Unfall im Himalaya «Im Spitzenbereich ist das Risiko unberechenbar»

Ueli Steck war bekannt als «The Swiss Machine». Er kletterte die schwierigsten Routen alleine und in einem noch nie gesehenen Tempo. Der Berner Extrem-Alpinist ist im Himalaya tödlich verunfallt. Er wurde 40 Jahre alt.

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«Richtig frei bin ich nur in den Bergen»

1:56 min, aus Tagesschau vom 30.4.2017

Ueli Steck wollte diesen Frühling schaffen, was keinem vor ihm gelungen war: Auf den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt, steigen – und dann so schnell wie möglich zum Lhotse klettern, direkt daneben. Ohne Sauerstoff.

Dafür voller Zuversicht: «So ein Projekt wie das Everest-Lhotse-Projekt ist ein Risiko in einem Rahmen, den ich akzeptieren kann.» Das sagte Ueli Steck erst vor wenigen Wochen gegenüber Radio SRF. Der Tod war damals weit weg: «Nein, ich nehme den Tod eben nicht in Kauf. Das ist für mich keine Option.»

Heute in aller Früh macht sich der Bergsteiger auf Richtung Berg Nuptse, fast 8000 Meter hoch, ebenfalls beim Mount Everest auf – zur Vorbereitung auf die Everest-Lhotse-Tour. Dann das jähe Ende, Ueli Steck stürzt tausend Meter in die Tiefe. Ein Helikopter hat die Leiche inzwischen geborgen.

Stecks Sprecher schreibt, dass man die Gründe für den Unfall noch nicht kenne. Spekulieren will niemand – aber allen ist klar: Klettern ist immer unberechenbar. Das sagt auch Etienne Gross. Er war lange Chefredaktor des Magazins «Die Alpen» und selbst Kletterer: «Ein Training für eine Spitzenleistung muss natürlich auch in einem Spitzenbereich stattfinden und im Spitzenbereich ist das Risiko unberechenbar. Es braucht nur einen falschen Schritt, es braucht eine kleine Eisplatte, die sich löst, es braucht das Geringste, das einen Kletterer aus dem Gleichgewicht wirft.»

Ueli Steck hat Beachtliches geleistet

Und wenn das Risiko berechenbar wäre, dann wohl am ehesten von Ueli Steck, sagt Natascha Knecht. Sie ist Alpinismus-Journalistin und kannte ihn gut, hatte kurz vor seiner Abreise Richtung Asien noch Kontakt mit ihm. «Er war jetzt nicht der Alpinist, der das Abenteuer suchte und an den Berg ging und probierte, ob eine Tour klappt oder nicht. Er war immer vorbereitet; auch jetzt wieder bei dieser Everest-Lhotse-Traverse, die er vor hatte – er war sehr fokussiert.»

Ueli Steck bestieg Grosses und Vieles: alle Viertausender der Alpen, innerhalb von zwei Monaten. Den Eiger in weniger als drei Stunden. «Du kannst so schnell gehen wie Du willst. Du bist überhaupt nicht mehr eingeschränkt und das gibt es eigentlich nirgendwo im Leben», schwärme er.

Seine Touren waren aber auch umstritten

Im Himalaya will er die Anapurna-Südwand allein in bloss 28 Stunden erklettert haben – eine Sensation unter Bergsteigern. Allerdings verlor er unterwegs seine Kamera, blieb den Beweis schuldig, und so ist diese Tat umstritten.

Genauso wie die Mount-Everest-Expedition von 2013: Nepalesische Bergführer warfen Steck damals vor, er habe sie in Gefahr gebracht beim Klettern, griffen ihn an mit Messern und Steinen, sodass er fliehen musste.

Ein «kompletter Alpinist» zu sein, einer, der gut klettere und das Hochgebirge bezwinge, das berge halt auch ungeahnte Gefahren, sagt Fachmann Etienne Gross. «Vielleicht war sich Ueli Steck dieser Situation nicht ganz bewusst, dass er mit seinem Leistungsdenken im Grunde genommen die Leute dort fast ein wenig in den Schatten stellte und das führte zu einer Spannung.»

Ueli Steck in einer steilen Wand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ueli Steck in seinem Element: Er jagte einen Rekord nach dem anderen, wollte jeden Berg erstürmen. Getty Images

Gezweifelt hat Ueli Steck nie am nächsten Gipfelsturm: «Wenn ich das Klettern nicht mehr habe, dann bringt es auch nichts, dann bin ich ein unzufriedener und frustrierter Mensch. Und das nützt meinem Umfeld auch nichts.»

Ueli Stecks Umfeld sei unendlich traurig, schreibt sein Sprecher. Der Emmentaler interlässt seine Frau. Die Familie möchte Stecks Leichnam in Nepal beerdigen.

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