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Faszination True Crime: Dabei sein, wenn das Böse gefasst wird
Aus News Plus vom 23.09.2021.
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Globales Medienereignis Die Welt bangt um Gabby: Ein Kriminalfall geht viral

Ein mutmasslicher Mordfall in der amerikanischen Provinz beschäftigt Millionen Menschen weltweit. Was steckt dahinter?

Ein junges Paar bricht zu einem Trip durch die USA auf, ein paar Wochen später wird die junge Frau tot in einem Nationalpark gefunden. Ihr Freund ist verschwunden. Die Geschichte von Gabby Petito beschäftigt nun Menschen und Medien weltweit.  

Legende: In dem rätselhaften Fall haben sich die Befürchtungen diese Woche bewahrheitet: Die 22-Jährige ist nicht mehr am Leben – und sie wurde wohl getötet. Reuters

Der Boulevard überschlägt sich mit Meldungen zum mysteriösen «Mordkrimi». Und das Internet dreht geradezu durch. Im Netz versuchen Millionen Hobby-Detektive, den Fall zu lösen – auch in der Schweiz war der Name des mutmasslichen Mordopfers kurzzeitig der meistgesuchte Begriff bei Google.

Dabei spielte sich die Bluttat im fernen Amerika ab, und keine der beteiligten Personen war im Vorfeld einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Der Mordfall Gabby Petito

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Legende: Gabby Petito mit ihrem Freund. Reuters

Gabby Petito und ihr Freund waren im Sommer zu einem Trip durch die USA aufgebrochen. Am 1. September kam der Freund laut Polizei allein zurück nach Hause nach Florida, zehn Tage später meldeten Petitos Eltern ihre Tochter als vermisst.

Die Ermittler hatten vermutet, dass Gabby sich zuletzt in der Gegend des Grand-Teton-Nationalparks in Wyoming aufgehalten habe. Dort hatten sie am Wochenende nach ihr gesucht – und schliesslich ihre Leiche gefunden. Warum die Reise des Paares, das auf Bildern glücklich wirkte, ein tödliches Ende nahm, ist offen.

Antworten erhoffen sich die Ermittler von Petitos Freund. Der 23-Jährige war von seinen Eltern am vergangenen Freitag ebenfalls als vermisst gemeldet worden. Einsatzkräfte durchkämmen seit Tagen ein Naturschutzgebiet bei North Port in Florida auf der Suche nach dem jungen Mann. Die Polizei von North Port teilte am Dienstag (Ortszeit) mit, bislang sei die Aktion erfolglos geblieben. Am Mittwoch sollte die Suche fortgesetzt werden.

Petitos Freund hatte zuvor nicht mit den Ermittlern gesprochen und nur über seinen Anwalt kommuniziert. Dieser hatte für Dienstag eigentlich eine Medienkonferenz angekündigt – diese aber dann wieder abgesagt. Die Fahnder hatten auch das Haus der Eltern des 23-Jährigen durchsucht. Dort lebten er und Petito vor ihrer Reise durch die USA. (dpa)

Warum erregt der mutmassliche Mordfall eine solche Aufmerksamkeit, und was sind die Zutaten, damit eine Geschichte viral geht? Mit eben diesen Fragen beschäftigt sich auch der Medienwissenschaftler Guido Keel. Er sagt: «Es braucht eine gute Geschichte, genügend Informationen, eine gewisse Kontroverse, die den Fall spannend macht – und ein Mass an Aussergewöhnlichem.» All das ist im Fall Gabby Petito zweifelsfrei gegeben.  

Mittendrin statt nur dabei

Der Fall findet auch Beachtung, weil das Paar aus Florida zahlreiche Bilder und Videos von seiner Reise in sozialen Netzwerken teilte. Das mache das Opfer auch greifbar und schaffe emotionale Nähe, sagt SRF-Digitalredaktor Jürg Tschirren. «Es war eine junge, gutaussehende Frau, ein tragisches Opfer. Auch, dass der eigene Freund als Täter verdächtigt wird, ist attraktives Futter – auch für die klassischen Medien.»

Dass etwa die Ermordung eines älteren schwarzen Obdachlosen ähnliche «Viralität» erlangen könnte, bezweifelt Tschirren.

Legende: Die Zutaten für eine Geschichte, die viral geht, mögen simpel sein. Reproduzieren lassen sich solche Geschichten trotzdem nicht. Keystone

Schliesslich befeuerten auch die Aufrufe nach Hinweisen auf Gabbys Verschwinden, die ihre Eltern in sozialen Medien lancierten, die weltweite Verbreitung des Falls.

Jede und jeder konnte also zuhause den Aufruf sozial teilen und so das Gefühl haben, bei einer guten Sache mitzumachen, erklärt Tschirren. «Und das ohne, dass man tatsächlich viel leisten muss. Im politischen Kontext wird das auch leicht abschätzig als ‹Hashtag-Aktivismus› bezeichnet.»

Die Grenzen des guten Geschmacks

Im Fall der vermissten Gabby sprangen auch klassische Medienportale auf und verstärkten so den Hype. Für Medienwissenschaftler Keel ist das auch nicht problematisch, solange berufsethische Grundregeln wie wahrheitsgemässe Berichterstattung oder die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen nicht verletzt werden. «Und wir wollen in den Medien auch Geschichten konsumieren, die uns packen, faszinieren und vielleicht auch vom Alltag ablenken.»

Für Keel werden durch die Berichterstattung über spektakuläre Kriminalfälle auch Fragen von Gut und Böse verhandelt – und in dieser Debatte würden gesellschaftliche Normen ausgehandelt. Fragwürdig werde es aber dann, wenn Medien nur noch mitreissen und schockieren möchten und ihre Informationspflicht vernachlässigten. «Wenn das Gleichgewicht nicht mehr gegeben ist, wird es problematisch», schliesst Keel.

SRF 4 News, 23.09.2021, 17:12 Uhr;

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6 Kommentare

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  • Kommentar von jan gmür  (Neutrino)
    Im Fall der vermissten Gabby sprangen auch klassische Medienportale auf und verstärkten so den Hype.
    Danke liebes SRF dass ihr auch aufspringt und so euer sinkendes Niveau deutlich zeigt.
  • Kommentar von Mark Eggimann  (Candelo)
    Möge Gabby in Ruhe frieden. Weshalb ist die Schlagzeile "die Welt bangt um Gabby"? Sich um etwas bangen ist anders ausgedrückt sich Sorgen machen, sich fürchten. Wovor, wenn sie leider bereits verstorben ist?
  • Kommentar von Patrick Dobler  (pavax)
    Zitat: „ Dass etwa die Ermordung eines älteren schwarzen Obdachlosen ähnliche «Viralität» erlangen könnte, bezweifelt Tschirren.“ - ich bezweifle, dass die Hautfarbe hier im Kontext eine Role spielt (Stichwort framing?)
    1. Antwort von Fred Krüger  (frdkrgr)
      Natürlich spielt die Hautfarbe genau in diesem Kontext eine enorme Rolle. Das Phänomen "Missing White Woman" ist leider bekannt. Vermisste weisse Frauen erhalten in den Medien viel mehr Präsenz, obwohl sie statistisch eine kleinere Menge ausmachen. https://scholarlycommons.law.northwestern.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=7586&context=jclc Zitat: "On the whole, the results provide striking support for Missing White Woman Syndrome".
      @SRF, da wäre auch von Ihrer Seite eine Einordnung sinnvoll.