört Geschichten aus dem US-Football, bei denen ehemalige Spieler unter Depressionen leiden und sich sogar das Leben genommen haben», so der Ex-Fussballer.

Football-Stars Junior Seau
Legende: Nur eines von vielen tragischen Schicksalen: Der Suizid des ehemaligen Football-Stars Junior Seau im Jahr 2012 wird auf die zahlreichen Zusammenstösse während seiner Laufbahn zurückgeführt. Er litt an einer degenerativen Hirnkrankheit. Keystone/Archiv

Das stimme einen nachdenklich, sagt Montandon. Unweigerlich werde die eigene Situation mit derjenigen der Sportler in den USA verglichen: «War es bei ihnen schlimmer, in einem anderen Stadium, kann es auch mich treffen? In Phasen, in denen die Kopfschmerzen stärker sind, mache man sich über solche Dinge Gedanken», sagt der Ex-Profi.

Die Verbände könnten die Fussballer noch besser für das Thema Kopfverletzungen sensibilisieren. Für die noch aktiven Fussballer gilt: Das Umdenken muss letztlich bei ihnen stattfinden. Im Kopf.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von V. Böhm (vbo)
    Ich würde nicht so weit gehen und Fussballprofis mit Footballprofis vergleichen. Die haben eine Vollkontaktsportart, das heisst sie sind permanent Schlägen gegen ihren Körper ausgesetzt. Ausserdem kommt das Eishockey ebenfalls vor dem Fussball was die Gefährdung von Kopfverletzungen angeht. Im Schnitt hat ein Profi-Eishockeyspieler 5 Gehirnerschütterungen in seiner Karriere. Grosse Namen wie Crosby oder Pronger haben deutlich mehr als 5 Gehirnerschütterungen gehabt.
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    1. Antwort von Marco Nägeli (Bigbrother)
      Was genau möchten Sie damit sagen? Soll nichts gegen Hirnerschütterungen unternommen werden? Es ist doch absolut egal, in welcher Sportart mit dem Schutz der Gesundheit begonnen wird. Hauptsache jemand beginnt damit.
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  • Kommentar von Daniel Bucher (DE)
    'In einer norwegischen Studie wiesen über 80 Prozent der Fussballer nach der Karriere milde bis schwere Defizite auf: bezüglich Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis.' Leider hat man nur die Situation am Ende der Karriere analysiert. Es ist wohl durchaus möglich, dass Fussballer schon zu Beginn der Karriere milde bis schwere Defizite aufweisen.
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    1. Antwort von Martin Gebauer (Gebi)
      Was soll dieser Kommentar bedeuten? Das Fussballer sowieso doof sind? Wenn ja, beleidigen sie damit Millionen von Menschen die leidenschaftlich gerne Fussball spielen. Als langjähriger Juniorentrainer stelle ich fest, Mannschaftssportlerinnen sind alles andere als doof und wesentlich sozialkompetenter als solche die keinen Mannschsftssport ausüben. Was das Kopfballspiel anbelangt, finde ich es wichtig, dass dies im Juniorenalter korrekt gelernt wird. Das ist die beste Prävention.
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    2. Antwort von Franco Caroselli (FrancoCaroselli)
      Er hat das sicher mit Fans verwechselt. Wenn ich jedoch die Zwischenfälle auf den Rasen mit Faustgewalt feststelle, könnte er Recht haben. Zumindest von den C Junioren hinauf.
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  • Kommentar von Wendy Elizabeth Müller (Wendy)
    Sport ist Mord. Man weiss über die Risiken bescheid bevor man mit dem Sport anfängt. Fussball ist aber kein Risikosport im Vergleich zu Sportarten wie Eishockey oder Pferdesport. Im Pferderennsport zb. müssen die Jockeys ein sehr tiefes Gewicht halten. Die meisten sind 50 bis 60Kg. Viele leben sehr ungesund um das zu halten. Es gibt halt auch Jockeys die gross sind wie Tony McCoy mit 178 und er war gerade mal 63Kg was nicht gesund ist bei der grösse. Es wird dennoch kaum was gemacht.
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    1. Antwort von Urs Dupont (udupont)
      Ganz so weit würde ich nicht gehen, aber was den sinn- und nutzlosen Sp(r) itzen- und Profi(t)sport betrifft gebe ich Ihnen voll recht. Hingegen ist Sport als sinnvolle Freizeitbeschäftigung und zur Förderung der Gesundheit sehr wertvoll. Es gilt eben auch hier Paracelsus: "Die Menge macht das Gift" (und die Medizin)!
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    2. Antwort von Martin Gebauer (Gebi)
      @Dupont: Sie mögen Profisport sinnlos finden. Viel sinnloser sind raffgierige Männer mit Kravatten, die sich CEO nennen, sich für den Nabel der Welt halten und mit ihrer grenzenlosen Gier und ihrer Egozentriertheit die Welt zerstören. Sport war und ist für mich die beste Lebensschule. Sportler/innen sind selbständiger, gesünder, verantwortungsbewusster, sozialkompetenter, teamfähiger, leistungsfähiger, gelassner, zufriedener als Nichtsportler/innen.
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    3. Antwort von Urs Dupont (udupont)
      Hr Gebauer, zugegeben, man sich fragen, was sinnloser ist. Ich denke aber, dass man nicht alle CEOs in den gleichen Korb werfen kann, auch wenn sehr viele tatsächlich extrem raff- und machtgierig sind. Es gibt darunter auch einige, die sehr verantwortungsbewusst handeln und letztendlich produzieren die meisten Unternehmen (Ausnahmen bestätigen die Regel) etwas nützliches für die Gesellschaft, egal was für ein Typ der CEO ist. Hinter dem Profisport steht nur Gier, "Brot und Spiele" + viel Risiko
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